Kreis Kusel
Wochenendkolumne: Kusel ohne die Mess – das scheint erstaunlicherweise zu gehen...

Unglaublich: Die Herbstmesse droht auszufallen
„Noh de Mess iss vor de Mess.“ „Was uff de Mess bassiert, bleibt uff de Mess.“ „Bis zur Mess muss es ferdisch sei.“ Die Einheimischen wissen es ohnehin, und die Zugezogenen erahnen es spätestens, wenn sie zum ersten Mal für ein paar Minuten genauer hinhören: Die Kuseler Herbstmesse besitzt einen für Menschen aus anderen Teilen Deutschlands kaum nachvollziehbaren Stellenwert. Ohne die Mess ist Kusel nicht vorstellbar.
Oder vielleicht doch? Denn wenngleich sich nach wie vor keiner so recht traut, es auszusprechen: Eigentlich muss man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es im Jahr 2020 keine Mess geben wird. Und das nicht erst seit dieser Woche, seit der deutlichen Verlängerung des offiziellen Verbots von Großveranstaltungen. Nein, es stellt sich doch schon seit Wochen – und mit jedem vergehenden Tag ein bisschen mehr – die Frage, wer auf welcher Grundlage und mit welchen Ressourcen die Planung eines solchen Ereignisses angehen soll.
So richtig zu beunruhigen schien das aber erstaunlicherweise niemanden. Und auch jetzt, da Stadtbürgermeister Jochen Hartloff nach den neuesten Entwicklungen zumindest einer Herbstmesse in gewohnter Form eine Absage erteilt hat und selbst eine abgespeckte Variante für nicht eben realistisch hält, bleiben fast alle gelassen. „Gesundheit geht vor“, lautet der meistgelesene Kommentar in den sozialen Netzwerken. Und auch der Stadtbürgermeister – Kuseler und Messgänger durch und durch – spricht sehr unaufgeregt über das Thema.
Dinge, die noch vor kurzem unmöglich schienen, sind plötzlich gar nicht mehr so unvorstellbar. Das ist eine Erkenntnis, die sich in den vergangenen Wochen immer wieder und teilweise an den am wenigsten vermuteten Stellen zeigt: Was uns unglaublich wichtig erschien, ist mittlerweile als Nebensache enttarnt, an die wir gerade keinen Gedanken verschwenden. Stattdessen setzen wir Ziele, haben Hoffnungen und Wünsche, die wir jahrzehntelang überhaupt nicht auf dem Schirm hatten. Wenn die Krise überstanden ist, wird es spannend sein zu sehen, wie lange es dauert bis – und ob überhaupt – wir zu dem zurückkehren, was wir in der Vergangenheit als Alltag empfunden haben.
Prioritäten verschieben sich
Erinnern Sie sich noch daran, was die Aufreger im April des Jahres 2019 waren? Worüber haben Sie sich vor einem Jahr geärgert? Kleiner Tipp: Eines der meist diskutierten Themen – vielleicht das meist diskutierte – zu jener Zeit war eine Tonne, die vor allen Häusern im Landkreis aufgestellt worden war – oder zumindest vor fast allen, vor zwölf Monaten waren gerade die mehr als 2000 Anträge auf Befreiung von der Biotonne das Thema.
Heute wissen wir: Doch, es gibt deutlich Bewegenderes, es gibt Dinge, die einen größeren Einfluss auf unsere Lebenswirklichkeit haben als eine zusätzliche Mülltonne. So verschieben sich Prioritäten.
Wer die Wochenendkolumne von vor 364 Tagen rauskramt, der findet die Überschrift: „Hilfsbereitschaft: Fehlanzeige“. Auch etwas, was so gar nicht ins Heute passt. Ins Heute, in dem wir fast täglich über uneigennützige, solidarische Aktionen berichten dürfen. So darf es gerne auch nach der Krise bleiben.
Und da wir schon dabei sind, vergangene „Nebenbei bemerkt...“-Kolumnen aufzuarbeiten: Seit 7. März hat es keine mehr gegeben, die ohne das C-Wort ausgekommen ist. Für diese hier habe ich es durchgezogen, keine einzige Erwähnung! Ich finde, das haben wir uns auch mal wieder verdient. Schönes Wochenende und bleiben Sie gesund!