Kreis Kusel Wo Liebe beginnt und Politik endet

Zu neunzig Prozent autobiografisch ist der Roman, aus dem Julie Freestone und Rudi Raab am Freitagabend im Jüdischen Museum rezitierten. Er trägt den Titel „Der Stolperstein“. Umgeben von der Aura jüdischer Heimatkultur lauschten rund 40 Gäste dem mit Musik untermalten Vortrag, der tragisches Geschehen in ein teilweise humorvolles Gewand hüllte.
Das Buch wurde im Original in englischer Sprache verfasst – und erzählt die Geschichte von Julie und Rudi nach, allerdings mit veränderten Namen: Sarah Stern und Karl Schmidt. Ausgerechnet im westpfälzischen Steinbach begann „am Vorabend des Sabbat“ (der Sabbat ist gemäß dem jüdischen Kalender ein wöchentlich wiederkehrender Ruhetag) die Lesereise, die das seit 27 Jahren zusammenlebende Paar unter anderem auch noch nach München und Hamburg führen wird. Die politische Kluft zwischen Sarah und Karl im Kontext des Zweiten Weltkrieges scheint unüberwindbar: Er ist Sohn eines höchst einflussreichen Nazi-Funktionärs; sie ist die Tochter jüdischer Einwanderer. „Mir wurde von zuhause eingetrichtert, nicht mit Deutschen zu verkehren, da alle Deutschen Nazis seien“, sagte Julie Freestone. Die gebürtige Kalifornierin hatte sich extra für die Lesereise durch Deutschland mit der Landessprache vertraut gemacht. Doch Rudi Raab, beziehungsweise sein fiktives Pendant Karl, dachte anders, dachte kritisch, hinterfragte. „Ich wurde acht Tage nach Kriegsende geboren – hatte also mit dem Krieg nicht mehr so viel zu tun“, sagte er leicht schmunzelnd. Mit 21 Jahren kam er in die Staaten: Dort arbeitete er als Polizist und lernte Julie kennen, die als Journalistin tätig war. Auch über ihre Liebesgeschichte erzählt der Roman in den Figuren von Sarah und Karl: Ihre Denkweise verband sie – allen politischen und gesellschaftlichen Umständen zum Trotz. Im Buch machen sich Sarah und Karl auf Spurensuche nach dessen Onkel Gerhard, ein Antifaschist, der sich dem Nazi-Regime nicht unterwerfen wollte und der der Überzeugung war, dass diese Leute Deutschland ruinierten. Bei ihrer Suche gelangen sie auch auf den Dachboden des großväterlichen Hauses und finden eine Schachtel Briefe, die Gefangene aus dem Konzentrationslager an ihre Familien sandten – oder senden wollten. Darunter ist auch ein Brief von Gerhard. Genau an dieser Stelle der Lesung setzten dann die passenderweise melancholischen Klänge von Friedrich Edelmanns Fagott und Rebecca Rusts Violoncello ein. Sie spielten über den Abend verteilt mehrere Werke jüdischer Komponisten. Die beiden Musiker begleiten Raab und Freestone auf ihrer Tour. Selbst die Familienmitglieder von Karl schweigen sich aus und am Ende der Geschichte steht die traurige Erkenntnis, dass Onkel Gerhard von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) ermordet wurde. „Obwohl der Bruder, Karls Vater, eine einflussreiche Person war, hatte er den Tod Gerhards nicht verhindert“, war einer der letzten Sätze der Lesung aus dem Mund von Rudi Raab. „Bis zu einem Drittel der Bevölkerung Steinbachs war zeitweise jüdischen Glaubens“, stellte der anwesende Kreisheimatpfleger Dieter Zenglein einen Bezug zu der Region her. Außerdem las er Briefe von Zeitzeugen vor und sprach über die einstige Schändung der Steinbacher Synagoge. Viele Leute aus dem Publikum brachten eigene Geschichten mit, die sie dem Autorenpaar nicht vorenthalten wollten: Nach der Lesung entstanden noch kleine Gesprächsrunden. Klaus Schillo ließ in seiner Grußrede nicht unerwähnt, dass der Antisemitismus noch heute ein gesellschaftlich präsentes Phänomen sei. Dieter Zenglein bezog sich in dieser Hinsicht auch auf den Skandal um den Musikpreis Echo, der jüngst zwei Rappern trotz antisemitischer Inhalte verliehen worden war.