Thallichtenberg RHEINPFALZ Plus Artikel Wie ein Ursaurier einen medialen Hype ausgelöst hat

So könnte der am Remigiusberg entdeckte Stenokranio boldi ausgesehen haben.
So könnte der am Remigiusberg entdeckte Stenokranio boldi ausgesehen haben.

Ein Jahr ist es her, dass Stenokranio boldi, 300 Millionen Jahre nach seinem Ableben, von der modernen wissenschaftlichen Welt neu geboren wurde. Kurz darauf war das Fossil vom Remigiusberg zum Internetstar geworden. Dem Urweltmuseum Geoskop auf Burg Lichtenberg hat das „zumindest nicht geschadet“.

Das, was Stenokranio boldi ab dem 4. Januar 2024 ausgelöst hat, war das, was man im 21. Jahrhundert einen veritablen Hype nennt. Auch wenn das Raubtier mit den spitzen Zähnen im breiten Maul möglicherweise ein rechter Fiesling war und schon vor rund 300 Millionen Jahren am heutigen Remigiusberg bei Rammelsbach sein Leben ausgehaucht hat: Wie „Boldi“ vielleicht ausgesehen hat, traf einen Nerv der Internetgemeinde und zog die Aufmerksamkeit von Zeitungen von Bild bis Taz auf sich. Die colorierte Zeichnung nämlich zeigt einen breit lächelnden Lurch, ein Grinsegesicht.

Die Reaktionen im weltweiten Netz ließen nicht lange auf sich warten. In Windeseile erstellten Menschen Memes. Was das ist? Laut Wikipedia „ein Medieninhalt, der sich vorwiegend im Internet verbreitet“ und „in der Regel humoristisch“ ist. Meme leitet sich von einem altgriechischen Begriff für „Nachgemachtes“ ab und wird Miem oder, als Mehrzahl, Miems ausgesprochen. Flugs gab es „Poldi“- und FC-Bayern-Boldis, „Boldi“ im Schwimmbad und als arroganter Klicks-auf-Twitter-Millionär und, und, und. Von dieser Reaktion auf „ihr“ Fossil wurden die Wissenschaftler im Urweltmuseum Geoskop mehr als nur ein bisschen überrollt.

Wie sie den „Boldi“ unterschätzten

„Gerade im Januar und Februar, als der Hype aktuell war, kamen viele Fragen, ob Boldi bei uns zu sehen ist“, erinnert sich Museumsleiter Sebastian Voigt und fährt schmunzelnd fort: „Erst da sind wir auf die glänzende Idee gekommen, eine separate Vitrine mit dem Typusmaterial zu machen.“ Will heißen: Zuerst war gar nicht vorgesehen, „Boldi“ vom Fleck weg in die Dauerausstellung des Geoskops einzubauen. Was wiederum nicht wundert, denn am Remigiusberg sind im vergangenen Jahrzehnt so viele Fossilien von Weltrang geborgen worden, dass sie gar nicht alle Platz in der Dauerausstellung finden würden.

In Vorträgen wurden die meisten schon vorgestellt, ein paar haben es auch in Vitrinen geschafft. Allesamt zu sehen sein sollen sie aber erst ab Herbst 2026 in einer großen Sonderausstellung „Der Remigiusberg bei Kusel – Deutschlands älteste Saurier“. Der Hintergrund: 2026 soll es ein deutschlandweites Themenjahr „100 Jahre Ursaurier“ geben (1926 ist der Begriff Ursaurier zum ersten Mal in der Literatur aufgetaucht).

Ein Saurier fürs Stille Örtchen

Bis zum Sommer hätten viele Leute nach den fossilen Resten des grinsenden Fleischfressers gefragt, erzählen die Mitarbeiterinnen an der Museumskasse, seit zwei, drei Monaten niemand mehr. „Die Welle ist also durch“, kommentiert Museumsleiter Voigt. „Bis zum Sommer sind Leute aber extra wegen ,Boldi' ins Museum gekommen. Sie waren begeistert, das Material im Original sehen zu können, freuten sich über die Souvenirs, fragten nach T-Shirts und Klodeckeln mit seinem Konterfei.“ Letzteres ist keine Ironie. Ein Meme zeigte genau das: „Boldi“ lächelnd lauernd auf dem Stillen Örtchen. Klodeckel gab es nicht im Museumsshop, aber Kühlschrankmagneten mit Boldi-Konterfei, die laut Voigt zu 92 Prozent verkauft wurden. Direkt im Januar waren auch 1000 Postkarten geordert worden: „Die waren sofort weg.“ Von der Nachbestellung sind noch Exemplare da.

Was die Besuchszahlen angeht, habe „Boldi“ zumindest nicht geschadet, sagt Voigt. Rund 17.500 Menschen haben das Geoskop im vergangenen Jahr besucht, ähnlich viele wie 2023. Das langjährige Mittel liegt bei gut 14.600 Gästen. Allgemein seien die Besuchszahlen erstaunlich gut, findet der Urweltspezialist. „Wir liegen die letzten Jahre jeweils 2500 bis 3000 Personen über dem langjährigen Mittel.“ Das 1998 eröffnete Museum steht in der Trägerschaft des Bezirksverbands Pfalz (73 Prozent), des Landkreises Kusel (26 Prozent) und des naturwissenschaftlichen Vereins Pollichia (ein Prozent) und verzeichnete seit der Gründung bis Ende 2024 etwas mehr als 377.000 Besucher. Das Maximum lag mit 20.875 im Jahr 1999, die schlechteste Saison war 2013 mit weniger als 11.000.

Berlin war schneller als die Pfalz

Noch einmal zu „Boldi“ sagt Voigt: „Insgesamt sollte man berücksichtigen, dass ,Boldi' aufgrund dessen, dass das Naturkundemuseum Berlin die Pressemeldung zuerst herausgegeben hat und dann erst wir, der Fund leider mehr mit dem Berliner Museum assoziiert wird als mit uns. Schlecht gelaufen, allerdings weiß man nicht, ob es sonst eine solche mediale Wirkung erzielt hätte.“ Fossilien des urzeitlichen Lurchs, der 60 Millionen Jahre vor den ersten Dinosauriern auf der Erde zugegen war, waren 2013 und 2018 am Remigiusberg gefunden und danach von einem wissenschaftlichen Team ausgewertet worden.

Diesem Team gehörten Sebastian Voigt und Jan Fischer vom Urweltmuseum Geoskop an, federführend waren aber Kollegen aus Thüringen und Berlin. Die Ergebnisse wurden am 4. Januar 2024 publiziert. Der Namenszusatz boldi ehrt Rudolf Bold aus Rammelsbach, der dem Urweltmuseum ein Fossil vom Remigiusberg überlassen hatte. Dieser Überrest entpuppte sich nach der Untersuchung 2011 als Kieferstück der bislang ältesten in Deutschland bekannten Art eines Landwirbeltieres, das sich unabhängig vom Wasser fortpflanzen konnte: Cryptovenator hirschbergeri.

Info

„Boldi“ wird ab 11. April in der Sonderausstellung „Amphibien – Wunder der Evolution“ im Geoskop in neuem Licht zu sehen sein.

Das Fossil des Stenokranio boldi. Das Urtier war eines der größten Raubtiere seiner Zeit im heutigen Europa.
Das Fossil des Stenokranio boldi. Das Urtier war eines der größten Raubtiere seiner Zeit im heutigen Europa.
Zuerst war nicht vorgesehen, „Boldi“ in die Dauerausstellung des Geoskops einzubauen. Durch die mediale Wirkung wurde das aber n
Zuerst war nicht vorgesehen, »Boldi« in die Dauerausstellung des Geoskops einzubauen. Durch die mediale Wirkung wurde das aber nachgeholt.
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