Waldmohr RHEINPFALZ Plus Artikel Weihnachten auf dem Rasthof: „Jesus-Biker“ überraschen Trucker

Am Weihnachtsmorgen sind noch viele Fahrerkabinen verhängt: Doch reagieren die Fahrer trotzdem.
Am Weihnachtsmorgen sind noch viele Fahrerkabinen verhängt: Doch reagieren die Fahrer trotzdem.

48 Stunden lang müssen Lkw-Fahrer, die an Heiligabend unterwegs sind, pausieren. Wer Glück hat, findet einen freien Platz auf einer Autobahnraststätte wie bei Waldmohr. Und wer noch mehr Glück hat, bekommt am ersten Feiertag sogar etwas geschenkt.

Albert Geis öffnet den Kofferraum seines Autos und zeigt stolz auf die Ladung: Ein weihnachtliches Päckchen reiht sich an das andere, die einen mit Nikolaus-Motiv, die anderen mit kleinen Tannen. 58 Geschenke sind es insgesamt, sechs mehr, als ursprünglich gedacht. Und alle warten darauf, gleich einen Abnehmer zu finden, der Weihnachten weit weg von Familie und Freunden verbringen muss.

Voller Kofferraum: 58 Weihnachtstüten haben Albert Geis (rechts), Hans Reinhard (links) und ihre Freunde dabei.
Voller Kofferraum: 58 Weihnachtstüten haben Albert Geis (rechts), Hans Reinhard (links) und ihre Freunde dabei.

Es ist kurz vor halb zehn am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertags. Der Parkplatz des Rasthofs Waldmohr im Landkreis Kusel an der A6 ist nicht voll, aber gut ausgelastet. Das Wetter ist bescheiden, nass-kalt und leicht neblig. An etlichen der Lkw, die dort parken, sind die Scheiben noch zugehängt. Wie sich später zeigt, heißt das aber nicht, dass die Fahrer noch schlafen. So manch einer telefoniert oder chattet gerade mit Zuhause. 48 Stunden müssen sie in der Westpfalz nahe zum Saarland ausharren, dann gilt das Fahrverbot zwischen Heiligabend, 22 Uhr, und dem zweiten Weihnachtsfeiertag, 22 Uhr, nicht mehr.

Die besondere „Gang“

Würde Weihnachten im Sommer gefeiert, wäre Albert Geis mit seiner Suzuki Intruder angerollt, mit der der 75-Jährige mittlerweile drei Jahrzehnte unterwegs ist. Seit 2023 trägt er dabei eine ganz besondere Kutte, wohlwissend, dass solche Westen nicht unbedingt beliebt sind. Aber gerade weil sie auch das Markenzeichen von Motorrad-Gangs sind, einige davon mit durchaus schlechtem Ruf, setzt er auf dieses Kleidungsstück. Denn seine Gang ist eine ganz besondere, eine bundesweit organisierte Motorrad-Gruppe namens „Jesus Biker“, konfessionsübergreifend und ohne irdischen Präsidenten. Denn dieser sitzt im Himmel, wie auch auf der Weste zu lesen ist: „Jesus Christus, Weg – Wahrheit – Leben“.

Aufs Motorrad indes verzichtet Geis im Winter: „Zu kalt und zu riskant.“ Auf die Mission an der Autobahnraststätte ist der Waldmohrer durch einen anderen „Jesus Biker“ gekommen, „der bei Frankfurt am Main lebt und früher selbst Lkw-Fahrer war“. Alljährlich beschere dieser Brummifahrer zwischen Frankfurt und Kassel. Begeistert von der Idee, will sie Geis nun erstmals in der Westpfalz umsetzen.

Aus der ganzen Pfalz

Begleitet wird er von Mitgliedern der Baptistengemeinde Kaiserslautern, darunter Artur Schell und dessen Neffe Henry. Aus der Südpfalz dabei sind Hans Reinhard aus Flemlingen und der frischgebackene „Jesus Biker“ Elmar Mathis, der im ehemaligen protestantischen Pfarrhaus von Schweigen-Rechtenbach wohnt. Eine kürzere Anfahrt hatte die Familie Pfaff aus dem nahen Schönenberg-Kübelberg, die Eltern Manuela und Steve mit ihren Teenager-Kindern Nia-Mishale und Tiago Leon. Alle vier gehören zur Evangelischen Christusgemeinde ihres Heimatdorfs.

Ein Lkw-Fahrer, der sich gerade im Trainingsanzug und mit Schlappen an den Füßen ins Freie wagt, wird als erster bedacht und kann auch helfen. Denn die „Jesus Biker“ fragen sich, ob sie einfach an den Brummi-Türen klopfen können oder ob sie damit die Besatzung aufwecken. Das sei gar kein Problem, meint der Mann aus Usbekistan und freut sich sichtlich, dass da gerade das Christkind vorbeikommt.

Didgeridoo irritiert erst mal

Zwar weiß er im ersten Moment nicht, um was genau es geht. Doch mit Hilfe von Händen und Füßen, ein paar Brocken Englisch auf der einen und ein paar Brocken Deutsch auf der anderen Seite lässt sich schnell eine Brücke über die Sprach- und Glaubensbarriere hinweg bauen. So erfahren die Westpfälzer auch schnell, dass er für ein litauisches Unternehmen fährt und vier kleine Kinder hat. Nur dass Elmar Mathis noch eine Melodie auf dem Didgeridoo, einem australischen Blasinstrument aus Holz, spielt, sorgt kurzzeitig für leichte Irritation.

Elmar Mathis überrascht einen Fahrer aus Usbekistan mit dem Didgeridoo.
Elmar Mathis überrascht einen Fahrer aus Usbekistan mit dem Didgeridoo.

Artur Schell und sein in Deutschland geborener Neffe Henry sprechen auch ausgezeichnet Russisch. Das hilft später bei der Kommunikation. Denn fast alle Trucker kommen aus Osteuropa, sind, wie einer gern erzählt, immer unterwegs und das in ganz Europa. Von der Weihnachtstüte ist jeder überrascht, der Inhalt, auf den sie schnell ein Auge werfen, scheint gut anzukommen. Süßigkeiten, Hygieneartikel, Selbstgestricktes füllen die Beutel.

Schnell im Gespräch

Ein Fernfahrer aus Rumänien schaut gerade Fernsehen, unterbricht aber sofort, als die „Jesus Biker“ klopfen und frohe Weihnachten wünschen. „Das ist nun mal der Job“, meint er und bedankt sich. Mit Schisu aus Polen kommt Henry Schell länger ins Gespräch, wieder auf Russisch. „Es ging auch viel um den Glauben“, erklärt er im Nachhinein. Als ein rumänischer Fahrer Temeschwar (Timisoara) erwähnt, leuchten auch die Augen von Elmar Mathis. „Aus der Nähe von Temeschwar stammt meine Großmutter“, erzählt er – und sofort gibt es neuen Gesprächsstoff.

Russisch, Deutsch, Englisch, im Notfall mit Händen und Füßen: Geis und Artur Schell (rechts) mit einem der Fahrer.
Russisch, Deutsch, Englisch, im Notfall mit Händen und Füßen: Geis und Artur Schell (rechts) mit einem der Fahrer.

Wo keine Tür geöffnet wird, stellen Albert Geis und seine Freunde eine Weihnachtstüte an den Truck. Als alle Fahrer bedacht sind, geht es weiter zum Autohof im nahen Homburg. Der 75-Jährige ist überzeugt, dass dort die letzten verbliebenen Geschenke ebenso für Freude sorgen werden.

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