Kusel
Von der Musik zur Bildenden Kunst: Michaela Fulea ist „immer in Bewegung“
„Ich stamme aus einem künstlerischen Elternhaus“, erzählt Fulea. In ihrer Familie habe es Dichter, Maler und Bildhauer gegeben. „Meine Tante hat Dante übersetzt, mein Großvater war Chordirigent und hat eine Folkloresammlung mit griechisch-mazedonischer Musik publiziert.“ In gewisser Weise war ihr Weg also vorgezeichnet. Wobei sie sich zwar schon früh für Kunst interessierte, in ihrer Kindheit aber zunächst die Musik ihr Leben bestimmt habe. „Ich hatte nur Musik im Kopf, ich wollte Musik studieren.“
1943 in Siebenbürgen geboren, begann sie mit fünf Jahren Geige zu lernen. Im Alter von zehn Jahren wechselte sie zum Klavier. „Allerdings hatte ich nicht wie die Kinder in den Großstädten die Chance, eine spezielle Musikschule zu besuchen – ich war auf einem ganz normalen Gymnasium“, sagt sie über ihre Kindheit und Jugend im rumänischen Klausenburg. Diese seien nicht einfach gewesen, denn aus politischen Gründen habe ihr Vater nicht von seiner Tätigkeit als Diplomat in Rom zurückkehren können. Stattdessen emigrierte er nach Paris, während Michaela Fuleas Mutter, eine Französischlehrerin, weiter in Siebenbürgen lebte. Ihre Eltern hatten sich irgendwann mit der Situation arrangiert und gründeten beide neue Familien.
Einschnitt mit Ceausescu Politik der eisernen Hand
In Klausenburg studierte Fulea zunächst Pädagogik, sie wollte Musiklehrerin für Gymnasien werden. Nach Abschluss ihres Studiums fand sie dann jedoch eine Stelle als Konzertdramaturgin bei der örtlichen Philharmonie. Parallel war sie auch als Kritikerin für Zeitungen und beim Klassikradio tätig. „Das war eine fantastische Möglichkeit für mich. Ich habe nicht nur Programmhefte für die Philharmonie gemacht, sondern konnte auch als Rezensentin zur Musikbiennale Zagreb reisen. Da war ich 23 Jahre alt, alle haben mich verwöhnt“, schwärmt sie von dieser Zeit. Zudem sei ihr ein Platz für das Studium der Musikwissenschaft an der Universität Klausenburg angeboten worden. „Ich wollte zwar eigentlich Komposition studieren, doch es gab nur zwei Plätze, die Aufnahmeprüfungen waren sehr anspruchsvoll. Für Musikwissenschaft wurde ich angenommen, einige Fächer aus meinem Musikpädagogikstudium wurden mir hier auch anerkannt“, erinnert sich Fulea. Sie studierte weitere vier Jahre. „Ich wollte auch promovieren, aber ich war nicht Mitglied der Partei.“
Dennoch sollte die Politik ihr Leben bald drastisch verändern. Von einem Besuch in China sei der langjährige rumänische Diktator Nicolae Ceausescu mit einer Menge neuer Ideen zurückgekommen. „Auf uns kam eine ganz strenge Politik zu. Ich konnte nicht mehr nach Paris fahren und meinen Vater besuchen, der dort lebte und für Radio ,Free Europe’ arbeitete.“ Paris sei damals eine Insel für rumänische Intellektuelle gewesen, 1965 hatte sie noch zu ihrem Vater reisen können. Doch damit nicht genug: Fulea, die inzwischen einen Geiger geheiratet und einen Sohn zur Welt gebracht hatte, verlor ihre Arbeit an der Philharmonie. „Aber dann gab es eine freie Stelle im akustischen Studio der Musikhochschule. Ich sollte Schallplatten aus dem Westen auf Tonbänder aufnehmen. Dadurch habe ich sehr viel Musik gehört.“ Außerdem wurde eine Stelle als Dozentin an der Musikhochschule frei, in der Orchestrierung. „Das waren meine schönsten Berufsjahre, da habe ich fünf bis sieben hoch talentierte Kompositionsstudenten in Dirigieren und Musikwissenschaft unterrichtet.“
Aus dem Ruhrgebiet ins Musikantenland
Der nächste Einschnitt folgte im Sommer 1980: Sie flüchtete mit ihrem Mann nach Deutschland. „Er war deutschstämmig, sonst wäre ich vielleicht nach Frankreich gegangen – ich spreche sehr gut Französisch“, erinnert sie sich. „Aber mein Mann hatte als Geiger in Deutschland bessere Chancen.“ Zuerst war das Paar in einem Flüchtlingslager in Nürnberg untergebracht. „Wir haben Rumänien mit zwei Koffern und einer Geige verlassen. Wir hatten keine Papiere, außer unseren Pässen.“ In Iserlohn lernte sie Deutsch, ehe sie 1981 mit ihrem Mann nach Essen kam. „Er hatte eine Stelle als zweiter Geiger bei den Essener Philharmonikern bekommen.“ Sie selbst fand Arbeit als Klavierlehrerin an der Folkwang Musikschule. Von 1987 bis 1994 konnte Michaela Fulea endlich auch ihre Promotion über George Enescus Oper „Oedipe“ an der Sorbonne realisieren. Außerdem studierte sie Malerei und Grafik am Institut für Bildende Kunst in Essen. „Ich wollte noch mal etwas anderes machen.“ Bis 2021 lebte sie in der Ruhrgebietsmetropole.
In der Pandemie kam ihr Sohn, der in jener Zeit im Home-Office arbeitete, auf die Idee, ein Haus zu mieten, in dem jeder seine eigene Wohnung haben würde. Diesen Plan konnte die Familie in Kusel in die Tat umsetzen. Dort hat sich Michaela Fulea schnell eingelebt – sie ist Mitglied im Kunstverein geworden, hat bereits mehrfach ausgestellt. Ihre künstlerischen Vorbilder sind in erster Linie die abstrakten Expressionisten, Künstlerinnen wie Helene Frankenthaler und Joan Mitchell. „Aber auch von den Impressionisten kann man viel lernen, vor allem Atmosphäre.“ Ihre Malerei schwebt zwischen Figuration und Abstraktion, ihre Hauptinspiration ist die Natur. „Bäume beeindrucken mich sehr, diese Geometrie der Zweige und die Bewegung der Blätter.“ Denn Bewegungen und Emotionen sind wichtig für Michaela Fulea. „Mein Lebensmotto ist: Immer in Bewegung sein. Ich liebe das Leben, ich möchte dabei sein und mich in jedem Moment weiterentwickeln können.“
Info
Michaela Fulea stellt zurzeit in der Alten Schmiede in Bedesbach unter dem Titel „Was ist abstrakt?“ aus. Es gibt noch einen Öffnungstermin: Sonntag, 20. April, 14 bis 17 Uhr. Besuche sind ansonsten auf Anfrage bei der Künstlerin möglich: 0157 87757060.