Gries
Vielseitige Orgel: Toccata, Jazz und Kammermusik
Da ist er, der Triller, der sofort die Kirche füllt, der zum Mitgehen und leisem Mitsummen animiert. Herrlich schwillt die Tonfolge an, lässt den Zuhörer in ihrem Brausen versinken. Ausgesprochen dramatisch geht es weiter. Die Fuge marschiert voran, mal verspielte, mal kräftige Läufe eilen dahin. Das Thema variiert, setzt auf kontrastierende Wirkung. Das mehr als voluminöse Ende ist eher düster und schwer, fast als würde alles in sich kollabieren.
Wer kennt sie nicht, die berühmten Anfangstöne der Toccata und Fuge d-moll von Johann Sebastian Bach? Am Sonntagabend war sie – umrahmt von anderen Kompositionen – in der protestantischen Kirche in Gries zu hören. Rund 90 Veranstaltungsorte waren beim ToccaTag des Bistums Speyer und der Evangelische Landeskirche der Pfalz dabei. Die Musiker Christoph Jakobi, Bezirkskantor Stefan Ulrich (beide Orgel) und Carina Brunk (Klarinette) brachten in einem knapp zweistündigen Konzert weitere Werke aus verschiedenen Epochen zu Gehör.
Wunsch jedes Organisten
Er spiele die Toccata sehr oft, vor allem bei Hochzeiten oder bei festlichen Gottesdiensten, wird Christoph Jakobi später im Gespräch mit der Rheinpfalz berichten. Er beschreibt das Werk als „selbst für Bach eher ungewöhnlich“. Ihn persönlich begeistert, dass „es so natürlich, so frei klingt“. Der Pralltriller zu Beginn verselbstständige sich, erinnere ihn an einen sich aufschwingenden Vogel, der sich in die Lüfte schraube. Ja, räumt der Organist ein, das Werk weise eine gewisse Schwierigkeit auf, insbesondere im mittleren Teil. Aber natürlich sei es der Wunsch eines jeden Organisten, die Toccata zu spielen und mit einer gewissen Erfahrung sei sie meisterbar.
Mit Präludium und Fuge in C-Dur von Johann Heinrich Buttstett, ein Zeitgenosse Bachs, hat Jakobi das Konzert eröffnet. Der feierliche Anfang wird munterer. Zu hören sind feine Tremoli, die sich in kräftigen Anschlägen auflösen. In typischer Fugen-Manier wird das Thema wiederholt.
Auch Klarinette solo
„Comptine d’un autre Été“ ist die Fuge aus der Feder des 1970 geborenen Yann Tiersens überschrieben. Im Gegensatz zu den barocken Vorgängern kommt sie tänzelnd und flott daher; an der geforderten Kunstfertigkeit steht sie diesen indes in nichts nach. Aus dem 20. Jahrhundert stammt „Prelude in Classic Style C-Dur“ von Gordon Young. Fröhlich und modern – mitunter unterlegt von dumpfen, tiefen Tönen – passt es perfekt in die Fugen-Übersicht, die Jakob vermitteln will.
Bei Georg Philipp Telemanns Aria Es-Dur und Gigue c-moll zeigen Carina Brunk und Christoph Jakobi, dass Klarinette und Orgel sich ergänzen können. Wie bei anderen Kompositionen treibt das Blasinstrument die Melodie voran, während die Orgel begleitet oder kontrastiert. Stücke von Vivaldi, Händel und Eccles interpretieren beide – ideal harmonierend – zusammen. Im „Gulaschlied“, das Brunk solo spielt, wird die Bandbreite der Klarinette deutlich. Reich an Tempi klingt es am Ende leise, einem Abendlied gleich aus.
Kirche wird Jazzkeller
Kann Orgel wirklich Jazz? Sie kann. Stefan Ulrich kann. Und er weiß: Einige berühmte Jazz-Musiker waren ursprünglich Organisten. Ulrich selbst beschäftigt sich seit etwa 2007 mit diesem Stil, vor allem mit dem Bigband-Sound. Er begann, eigene Stücke für die Königin der Instrumente zu komponieren. Titel wie „Sauerkohlstomp“, „Sonntagmorgenfrühaufstehblues“, „Funk sei Dank“ oder „What so reggae“ wecken Erwartungen. Tatsächlich gelingt es Ulrich, die Kirche schier in einen Jazz-Keller zu verwandeln. Bluesige, knarzende, krächzende und greinende Töne wechseln mit knalligen, lauten, peitschenden ab. Zwei Kirchenlieder erscheinen in jazzigem Gewand.
Gut spiele sie sich, bescheinigte Bezirkskantor Ulrich der Weigle-Orgel, die fast auf den Tag genau vor 20 Jahren in Gries eingeweiht worden war. Pfarrer Andreas Rummel berichtete: Das Instrument habe Organist Jakobi eher zufällig in Wuppertal entdeckt. Die 30.000 Mark für den Kauf gab der Förderverein Kirchenorgel, 60.000 Mark kostete das neue Gehäuse.