Kusel / Gries
„Unparteiisch“: Top-Schiedsrichter Christian Dingert lässt Fußballfreunde aufhorchen
Gesehen hat ihn keiner – und doch hat Christian Dingert bei der Partie SC Freiburg gegen FC Augsburg maßgeblich mitgewirkt. Manch Fan der Breisgauer mag den Fußball-Schiedsrichter aus der Pfalz am Samstag schon früh als Spielverderber verflucht haben. Dabei hat Dingert nur seinen Job gemacht – und das genau so, wie es Regeln und Anweisungen eben verlangen. Kommendes Wochenende wird der 45-Jährige wieder selbst die Pfeife schwingen und eine Begegnung der Eliteliga leiten. Abseits des Tagesgeschäfts sorgt der Thallichtenberger aktuell aber auch für Furore im Fernsehen.
Sommerliche Fußballpause? Gibt’s ja eigentlich kaum mehr, wenn auch in der ersten Liga seit Mai kein Ball mehr gerollt war. Sich ein ausgedehntes Päuschen zu gönnen, davon war Christian Dingert ohnehin wieder weit entfernt. Der in Gries-Lebecksmühle beheimatete Fifa-Schiedsrichter hat einen heißen Sommer hinter sich. Auch wenn’s keiner bemerkt und wohl nur wenige davon gelesen oder gehört haben: Dingert war in ein international vielbeachtetes Turnier eingebunden.
Als Video-Schiri international dazwischengefunkt
Doch hat ihn eben keine Kamera bei der Arbeit eingefangen, als er vier Wochen in der Schweiz verbracht hat. Bei der Europameisterschaft der Frauen war Dingert in entscheidender Rolle auf Ballhöhe. Auch dort aber – wenngleich mit voller Konzentration – im bequemen Stuhl vor einer Bildschirmwand, so wie zum Bundesliga-Saisonstart am Samstag. Als Video Assistant Referee (VAR), als sogenannter Video-Assistent oder -Schiri, hat Dingert bei den EM-Partien der Mädels dazwischenfunken müssen, wenn’s denn nötig war.
Die Frauen-EM war übrigens schon seine zweite – auch bei der vorangegangenen in England war der erfahrene Unparteiische schon mit dabei. Im Frühsommer hatte Dingert seiner Karriere zudem einen Farbtupfer verpasst, den er selbst als eine Krönung ansieht: Der Pfälzer hat in der Hauptstadt das DFB-Finale leiten dürfen – für ihn eine Ehre, wie er betont hat.
Hitzige Partie in Istanbul, Sommerkick in Mainz
Fast nahtlos ging’s weiter; auch vorm ersten Bundesliga-Anpfiff hat er Partien geleitet. Etwa ein Vorbereitungsspiel zwischen Mainz 05 und Straßburg, dann im Pokal die Paarung Jahn Regensburg gegen 1. FC Köln. Ja, und als es schon Zeit war, Richtung Kölner Keller zu fahren, war er noch rasch in die Türkei gejettet: Champions-League-Play-off zwischen Fenerbahce Istanbul und Benfica Lissabon war eine hitzige Partie, die Dingert ebenfalls in der Video-Schiri-Rolle begleitete.
Als Unparteiischer auf Deutschlands wichtigster Fußballbühne ist Dingert gerade in seine 16. Saison gestartet. Sein Debüt hat er im September 2010 gefeiert, seither zählt er zur Schiedsrichter-Elite. Vieles ist längst zur Routine geworden – einige Einsätze der vergangenen Saison allerdings haben auch dem Familienvater und Verwaltungswirt bei der Kreisverwaltung eine neue Erfahrung beschert – und eine neue Sicht auf sich selbst.
Keine Vorab-Premiere für die Hauptdarsteller
„Ich hab’s bei der Ausstrahlung selber zum ersten Mal gesehen“, sagte Dingert im Gespräch mit der RHEINPFALZ – gemünzt auf seinen Auftritt in einer Fernseh-Dokumentation, die sich eingehend und aus bislang neuer Perspektive mit den nicht immer geliebten, nicht selten gescholtenen, aber eben unverzichtbaren Akteuren ohne Ballkontakt auseinandersetzt.
„Unparteiisch – Deutschlands Elite-Schiedsrichter“ ist die kleine Serie überschrieben, die der Norddeutsche Rundfunk produziert hat und die die ARD ausstrahlt. Inzwischen läuft bereits Staffel zwei, vor Wochenfrist war am Montag die erste Folge der zweiten Teilserie im Fernsehen zu sehen. Kurz nach Mitternacht läuft am Dienstag, 26. August, früh um 0.05 Uhr, der nächste Beitrag von insgesamt sechs.
Dingert mischt – wie einige weitere Kollegen und auch Kolleginnen – in dieser Doku munter mit. Die Unparteiischen gewähren Einblicke auch auf das, was sich neben dem Feld, vor und nach dem An- und Abpfiff, so abspielt. Spektakulär aber sind die Darstellungen ihrer Arbeit während des Spiels: Der rege Funkverkehr zwischen Schiri und Assistenten an der Linie darf mitgehört werden. Auch bleibt dem Betrachter nicht verborgen, wie die Beteiligten auf dem grünen Rasen miteinander umgehen.
Observation schnell aus dem Fokus gerückt
„Klar, da wird unheimlich viel kommuniziert“, sagt Dingert, der sich in der Doku selbst aus ungekannter Warte hat beobachten können. „Das erste Drehspiel war die Partie Düsseldorf gegen Köln in der vergangenen Zweitliga-Saison. Anderthalb Tage lang hat uns ein Kamerateam begleitet.“ Was dabei herausgekommen ist, hat Dingert selbst ein bisschen überrascht, auch weil er selbst das gar nicht so sehr wahrgenommen hat, die Kamera- und Mikrofon-Observation schnell aus dem Fokus gerückt ist, sobald der Ball rollt und das Spiel alle Konzentration abverlangt. „Das ist wirklich ungefiltert“, versichert er.
So also geht es zu auf Deutschlands meistbeachteten Fußballplätzen. Schaden kann es nicht, wenn Fußballfans das mal näher erkunden können, schon gar nicht den Unparteiischen selbst. Deren Arbeit wird nicht verklärt, vielmehr rücken sich die Referees selbst in ein gutes Licht. Was einen der Darsteller riesig freut: „Die Resonanz war brutal positiv“, hat Christian Dingert feststellen dürfen.
Info
„Unparteiisch – Deutschlands Elite-Schiedsrichter“ lautet der Titel der Fernseh-Dokumentation. Die sechs Teile der zweiten Staffel sind in der Mediathek der ARD abrufbar, können also von jedermann jederzeit via Internet verfolgt werden. Auf der Startseite www.ardmediathek.de findet sich oben rechts eine Suchfunktion. „Unparteiisch“ eingeben genügt, schon zeigt das Menü alle Videobeiträge der Serie an.