Interview
Thema Organspende: „Jeder sollte sich entscheiden“
Herr Mönch, das Westpfalz-Klinikum schreibt in seiner Pressemitteilung, dass nur ein Bruchteil der Menschen, die grundsätzlich für Organspenden sind, tatsächlich auch einen Spenderausweis besitzen. Was ist denn die größte Hürde für diese Menschen?
Das ist eine gute Frage. Eine Hürde sind sicherlich die Informationsdefizite. Ich glaube nicht, dass jeder Mensch ausreichend darüber informiert ist, was Organspende beziehungsweise Organtransplantation bedeutet. Da gibt es insgesamt viel Halb- und Viertelwissen. Das ist auch der Grund, warum wir diese Veranstaltung in das Gesundheitsforum aufgenommen haben: Es geht darum, den Menschen Informationen zu geben, sodass sie letztlich eine bewusste Entscheidung treffen können. Vielleicht spielt neben den Wissenslücken auch die deutsche Mentalität eine Rolle. Im Ausland ist das Thema präsenter, wird viel eher zu den Menschen gebracht – und die Zustimmung ist größer.
Den Menschen, die auf ein Spenderorgan warten, läuft mehr oder weniger die Zeit davon. Lässt sich quantifizieren, wie viele Menschen in Deutschland tatsächlich bis zuletzt vergeblich auf ein Spenderorgan warten?
Auswendig kann ich Ihnen nicht sagen, wie groß die Abmelderaten auf den Wartelisten sind. Festhalten kann man aber, dass es eine signifikante Zahl ist. Wenn man absolut lebensnotwendige Transplantationen wie Herz- oder Lebertransplantationen betrachtet, bei denen der Wartende mittelbar stirbt, wenn er kein Organ bekommt, dann muss man sagen: Ja, da sterben ständig Menschen auf den Wartelisten. Solches ist ständiger Begleiter eines Transplantationsarztes.
Werden im Westpfalz-Klinikum in Kusel eigentlich Organe transplantiert?
Nein. Organe transplantieren darf man nur in einem Transplantationszentrum – und von denen gibt es in Rheinland-Pfalz zwei, eins in Kaiserslautern und eins in Mainz. Die Organspende wiederum, also die Operation, bei der einem verstorbenen Menschen die Organe entnommen werden, wird in jedem Krankenhaus in Deutschland durchgeführt. Wenn sich also in Kusel ein hirntoter Mensch befinden würde, der Organe spenden möchte, also seine Zustimmung gegeben hat, könnten diese auch dort entnommen werden.
Wie viele Menschen aus dem Kreis Kusel warten auf ein Spenderorgan? Haben Sie dazu Zahlen parat?
Ich kann Ihnen zumindest sagen, dass unsere Warteliste für die Nierentransplantation in Kaiserslautern immer rund 100 Menschen umfasst – plus, minus. Die Region, die wir versorgen, schließt die Westpfalz ein und reicht noch ein Stück darüber hinaus – in Richtung Trier.
Welche Organe können denn eigentlich gespendet werden?
Man unterscheidet Organe und Gewebe. Menschen können als Organe das Herz, die Lunge, die Leber, die Bauchspeicheldrüse, die Nieren und den Dünndarm spenden. Wobei man dazusagen muss, dass die Dünndarmtransplantation extrem selten vorkommt, in Deutschland pro Jahr weniger als zehnmal. Zum Vergleich: Nierentransplantationen gibt es hierzulande pro Jahr etwa 1500, Herztransplantationen 300 bis 400, Lebertransplantationen 600 bis 700.
Gewebe können auch entnommen werden: Knorpelgewebe, Knochengewebe, Gefäße und Hornhäute. Letztere kann man aber von jedem Verstorbenen entnehmen, nicht nur von Menschen, die am Hirntod gestorben sind.
Können Menschen Organe spenden, die keinen Spenderausweis besitzen, indem Angehörige für sie entscheiden?
Ja, klar. Es muss im mutmaßlichen Willen des Spenders entschieden werden. Wenn der potenzielle Spender seinen Willen nicht erklärt hat, etwa in Form des Ausweises oder über das Transplantationsregister, eine Internetdatenbank, dann werden die Angehörigen gefragt und müssen im mutmaßlichen Willen des Spenders entscheiden – und da gibt es eine ganz bestimmte Kette, nach der vorgegangen wird, je nachdem, welche Angehörigen es gibt. Es kann auch jemand sein, der nicht zur Familie gehört, aber in einer emotional engen Bindung zu dem Verstorbenen steht, ein Freund etwa, aber das sind wirklich absolute Ausnahmefälle.
Nun referieren Sie in Kusel zu dem Thema. Was möchten Sie den Menschen mit auf den Weg geben? Wie ermutigen Sie sie, sich einen Spenderausweis ausstellen zu lassen?
Für mich ist gar nicht so entscheidend, ob die Leute mit Ja oder Nein stimmen. Das ist eine Sache, die man keinem Menschen aufzwingen kann. Meine Botschaft ist im Wesentlichen: Jeder sollte eine Entscheidung treffen – eine bewusste Entscheidung. Außerdem sollte man sich auch über andere Fragen Gedanken machen: Würde ich, wenn ich es brauche, selbst ein Organ annehmen? Würde ich meinen Eltern oder meinem Kind ein Organ verpflanzen lassen? Diese Fragen gehören für mich zusammen. Was mir als Arzt immer mal wieder begegnet ist eine – aus meiner Sicht zumindest zweifelhafte – Haltung, bei der Menschen eine Organspende ablehnen, aber selbst bereit wären, ein Spenderorgan empfangen.
Mir geht es in Kusel vor allem darum, Menschen zu informieren, sie offener für eine Entscheidung zu machen. Ich werde Daten mitbringen, ich werde erklären, was der Hirntod ist und was es für den Leichnam bedeutet, wenn man Organe entnimmt. Am Ende sind die Besucherinnen und Besucher hoffentlich so informiert, dass sie bewusster entscheiden können, was sie gerne möchten.
Finden Sie, dass in Deutschland insgesamt noch mehr zu dem Thema aufgeklärt werden müsste?
Ja, unbedingt.
Info
Das Gesundheitsforum unter dem Titel „Hirntod und Organspende – Was jeder Mensch hierüber wissen sollte“ am Mittwoch, 16. April, in der Kapelle des Kuseler Westpfalz-Klinikums, startet um 19 Uhr. Es referiert Christian Mönch, Chefarzt für Chirurgie. Der Eintritt ist frei.