KUSEL RHEINPFALZ Plus Artikel Tauben-Wettflug: Mit 75 Sachen in Richtung Heimat

Eine Taube nach der anderen nehmen die Züchter aus den Körben.
Eine Taube nach der anderen nehmen die Züchter aus den Körben.

Auf den ersten Blick wirkt die „Hasenschenke“ in der Winterhelle verwaist. Doch an den Wochenenden von Mai bis September geht es an dem Treff des Kleintierzuchtvereins zu wie in einem Taubenschlag. Ist die Hasenschenke doch „Einsetzstelle“ für die Brieftaubenfreunde aus der Umgebung von Kusel und aus Nachbarkreisen, bevor die Tauben auf große Reise gehen.

An diesem sonnigen Tag ist Heinz Schuf als erster Taubenzüchter an der Hasenschenke angekommen. Mit 83 Jahren ist der Konker der Senior in der „Reisevereinigung Grenzland“. Diese zählt 28 Mitglieder, von denen fast 20 ihre Vögel auf die Reise schicken. Zum Brieftaubensport kam Schuf vor rund 60 Jahren über einen Bekannten. Für den gelernten Bau- und Möbelschreiner war es keine Herausforderung, Ausstellungskäfige für die Brieftauben zu fertigen, wie er erzählt. Währenddessen bereitet er Gerätschaften für das Einsetzen der Reisetauben vor und füllt die Tränken der Transportboxen mit Wasser.

Die Tiere werden vor der Reise erneut begutachtet.
Die Tiere werden vor der Reise erneut begutachtet.
Der Ringchip am Fuß des Tieres wird ausgelesen.
Der Ringchip am Fuß des Tieres wird ausgelesen.
Die Tieren werden in die Boxen gesetzt.
Die Tieren werden in die Boxen gesetzt.
Mehrere Tauben in der Transportbox.
Mehrere Tauben in der Transportbox.
Vor der Reise erhalten die Tauben erneut Wasser und Futter.
Vor der Reise erhalten die Tauben erneut Wasser und Futter.

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Nach und nach treffen weitere Taubensportler mit ihren Vögeln ein: aus Altenglan, Mühlbach, Krottelbach, Kusel, Neunkirchen am Potzberg, Kottweiler-Schwanden, Reichenbach-Steegen, Rodenbach und Meisenheim. Das Einsetzgeschäft wird begleitet vom Fachsimpeln und Frotzeln der Züchter („Pass uff, dass jo nix dran kommt, an dei Deibche“) und dem anschwellenden Gurren der Vögel.

Fit für den Wettflug?

Eine Taube nach der anderen wird von den Züchtern den Körben entnommen, manchmal noch das Gefieder begutachtet und die Flügel gespreizt , um sich zu versichern, dass der Vogel fit für den Wettflug ist. An einem speziellen Einsetzgerät mit Antenne wird der Ringchip am Fuß jedes Tieres ausgelesen und auf einem „Konstatiergerät“ des jeweiligen Züchters registriert, bevor sie in die Transportbox gesetzt werden.

Diese elektronische Codierung der Brieftauben ist die Basis für die Wertung nach dem Wettflug. Bei der Rückkehr in ihren Heimatschlag registriert eine Antenne anhand des Fußrings die genaue Ankunftszeit. Fliegt die Taube ein, werden Datum, Zeit und Nummer des Tiers erfasst. Aus diesen Daten ermittelt die Reisevereinigung anschließend die Rangliste.

Regelmäßiges Training

„Ich reise nur Männchen“, sagt Karl-Heinz Lickteig aus Kottweiler-Schwanden. Der 77-Jährige kommt seit Jahrzehnten zum Einsetzen seiner Brieftauben regelmäßig nach Kusel und erinnert sich noch gut an die Kuseler Tauben-Legende Fritz „Meckes“ Schneider. Lickteigs Brieftauben erreichen auch bei Distanzflügen auf Bundesebene beste Platzierungen. Diese Erfolge erklärt er mit guten Kontakten zu Kollegen, mit denen er Tauben tauscht und so über Zucht deren Leistung verbessert.

Zwischen den Flügen wartet auf die Tauben regelmäßiges Training, erläutert der Züchter. Morgens und abends verlassen sie jeweils für eine Stunde den Schlag, der in dieser Zeit geputzt wird und dort Futter und Wasser aufgestellt wird. Ein Dutzend Jungtauben-Paare hält Lickteig in der Voliere. Wie eng die Kontakte unter den Brieftaubenzüchtern sind, illustriert er daran, dass eine kürzlich von ihm gefundene Taube prompt von deren Züchter aus dem sächsischen Vogtland in der Pfalz abgeholt worden sei.

Günstige Wetterbedingungen

Die Transportboxen, in denen Taubenmännchen und -weibchen getrennt sind, werden nach dem Einsetzen am frühen Samstagabend in einen Speziallaster geladen. Zuvor hatte der Transporter bereits Brieftauben in Martinshöhe, Zweibrücken, Ramstein, Homburg und Rohrbach eingesammelt. Mit einem Unterwegshalt und erneuter Wassergabe samt Fütterung werden die Tauben über Nacht ins französische Langres chauffiert, das auf halber Strecke zwischen Nancy und Dijon liegt.

Ab Sonntagmorgen herrscht bei den Brieftaubenfreunden Spannung: Denn nun geht es darum, welche Taube den Heimflug am schnellsten zurücklegt. Nach der Akklimatisierung war Auflass-Zeitpunkt 7.45 Uhr, wie Thomas Meschkat, Vorsitzender Grenzland-Reisevereinigung, berichtet. Die Wetterbedingungen waren günstig mit Sonnenschein und leichtem Wind aus Nordost. Für die Flugzeit ist das Wetter ein wichtiger Faktor, weshalb sich die Brieftaubenfreunde auf einen speziellen Wetterdienst verlassen. Starker Gegenwind macht den Vögeln zu schaffen, bei großer Hitze oder Unwetterwarnungen werden Reisetermine verschoben.

In drei Stunden und 58 Sekunden legte die schnellste Taube die Distanz über 242 Kilometern von Langres zum Schlag von Karl-Heinz Lickteig in Kottweiler-Schwanden zurück und bewegte sich dabei mit einer Geschwindigkeit von 75 Stundenkilometern fort. Auf Platz zwei landete eine Taube von Karl-Heinz Nicklas aus Mühlbach. Auch Meschkat, Vorsitzender der Personalvertretung der Zivilbeschäftigten bei der US-Luftwaffe in Deutschland, konnte sich mit einer seiner 32 Reisetauben unter den ersten fünf platzieren.

Immer weniger Züchter

Dass die Vögel selbst bei Distanzen über 600 Kilometer i nach Hause finden, gehört für Michael Meiser zur Faszination der Wettflüge. Wie viele Brieftaubenfreunde ist der Vorsitzende des Regionalverbandes 550, der die westliche Pfalz und Teile des Saarlandes umfasst, schon als Kind über seinen Vater zum Taubensport gekommen. Meiser weiß auch um den demografische Uhr, die für das Hobby Brieftauben tickt, dem überwiegend ältere Männer frönen. Innerhalb von zwei Jahrzehnten sei in der Region die Anzahl der Brieftaubenzüchter von 600 auf 370 zurückgegangen. Bundesweit sind es nach der Hochphase in den 1960er Jahren noch etwa 30.000.

Im Ruhrgebiet, wo Meiser zufolge das „Herz des Taubensports schlägt“, werde versucht, junge Leute mit „Patenschlägen“ als Nachwuchs zu gewinnen. In der Region Saar-Pfalz kehrten vereinzelt Wiedereinsteiger zum Taubensport zurück. Auch gäbe es unter Migranten aus dem Irak und Syrien durchaus Interesse an Brieftaubenzucht, weiß Meiser.

Anders als in China oder manchen Golfstaaten, wo Wetten auf Tauben abgeschlossen und hohe Preise gezahlt werden, gehe es den hiesigen Brieftaubenfreunden nicht ums Geld, versichern Meschkat und Meiser. Am Ende der Saison winken den Besten unter den „Rennpferden der Luft“, wie Brieftauben genannt werden, Pokale und Urkunden.

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