Lauterecken
Sven Hieronymus auf dem Festplatz: Ü-50-Rocker im Meckermodus
„Väter sollte man weder sehen noch hören. Das ist die einzige geeignete Basis für das Familienleben“, hieß es in Oscar Wildes „Ein idealer Gatte“ aus dem Jahr 1895. „Als ob“ würden die Kinder des Mainzer Komödianten Sven Hieronymus vermutlich widersprechen. Denn als „HaBa“, einer Kombination aus Hausmeister und Bankomat, wird der Mainzer offenbar doch noch häufiger gebraucht.
Wie sehr ihn das, und noch vieles mehr, belastet, macht Hieronymus deutlich, kaum dass er auf der Festplatz-Bühne vor rund 150 Zuhörern zum Auftakt des Kultur-Julis steht. Die 22-jährige Tochter sei endlich – ein halbes Jahr habe es gedauert – ausgezogen und wolle ständig Geld. Sein 19 Jahre alter Sohn habe seine Kommunikation auf die Worte „als ob“ beschränkt. Ein Primatenforscher hätte diese Worte in unterschiedlichen Kontexten analysiert und sechs mögliche Bedeutungen ermittelt. Zwei davon lauten: „Solange ich Nutella-Brote fressen kann und du die Dosenravioli bezahlst, interessiert mich deine Meinung sowieso einen Scheiß“ und „Halt´s Maul“.
Sklavenkette als Geschenk
Der 19-Jährige hause in seinem Zimmer, in dem man sich wegen des Shisha-Rauchs ohne Nachtsichtgerät nicht mehr zurechtfinde, beklagt sich der Mainzer. Faul sei sein Sohn. Einzig am Pegel der Cola-Flasche sei erkennbar, ob sich der 19-Jährige bewegt habe; denn „am Geruch ist nicht zu erkennen, ob er noch unter uns weilt oder schon verwest“. Ausnahme: Steht ein Damenbesuch an, werde der 19-Jährige doch mobil. Denn dann erhalte das Zimmer einen frischen Anstrich. Da kommen dem Komödianten vor lauter Lachen die Tränen: Denn in seiner Jugend wäre ihm binnen kürzester Zeit die Platinkarte des Baumarkts sicher gewesen und das Zimmer ob der vielen Farbschichten nur noch halb so groß.
Auch Hieronymus’ Frau bekam ihr Fett weg. Sie sei mit ihren 50 Lenzen wohl „rebootet“ worden und dem Selbstoptimierungswahn verfallen, bei dem gefälligst auch er mitzumachen habe. Das Geschenk zu Weihnachten: ein Trip nach New York und ein Fitnessarmband, „die Sklavenkette des 21. Jahrhunderts“, meckert Hieronymus. Der Fortschritt der Technologie setze dem blonden Mainzer mit einem Faible für Heavy-Metal-Band-T-Shirts zu. Der Sinn vom Smarthome erschließe sich ihm nicht. „Soll das Haus intelligenter sein als die Bewohner? Dann reicht für Familie Hieronymus eine Zwei-Zimmer-Wohnung im Saarland.“
Auftritt nach neun Monaten
Zwischendurch werden die derben Tiraden zum Familienleben, die Hetze über Helikoptereltern und die Beschreibungen der endlosen Renovierungsleiden eines Hausbesitzers von Anrufen der Tochter unterbrochen, die immer wieder auf neue Schwierigkeiten stößt. Wie es wirklich um das Seelenheil des Ü-50-Rockers bestellt ist, zeigte sich an einer Whatsapp-Sprachnachricht seiner Tochter. Mit 22 Jahren wasche sie nämlich erstmals (!) Wäsche und sei technisch überfragt. Dass eine Waschmaschine ohne Strom nicht läuft – die Nachbarn hätten den Netzstecker gezogen –, und sich der Wasserhahn, an dem der Zulaufschlauch angeschlossen ist, nicht von alleine aufdreht, hätten sich für Hieronymus’ Tochter als unlösbare Aufgaben herausgestellt. „Weine kennt ich, weine“, klagte der Mainzer, von dem noch einige Zugaben gefordert wurden.
Nach dem Auftakt des Kultur-Julis in Lauterecken hatte auch Hieronymus seinen Meckermodus wieder verlassen. „Es war ungewohnt, nach neun Monaten wieder Publikum zu haben, und auch für das Publikum war es am Anfang schwierig, wenn da ein Mann lustige Dinge auf der Bühne erzählt und sie lachen sollen, aber am Schluss war es geil. Darauf haben wir hingefiebert, in lachende Gesichter zu sehen und auf die Reaktionen, die man weder beim Streaming noch im Autokino erfährt“, freute sich der Mainzer nach dem Auftritt.
Veranstalter Thomas Schütz sprach von einem gelungenen Auftakt des Kultur-Julis. Es sei immer wieder ein gewisser Nervenkitzel, wie das Angebot angenommen wird – zum Auftakt waren quasi alle Plätze besetzt, das Wetter spielte mit und auch die Coronaregeln waren gut einzuhalten.