Kreis Kusel „Singen ist für mich wie Atmen“
Zu Weihnachten kehrt sie immer wieder in die Pfalz zurück: Susanne Wiencierz gestaltete am zweiten Weihnachtstag zusammen mit Kreiskantor Roland Lißmann an der Orgel den musikalischen Teil des Gottesdienstes von Pastor Johannes Hülser in der evangelischen Kirche in Wiesweiler.
Anheimelnd und weihnachtlich stimmte die Sängerin mit ihrem volltönenden, klaren und doch warmen Mezzosopran die etwa 50 Besucher in der kleinen Kirche mit ihrer intimen Atmosphäre mit dem Weihnachtslied „Senora Dona Maria“ aus Chile auf das Christfest ein. Auch innerhalb des Gottesdienstes betonte Pastor Hülser immer wieder die Bedeutung der Musik: „Gedichte gehen dann am meisten ins Herz und in den Verstand, wenn sie von einer Melodie getragen werden. Musik ist ein Schatz, sie nimmt uns mit auf den Weg. Sie ist das Licht, das zum Herzen kommt, das Licht zum Leben.“ Daran knüpft Susanne Wiencierzs Arie aus dem Oratorium „Theodora“ (HWV 68) von Georg Friedrich Händel (1685-1759) an, das dieser 1749 nach einem Libretto von Thomas Morell komponierte und das 1750 im Theatre Royal in Covent Garden uraufgeführt wurde. Die Geschichte beruht auf der Schrift „The Martyrdom of Theodora and of Didymus“ von Robert Boyle aus dem Jahr 1687 und handelt von einer christlichen Märtyrerin, die im Jahr 304 während der Christenverfolgungen unter Kaiser Diokletian starb. Eine weitere Quelle war das Schauspiel „Thédodore, vierge et martyre“, das der französische Klassiker Pierre Corneille 1645 schrieb. „As with rosy steps the morn advancing“ sang Wiencierz in der Rolle der Christin Irene ein Gebet, das wie eine Liebeserklärung an Gott klingt. Klangschön und weich formte die Mezzosopranistin die weit gespannten Melodiebögen, in denen Verzierungen nicht bloße stimmakrobatische Ornamentik, sondern Gestaltungsmittel waren und den Inhalt hervorhoben. Sehr expressiv war auch Susanne Wiencierzs Textausdeutung, ihre schlank geführte Stimme blühte in der Höhe voll auf. Ihre Interpretation dieser zarten Arie zeichnete sich durch edle Dezenz aus und war gleichzeitig trotz aller Zurückhaltung zutiefst ansprechend und packend. Die lautmalerische Ausdeutung der aufgehenden Sonne zeichnete ihre Stimme in kleinsten Details minutiös und liebevoll nach, die liedhaft-eingängige Begleitung gestaltete Roland Lißmann sehr verhalten und dezent. Die Sängerin, die aus Wiesweiler stammt und dann in Saarbrücken und Hannover studierte, wo sie inzwischen auch mit ihrer Familie lebt, sang außerdem aus der „Weihnachtsliedersammlung“ von Peter Cornelius (1824-1874) das Lied „Christkind“. Wie eine balladenähnliche Moritat ließ der prägnante Rhythmus des Liedes wirken – eine forsche Interpretation von Susanne Wiencierz, die durch ihre frische Unbekümmertheit bezauberte. „Singen ist für mich wie Atmen,“ beschreibt die Sängerin ihr Verhältnis zu ihrer Kunst. „Es hat etwas damit zu tun, dass die Musik durch mich durchströmt und Teile der Seele mitnimmt. Wenn ich singe, fließen nicht nur meine Technik und mein Intellekt mit ein, sondern auch mein Herz und mein Geist.“ Die Besuche in der Pfalz und die Auftritte in Kirchen sind fester Bestandteil ihres Lebens. „Ich komme aus diesen Chören, bin mit der Kirchenmusik aufgewachsen. Sie ist sehr reich und ich habe einen starken persönlichen Bezug dazu.“ Wenn sie zurückkehrt, empfindet Susanne Wiencierz ihren Weg und die vielen Etappen dahin viel intensiver. „Man entwickelt ein Gefühl für den Prozess, denn es bedeutet, sich mit der geistlichen Musik auseinanderzusetzen. Und ich komme zurück zu den Menschen, die mich von Anfang an begleitet und unterstützt haben. Das ist etwas sehr Besonderes. Ich komme zurück zu meinen musikalischen Ursprüngen und bringe das, was ich auf meinem Weg gelernt habe, wieder zurück.“ (knf)