Kreis Kusel
Pflegekammer: Auf Augenhöhe mit der Politik
Oliver Weidig aus Ramstein-Miesenbach ist Vorstandsmitglied in der Pflegekammer Rheinland-Pfalz. Zur aktuell laufenden Neuwahl der 81-köpfigen Vertreterversammlung ist er nicht mehr angetreten, vor allem aus privaten Gründen. Rückblickend sagt er: „Mein Verständnis von Veränderung ist mit der politischen Vorgehensweise nicht kompatibel.“ Er spricht von notwendigen Kompromissen. „Es braucht Player, die sich wohlfühlen im Haifischbecken,“ sagt der 42-Jährige, der auch mal aneckt, das Herz auf der Zunge trägt.
Die Rolle des Funktionärs liegt dem examinierten Altenpfleger nicht, der einen kleinen, auf Intensivpflege spezialisierten Pflegedienst leitet. Er spricht von einem Kulturschock, als er 2017 in den Vorstand nachrückte. „Es ist nicht meine Welt.“ Doch Weidig sagt auch: „Für mich ist das eine Form des Lobbyismus, die ich am Anfang verteufelt habe und jetzt für zwingend notwendig halte. Unsere Berufsgruppe hat noch nicht gelernt, für sich zu kämpfen, sich zu organisieren und sich für die eigenen Interessen einzusetzen.“
Klare Ansagen gewünscht
Deshalb er ist überzeugt, dass es richtig war, 2016 in Rheinland-Pfalz die erste Landespflegekammer einzurichten und fortzuführen. Niedersachsen und Schleswig-Holstein, die nachgezogen waren, lösen ihre Landespflegekammern gerade wieder auf. Bei aller Kritik, die an dieser Einrichtung angebracht wurde und wird, überwiegt für Weidig eines: die Möglichkeit, mit der Politik auf Augenhöhe zu agieren. Zwar müsse das Selbstverständnis in den nächsten Jahren noch wachsen, um auch klare Ansagen zu machen, wie die Ärztekammer das tue – „dass es der Politik auch mal weh tut“. Immerhin vertrete die Kammer mehr als 43.000 Wählerstimmen. Außerdem sei die Bedeutung der Pflege in den vergangenen Jahre nicht zuletzt durch Corona mehr als deutlich geworden.
Grundsätzlich sei „die Pflege unpolitisch – die Leute sind einfach fertig“. Gerade deshalb sei jedoch die Pflichtmitgliedschaft wichtig, von einer Freiwilligkeit wie in Bayern hält er nichts. Doch gerade an der Pflichtmitgliedschaft – und den damit verbundenen Kosten – entzündet sich viel Kritik.
2018 gab es auch noch aufgrund falscher Kammer-Information berechnete Beiträge. „Fehler passieren – sie wurden eingestanden und korrigiert. Ich würde mir diese Größe auch in der gewählten Politik mal wünschen“, sagt Weidig. Wer zu wenig gezahlt hatte, musste nichts nachzahlen. Wer zu viel gezahlt hatte, bekam das Zuviel zurück.
Ausbau der Kommunikation
Das Erlernen von Verwaltung und der Funktionsweise einer Behörde habe für die Landespflegekammer notgedrungen in den ersten Jahren Priorität gehabt, außerdem die Berufsordnung sowie die Fort- und Weiterbildungen. Jetzt stehe das Grundgerüst und das scheidende Vorstandsmitglied sieht andere Aufgaben, die angegangen werden müssen: „Ich glaube, dass wir große Schwierigkeiten hatten, Erfolge der Kammer den Mitarbeitern aufzuzeigen.“
Für den Bereich Kommunikation war Weidig in den vergangenen fünf Jahren zuständig und kennt die Schwierigkeiten. Zwar wird ein Magazin herausgegeben, aber man müsse näher ran. Deshalb hat er das Format „Kammer vor Ort“ ins Leben gerufen. „Bei den Vorträgen in den Einrichtungen waren oft nur sehr wenige Leute, aber ich hatte danach immer den Eindruck, dass sie danach besser informiert waren.“
Weiter müsse auch daran gearbeitet werden, die Mitgliedzahlen weiter zu steigern. Von 20.000 zu Anfang seien inzwischen mehr als 40.000 bei der Kammer registriert, aber noch nicht alle Pflegenden im Land. „Wir machen keine Detektivarbeit“, sagt der Ramsteiner. Aber die Pflicht sei eindeutig und „ich würde inzwischen auch eine Strafe für gerechtfertigt halten“. Entgegen anderslautender Gerüchte habe es die bisher nicht gegeben. „Ich habe noch von keiner gehört, das wurde immer im Dialog versucht.“
Noch Pflöcke einzuschlagen
Die Bewertung der Kammerarbeit, meint Weidig, solle frühestens nach zwei Legislaturperioden erfolgen. „40 Jahre wurde nichts für die Pflege gemacht, da kann die Kammer es nicht in fünf Jahren herumreißen.“ Es seien auch noch einige Pflöcke einzuschlagen: Während die Zusammenarbeit mit den anderen Berufsverbänden gut klappe, müsse die mit den Gewerkschaften noch verbessert werden.
Er selbst hat schon Pläne für die Zeit „ohne Kammer“: Eine Mediatoren-Ausbildung steht an. In Supervision und Streitschlichtung möchte er zukünftig Schwerpunkte setzten. Zusätzlich. Seit 2019 leitet er die Firma AISB, die neun Patienten rund um die Uhr mit 60 Mitarbeitern ambulante Intensivpflege bietet, auch im Kreis Kusel. Als er in die Kammer-Versammlung gewählt wurde, war er noch Angestellter im Schichtdienst, doch schon damals auch als Dozent tätig. Vorwürfe, ihm entstünden durch seine Kammertätigkeit Vorteile, ärgern Weidig. Die 1000 Euro Aufwandsentschädigung deckten seine Arbeit längst nicht ab, außerdem seien er und die anderen Vorstandsmitglieder unzählige Kilometer gefahren, ohne diese abzurechnen. „Nach fünf Jahren Vorstandstätigkeit kann ich sagen, dass das sehr viel Arbeit ist.“ Deutlich mehr, als er sich vorher vorgestellt habe.