Kusel RHEINPFALZ Plus Artikel Notfallsanitäter kritisiert: Rettungswagen werden zu oft für Krankenfahrten eingesetzt

Rettungssanitäter Matthias Doll kritisiert, dass Kranken- und Rettungswagen zu oft für Krankenfahrten eingesetzt werden – und da
Rettungssanitäter Matthias Doll kritisiert, dass Kranken- und Rettungswagen zu oft für Krankenfahrten eingesetzt werden – und dann für Notfälle nicht zur Verfügung stehen.

Notfallsanitäter schlagen Alarm: Immer häufiger würden Rettungsfahrzeuge aus Kusel als „Taxi“ missbraucht. Bei echten Notfällen müssten dann andere Fahrzeuge auf Tour – oder gar der Hubschrauber aus dem benachbarten Donnersbergkreis. Der Frust ist groß.

Es ist ein normaler Montagmorgen. Notfallsanitäter und First Responder Matthias Doll aus Schellweiler hat eigentlich Urlaub. Da klingelt das Handy: Ein Dorfbewohner sorgt sich um seinen Vater. „Schmerzen auf der Brust, Enge-Gefühl, da musst du gleich die 112 wählen“, empfiehlt Doll, währenddessen sich seine Frau, ebenfalls Rettungssanitäterin, sofort auf den Weg macht.

Kurze Zeit später sieht und hört Doll am Fenster einen Krankenwagen mit eingeschalteter Sirene vorbeifahren. Er ist erleichtert, dass es schnell ging und der Wagen aus Kusel kommt. Aber: „Der Rettungswagen ist wohl gerade nicht frei“, mutmaßt er und lässt sich das von der Zentrale telefonisch bestätigen. Da es sich um ein Herz-Problem handelt, müsse nämlich der Rettungswagen (RTW) nachgeordert werden, weiß er. An diesem Morgen kommt der RTW aus Baumholder, wertvolle 30 Minuten sind inzwischen vergangen.

Matthias Doll „bekommt Blutdruck“

Es sind solche Situationen, in denen Doll „Blutdruck kriegt“, wie der 58-Jährige bekennt. Das Problem liege auch in der ländlichen Struktur. Im Unterschied zu Städten werde hier oft der Krankenwagen geschickt, weil es nur einen RTW gibt. Und der sei häufig wegen anderer medizinischer Notfälle nicht verfügbar oder unterwegs in weiter entfernte Kliniken.

Seit 41 Jahren im Rettungsdienst tätig, hat Doll schon „alles erlebt“. Das Personal komme an seine Grenzen, „nicht etwa wegen zusätzlicher Aufgaben, sondern weil wir oft als Taxifahrer missbraucht werden“. Dazu zählt er Fahrten für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer zur ambulanten Behandlung im Krankenhaus sowie Heimtransporte nach Entlassungen. Es könne nicht angehen, dass die Notfallsanitäter „Leute zur Ohrenspülung fahren“ und „dass wir weiter Rollstuhltaxi spielen“, ärgert er sich. Jeder wisse um das Problem, aber es ändere sich nichts.

Zu wenige Anbieter für Krankenfahrten

Doll bemängelt, dass es zu wenige Anbieter von Krankenfahrten gibt. Dies habe zur Folge, dass dafür oft der Rettungsdienst eingesetzt werde. „Das ist aber nicht unsere Aufgabe“, betont er. Rettungssanitäter seien kein Transportunternehmen, sondern Fachpersonal mit einer mehrjährigen Ausbildung, die Medizin verabreichen und Patienten behandeln dürfen. Und: Wenn die genannten Transporte mit Fahrzeugen des Rettungsdienstes erledigt würden, könne das zu Engpässen bei der Versorgung von Notfallpatienten und Kranken mit akutem medizinischen Behandlungsbedarf führen.

Bis Mitte September hat Doll für das Jahr 2024 bereits 250 solcher „Rollstuhltaxifahrten“ im Bereich der Rettungswache Kusel gezählt. „Wir haben aber nur zwei Krankenwagen und einen RTW“, schildert er. Daher komme es vor, dass der RTW für Krankentransporte „missbraucht“ werde. „Für so etwas habe ich keine Ausbildung gemacht“, stellt der Notfallsanitäter klar. Auch weitere Kollegen seien ob der Häufung frustriert, quittierten sogar den Dienst. Hinzu komme eine hohe Erwartungshaltung der „Kunden“, die sich nicht selten beschwerten, wenn es mal länger dauere.

Manchmal steht in Kusel kein Notarzt zur Verfügung

Im Kreis Kusel gibt es drei Rettungswachen: in Kusel, Lauterecken und Schönenberg-Kübelberg. Im Kreis unterwegs ist ausschließlich das Deutsche Rote Kreuz (DRK). Doll stellt klar, dass die Probleme nicht am DRK lägen. „Das DRK ist nur der Auftragnehmer“, betont er. Dieses stellt die Notarzt-Einsatzfahrzeuge, die Klinik die Notärzte. Doch komme es bei der notärztlichen Versorgung immer wieder vor, dass das Einsatzfahrzeug aus Kusel abgemeldet werden muss, weil kein Notarzt zur Verfügung steht, macht Geschäftsführer Axel Gilcher vom DRK Rettungsdienst Westpfalz auf ein weiteres Problem aufmerksam. Dann müssten Notärzte etwa aus Homburg, Landstuhl oder Birkenfeld nachrücken, was zu längeren Wartezeiten führen könne.

Während der regulären Dienstzeiten werden die Notärzte von der Anästhesie-Abteilung am Klinikum gestellt. Doch außerhalb dieser Zeiten sei das Krankenhaus in Kusel mit Notärzten unterversorgt, stellt Doll fest. Nachts, an Wochenenden und Feiertagen übernehmen freie Ärzte, sogenannte Freelancer, die Dienste. Bis vor einiger Zeit waren das noch neun Mediziner, informiert Reiner Beck, Regionaldirektor des Westpfalz-Klinikums Kusel. Doch nach einem Gerichtsurteil von 2022, wonach Freelancer steuerlich zu veranlagen sind, haben Beck zufolge vier von ihnen den Dienst quittiert. „Diese Einzelfälle aufsummiert, führt das zu Lücken“, räumt er ein. Laut Doll ist der Standort an Wochenenden und nachts zu rund 30 Prozent nicht mit einem Notarzt besetzt. Vom Nardini-Krankenhaus in Landstuhl seien indes keine Abmeldungen von Notärzten bekannt, ebenso aus dem Saarland, betont er.

Mehr Anästhesisten an Krankenhäusern gefordert

Auch der Rettungshubschrauber ist Doll zufolge häufiger an Wochenenden im Einsatz – zumindest tagsüber. Dessen Einsatz bedeute nicht zwangsläufig, dass etwas Schlimmes passiert sein muss: Es sei mitunter schlicht kein RTW oder Notarzt einsatzbereit, sagt er. Dass es zu wenige Ärzte gibt, bemängelt auch Margot Schillo, wie Doll für die FWG Mitglied im Kreistag. Rheinland-Pfalz benötige 250 Medizin-Studienplätze mehr, sagt die Fraktionsvorsitzende mit Blick auf die älter werdende Bevölkerung.

Um die Probleme anzugehen, setzen sich Schillo und Doll für einen Runden Tisch ein: „Wir müssen alle Akteure wie Krankenkassen, Rettungsdienst, Land und Landkreis einbeziehen, um die Infrastruktur zu schaffen“, fordern sie. „Es braucht mehr Anästhesisten an Krankenhäusern“, ergänzt Schillo. Zwar gebe es auch in Kusel Bemühungen, dem Fachärztemangel zu begegnen, sagt Beck. Bis die Notärzte die entsprechende Qualifikation erreichten, dauere es allerdings. Zudem verweist er auf ein strukturelles Problem: „Die jungen Mediziner können sich aussuchen, wo sie arbeiten.“ Aufs Land wollten jedoch die wenigsten.

DRK muss für ambulante Strukturen einspringen

Eine weitere Herausforderung sind laut Gilcher ungenügende ambulante Strukturen. So kontaktierten Patienten häufig den Rettungsdienst, weil sie Hausarzt oder Ärztlichen Bereitschaftsdienst nicht erreichten. Da die Leitstellen verpflichtet seien, auf diese Anfragen zu reagieren, komme es häufig zu Einsätzen, für die das DRK eigentlich nicht zuständig sei. „Dies belastet nicht nur den Rettungsdienst, sondern auch Krankenhäuser“, sagt Gilcher. Müssten dann doch Patienten, die ambulant versorgt werden könnten, zur Behandlung in die Klinik.

Zur Sache: Krankentransport und Notfall

Im Rettungsdienst gibt es zwei wesentliche Bereiche, erläutert Axel Gilcher vom DRK Rettungsdienst Westpfalz in Kaiserslautern: den qualifizierten Krankentransport und die Notfallrettung. Wählt man die 112 oder die Servicenummer für Krankentransporte (19222), landet man bei der Integrierten Leitstelle in Kaiserslautern. Dort entscheidet ein Disponent, ob es sich um einen Notfall oder einen Krankentransport handelt.

Als Krankentransport wird eine Fahrt mit Patienten bezeichnet, die auf spezielle medizinische Ausrüstung wie etwa Tragestuhl oder Sauerstoff und medizinische Betreuung angewiesen sind. In der Notfallrettung kommen hingegen Rettungswagen und Notarztfahrzeuge zum Einsatz. Da Notfallsanitäter über weitreichende medizinische Kompetenzen verfügen, werde bei Rettungsfahrten nicht immer ein Notarzt mit alarmiert.

Darüber hinaus gibt es den nichtqualifizierten Krankentransport – sogenannte Krankenfahrten, für die das DRK nicht zuständig ist. Entsprechende Termine werden auf einer Online-Plattform veröffentlicht. Wird der Auftrag nicht innerhalb einer Stunde von einem privaten Unternehmen angenommen, geht er an den qualifizierten Krankentransport. Während es um die Uniklinik Homburg zahlreiche private Anbieter gibt, sieht es in Kusel schlechter aus. Und es kann zu längeren Wartezeiten kommen. „Viele dieser Einsätze müssen letztlich doch von uns abgewickelt werden, was nicht unserer originären Aufgabe entspricht und den Rettungsdienst belastet“, sagt Gilcher. Allerdings sei dieses Vorgehen vom Innenministerium und den Krankenkassen als Kostenträger so festgelegt.

x