Schönenberg-Kübelberg
Neuanfang nach der Flucht: Wie es Hasan Abbas in die Blumen-Apotheke verschlagen hat
Jahrzehntelang war Jörg Schulze für viele Menschen im Süden des Landkreises der Apotheker ihres Vertrauens. Seit 1993 führte Schulze die Blumen-Apotheke in der Glanstraße. „Nach meinem Pharmaziestudium in Mainz bin ich 1992 in die elterliche Apotheke eingestiegen“, erinnert sich Schulze. Kurz darauf sei er Chef geworden und bis zum Herbst vergangenen Jahres auch geblieben. 16 Mitarbeiter sind dort beschäftigt, alle in Teilzeit – „bis auf den Chef“. Doch die zunehmende Bürokratisierung bei gleichzeitig ausbleibender Vergütungserhöhung bringt für Schulze das Fass zum Überlaufen. „Wir Apotheker haben wenig Lobby“, sagt Schulze. Zu alledem setze das Onlinegeschäft der Versandapotheken den stationären Apotheken zu. Schulze: „Während die Kosten seit Jahren steigen, ist das bei den Einnahmen nicht so.“ Also hat er sich auf die Suche nach einem Nachfolger gemacht. Und hat einen gefunden, der weiß, worauf er sich einlässt.
Hasan Abbas, Anfang 30, stammt aus Syrien. Wie viele seiner Landsleute ist er 2015 in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland geflohen, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. „Das war ein sehr schwieriges Jahr“, erinnert sich Abbas, vor allem an die Flucht durch halb Europa. „Ich habe in Syrien fünf Jahre lang Pharmazie studiert und meinen Abschluss gemacht, konnte aber dort wegen des Krieges nicht im Beruf arbeiten.“ Schweren Herzens habe er sich deshalb dafür entschieden, in die Türkei zu fliehen und dort als Apotheker zu arbeiten. Doch mit der Idee sei er nicht allein gewesen: „Ich habe mich gefragt, ob ich dort eine Zukunft habe. Da war mir schnell klar, dass das nicht so ist.“
Mit einem alten Fischerboot aufs Meer
Weder in Syrien noch in der Türkei sah er für sich eine Perspektive: „Ich war jung, voll Power, hatte Lust auf die Zukunft und wollte unbedingt in meinem Beruf arbeiten.“ Also habe er seine Heimat verlassen und sich in die Hände von Schleusern begeben. Mit einem alten Fischerboot sei er mit mehr als 200 Menschen nachts aufs Meer geschickt worden – „ohne einen Kapitän an Bord. Aber ein Mann hat sich zugetraut, das Steuer zu übernehmen“. Dieser sei mit dem Boot den Lichtern einer griechischen Insel entgegengefahren. An den Klippen des Eilands erlitt die Gruppe Schiffbruch und es folgte eine Rettungsaktion, schildert Abbas. Die Flüchtlinge wurden nach einigen Tagen aufs Festland gebracht.
Zu Fuß habe er sich einige Zeit später von Griechenland aus auf den Weg weiter nach Deutschland gemacht. Begleitet von einem Freund, einem Zahnarzt. Abbas: „Wenn Du sowas machst, brauchst du einen Menschen, dem du vertraust.“ Entlang der Fluchtroute hätten die beiden viele unerfreuliche Begegnungen gehabt. Beispielsweise in Serbien. Dort seien die Flüchtlinge von Sicherheitsbehörden im Oktober durch einen Fluss geschickt worden – „obwohl direkt daneben eine Brücke war“. „Der Weg hierher war schlimm“, sagt Abbas. „Erst ab Österreich wurde es besser, als sich Hilfsorganisationen um uns gekümmert haben.“
Schritt für Schritt Deutsch gelernt
In Deutschland angekommen, durfte Abbas nicht wie erhofft bei einem Freund in Düsseldorf bleiben, sondern wurde in einer Aufnahmeeinrichtung untergebracht. Eine der ehrenamtlichen Helferinnen dort sei zufällig Apothekerin gewesen. Er habe sich mit ihr auf Englisch verständigt. Abbas: „Ab Anfang 2016 habe ich bei ihr gearbeitet. Das hat mir und ihr geholfen.“ Schritt für Schritt habe er so Deutsch gelernt, unter anderem einen Sprachkurs für Mediziner absolviert. Arbeiten durfte er jedoch nur in Aushilfsjobs, denn seine Uni-Unterlagen samt Abschlusszeugnissen habe das Assad-Regime in Syrien zunächst nicht herausgerückt. 2021 sei es endlich so weit gewesen, und seine Approbation wurde anerkannt. „Da war es an der Zeit für mich, etwas anderes zu machen, und ich habe Vertretungen in verschiedenen Apotheken übernommen. Unter anderem war ich deshalb auch eine Zeit lang in Otterbach“, erzählt Abbas.
2023 hat er in Mannheim seine Ehefrau kennengelernt, ist dorthin gezogen und hat zwischen Rhein und Neckar in einer Apotheke gearbeitet. Doch die sei 2025 geschlossen worden. Der Entschluss reifte, sich selbstständig zu machen. Über einen Apothekenmakler seien mehrere Gespräche geführt worden, erzählt Abbas: „Aber das hat nie gepasst.“ Dann habe er am Telefon kurz mit Jörg Schulze von der Blumen-Apotheke gesprochen: „Das war ganz anders. Viel persönlicher, und wir haben fast nicht über Zahlen geredet.“ Er habe im Gespräch das Gefühl bekommen, „dass hier nichts beschönigt wird, nur um möglichst schnell eine Apotheke zu verkaufen“.
Von Anfang an eine gemeinsame Basis
Schulze erinnert sich ebenfalls: „Nach dem ersten Gespräch hab ich schon gesagt: Das war so schön, ich würde mich freuen, wenn das klappt.“ Immerhin steht mit der Apotheke ja auch sein Lebenswerk auf dem Spiel – und die Zukunft der Mitarbeiter und Kunden. In mehreren Treffen und Gesprächen habe man sich intensiv ausgetauscht und dabei bemerkt, dass alles passt. Abbas: „Das war extrem viel Papierkram, fast eineinhalb Monate haben wir beide nur Verträge gelesen und intensiv die Übergabe vorbereitet.“
Abbas weiß um die Verantwortung: „Das ist Jörgs Vermächtnis, die Apotheke bedeutet ihm viel, schließlich ist es auch die Apotheke seiner Eltern.“ Am 1. Oktober wurde Abbas zum Chef, Schulze steht ihm bei Bedarf als Ratgeber zur Seite. Ein solcher Übergang sei alles andere als üblich, sagt Abbas, der aus dem Freundeskreis ganz andere Übergabe-Geschichten kennt. Der Rat des alteingesessenen Apothekers sei dem jungen Familienvater stets willkommen: „Jörg war von Anfang an ehrlich mit mir, und er kennt die Leute und die Ärzte hier. Das ist viel wert.“
Info
Am Sonntag, 7. Juni, ist der Tag der Apotheke. Den hat die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände ausgerufen, um zu verdeutlichen, wie wichtig Apotheken für die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln sind. Seit Jahren ist die Anzahl der Apotheken rückläufig, teilt die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände mit. Laut Zahlen auf Basis von Meldungen der Landesapothekerkammern gab es zum Jahresende 2025 bundesweit nur noch 16.601 Apotheken. Das sind 440 Apotheken oder 2,6 Prozent weniger als Ende 2024 (17.041). Den 502 Apothekenschließungen standen lediglich 62 Neueröffnungen im Laufe des Jahres 2025 gegenüber.