Steinbach
Mutter im Homeoffice „physisch und psychisch am Ende“
„Die Schulen gehen ja genau so auf dem Zahnfleisch“, sagt die 44-Jährige und will damit klarstellen: Ihre Kritik richtet sich einzig an die Politik, die ihrer Meinung nach falsche Prioritäten setzt. „Ich habe das Gefühl, die Wirtschaft geht vor und Bildung kommt zuletzt.“ Eltern fühlten sich alleine gelassen, weiß sie auch aus ihrem Bekanntenkreis. Sie fordert: „Wir brauchen eine Exit-Strategie für Familien sowie Politiker, die uns Familien mit Kindern ernst nehmen.“
In ihrem Schreiben formuliert die Mitarbeiterin einer Hochschule außerdem: „Wir haben in den letzten Wochen unseren Resturlaub aufgebraucht. Wir haben Überstunden abgebaut. Wir haben bis in die Nacht gearbeitet, um der Schule, unseren Kindern und unseren Arbeitgebern gerecht zu werden. Viele Eltern sind physisch und psychisch am Ende.“
Hausarbeit verdreifacht
Dabei seien ihr Arbeitgeber und der ihres Mannes sehr verständnisvoll. Aber Homeoffice mit drei Kindern, das sei eine riesige Herausforderung, sagt Fischer-Krupp, die auf einer 60-Prozent-Stelle tätig ist. Ihre Töchter sind vier und elf Jahre alt, der Sohn ist neun. Kita, Grundschule und weiterführende Schule müssen also zu Hause sozusagen ersetzt werden.
Die Hausarbeit habe sich zudem etwa verdreifacht, da fünf Leute plötzlich alle daheim sind, die sonst tagsüber unterwegs sind, auch auswärts zu Mittag essen. „Wir zerreißen uns im Homeoffice, während die kinderlosen Kollegen ohne familiäre Verpflichtungen diese Zeit daheim als ,Auszeit’ genießen können“, macht die Mutter ihrem Frust Luft.
Nicht wirklich offen
Dass die Schulen „grün“, wieder offen, seien, suggeriere eine Normalität, die es nicht gebe. „Wir können nicht monatelang nur tage- oder wochenweise die Kinder zur Schule schicken“, argumentiert Fischer-Krupp, die für ihre Jüngste einen der zehn Notplätze in der Kita mit regulär 40 Kindern ergattert hat. Für die beiden Älteren gibt es Schulbetreuung – aber der Stoff muss zu Hause gepaukt werden. Nach Aussagen der Bildungsministerin könnte dieser Schul-Ausnahmezustand durchaus 18 Monate andauern. Eine Hiobsbotschaft für Familien, die schon ohne Corona manchmal an ihre Grenzen stoßen.
„Wir brauchen eine Strategie, wie die Beschulung während der Pandemie dauerhaft aussehen soll“, meint die Steinbacherin. Digitalisierung könne da nur bedingt helfen: Die zwei Rechner im Haus sind von den Eltern im Homeoffice belegt. Und: „Ich kann ja schlecht auf Arbeit fahren und die Kinder vorm Rechner alleine lassen.“ Denn selbst der verständnisvollste Arbeitgeber werde wohl irgendwann auch wieder Präsenz einfordern.
Ungleichheit
Dabei ist der Akademikerin ihre privilegierte Lage durchaus bewusst. Was machten beispielsweise Alleinerziehende, fragt sie. Und sie wirft das Thema Berufsrückkehrerinnen nach Elternzeit auf: Die fänden derzeit keine Kita, die ihre Kinder zur Eingewöhnung zulasse. Fischer-Krupp: „Durch die aktuelle Situation wird die Ungerechtigkeit des deutschen Bildungssystems weiter verstärkt. Schon vor Corona entschied die soziale Herkunft über den Bildungserfolg unserer Kinder.“
Auch darüber, was getan werden könnte, hat sie sich Gedanken gemacht. Und hat folgende Vorschläge: Fünf zusätzliche Urlaubstage pro Kind und Elternteil. Reduzierung der Arbeitszeit um zehn Prozent pro Kind bei vollem Lohnausgleich. Sonderurlaub zur Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen. Kündigungsschutz für Eltern während der Pandemie. Zusätzliche Rentenpunkte für Eltern, die ihre Arbeitszeit reduzieren mussten. Verlängern von Zeitverträgen, wenn wegen Kinderbetreuung nicht gearbeitet werden konnte. Absetzbarkeit oder gar Finanzierung von Nachhilfestunden, um die soziale Ungleichheit beim Homeschooling zu mildern.