Kusel / Lauterecken RHEINPFALZ Plus Artikel Medizinerin Andrea Kusch: Diabetes ist oft ein Zufallsbefund

Utensilien, die wohl jedem Diabetiker bekannt sind: Zuckermessgerät, ein Pen zur Insulininjektion und Insulinampullen.
Utensilien, die wohl jedem Diabetiker bekannt sind: Zuckermessgerät, ein Pen zur Insulininjektion und Insulinampullen.

Das Insulin hat die Medizingeschichte revolutioniert. Am 27. Juli 1921, vor 100 Jahren, gelang es den kanadischen Medizinern Frederick Banting und Charles Best erstmals, Insulin aus dem Bauchspeicheldrüsengewebe eines Hundes zu gewinnen. Als Entdecker gilt aber ein anderer.

„Bis zur Entdeckung des Insulins vor 100 Jahren war Diabetes Typ 1 ein Todesurteil“, sagt die Kuseler Medizinerin Andrea Kusch, Fachärztin für Innere Medizin, Diabetologie und Ernährungsmedizin. Der erste Patient, der damals von Insulin profitieren durfte, habe noch 13 Jahre weiterleben können. Der Grundstein für die erste wirksame Behandlung von Diabetes mellitus war gelegt. Während Banting und Best erstmals Insulin anwendeten und dafür 1923 den Nobelpreis erhielten, gilt der rumänische Physiologe Nicoalae Paulescu als der eigentliche Entdecker. Er hatte eineinhalb Jahre zuvor das Patent auf „Pankrein“ angemeldet, wie Insulin damals genannt wurde.

Man spricht von zwei Diabetes-Typen: Typ 1 und Typ 2 sind von ihrer Entstehung und Behandlung unterschiedliche Krankheiten, erläutert Kusch. Typ 1 tritt schon bei Kindern und Jugendlichen auf. Wegen einer Abwehrfunktion des Immunsystems, in dessen Folge die Bauchspeicheldrüse beschädigt wurde, wird kein Insulin erzeugt. Von Typ 2 sind meist ältere Menschen betroffen. Ihr Körper produziert das Hormon zwar noch, aber nicht mehr in ausreichender Menge.

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Acht Millionen betroffen

Rund acht Millionen sind Kusch zufolge in Deutschland offiziell von Diabetes betroffen, davon zählen etwa 95 Prozent zu Typ 2, für den Übergewicht, Bewegungsmangel sowie eine familiäre Vorbelastung begünstigende Faktoren sind. Bei Typ 1 wird die jährliche Rate der Neuerkrankungen auf drei bis fünf Prozent geschätzt, sagt die Medizinerin, die glaubt, dass die Dunkelziffer bei den Erkrankungen höher ist.

„Oft ist Diabetes ein Zufallsbefund“, ergänzt Kusch. Hohe Blutzuckerwerte verursachten keine Schmerzen. Darum sei Diabetes mellitus eine tückische Krankheit. Wenn man schon länger erkrankt sei, fallen laut Kusch Gewichtsabnahme, Müdigkeit und Antriebslosigkeit auf. Grund: Die Energie des Zuckers gelangt nicht in die Zellen. Durst und damit verbundenes häufiges Wasserlassen seien weitere Anzeichen. Daher empfiehlt die Medizinerin, Möglichkeiten zur Kontrolle zu nutzen. Liegt der Blutzuckerspiegel bei einem Gelegenheitsbefund über 200, ist man Diabetiker, erläutert Kusch. Dann würden weitere Tests veranlasst.

Fortschritt in der Medizin

Die Medizin habe sich in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt. „Das Insulin hat sich immer weiter verbessert“, berichtet Kusch mit Blick auf die Wirksamkeit. Wurde es einst aus Schweinen und Rindern gewonnen, werde Humaninsulin inzwischen gentechnisch gewonnen. Auch die Systeme zur Messung des Blutzuckerspiegels seien besser als früher. Von neuen, digitalen Möglichkeiten profitierten technik-affine Patienten oder auch Eltern von betroffenen Kindern, weiß Kusch. Zudem gibt es Insulinpumpen, die das Hormon automatisch abgeben. Die Entwicklung ziele auf ein „Closed-Loop-System“, das den Blutzuckerspiegel misst und zu hohe Werte durch zusätzliches Insulin korrigiert. Zu niedrige Werte würden durch einen Abgabestopp verhindert.

Ernst Uwe Meyer hat im Alter von vier Jahren die Diagnose Diabetes erhalten. „Insulin erzeugt bei mir Dankbarkeit dafür, dass es das überhaupt gibt. Es ist das einzige Mittel, das mich am Leben erhält“, betont er. Für Typ-1-Diabetiker gebe es keine Alternative. Für die Typ-2-Diabetiker werde Insulin meist auch notwendig, „wenn mit Medikamenten nichts mehr zu machen ist“, lautet seine Erfahrung.

Eine Selbsthilfegruppe im Kreis

Seit 30 Jahren leitet Meyer eine Selbsthilfegruppe in Lauterecken, hält Vorträge und berät. Über 300 Treffen hat der pensionierte Banker initiiert, im Durchschnitt seien 30 Teilnehmer aus einem Umkreis von knapp 35 Kilometern dabei. Eine weitere Selbsthilfegruppe im Kreis ist nicht bekannt, nachdem die Kuseler Gruppe sich nicht mehr engagiert. „Zurzeit sind wir wegen Corona etwas weniger“, räumt Meyer ein. Die Treffen finden einmal monatlich im Hotel Pfälzer Hof statt – das nächste Treffen ist am 9. August.

Ein wichtiges Thema beim Insulin sind dessen Nebenwirkungen. Bei Überdosierung droht Unterzuckerung, die zur Bewusstlosigkeit führen kann. „Das ist vor allem bei älteren Diabetikern ein Problem“, weiß Meyer. „Ziel der Insulinforschung ist es, künftig ein ’Smart-Insulin’ zu entwickeln, das als Depot im Unterhautfettgewebe verbleibt und erst bei Anstieg des Blutzuckerspiegels aktiviert wird“, berichtet er.

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