Kreis Kusel
Lauterecken/Kusel: Gedrückte Stimmung in den Reisebüros – Viel Arbeit, aber kein Einkommen
„Die Hysterie, die von anderen Bereichen berichtet wird, ist bei uns noch nicht angekommen.“ Das sagte Michael Rosenberger von Musikantenland-Touristik am 2. März, als die RHEINPFALZ telefonisch nach der Stimmung in der Reisebranche fragte. Rosenberger führt gemeinsam mit seiner Frau seit zwei Jahrzehnten das Reisebüro MTS Touristik in Lauterecken, zwei weitere Büros befinden sich in Baumholder und dem Idar-Obersteiner Stadtteil Weierbach. Nicht einmal drei Wochen später ist alles ganz anders.
Alle sind geschlossen, haben aber Arbeit: Reisen bis 23. April sind, Stand Freitag, 20. März, abgesagt. Sie werden kostenlos storniert, das will abgewickelt werden. Für Termine im Mai, Juni, auch Juli wollen die Kunden stornieren, doch davon raten die Reiseverkehrskaufleute ab. Denn solche Stornierungen kosten den Kunden derzeit noch die vertraglich vereinbarte Stornogebühr. Diese entfällt erst, wenn Reisen über Ende April hinaus von den Veranstaltern abgesagt werden.
Provision bei etwa zehn Prozent
Für die Reisebüros schwingt überdies die Hoffnung mit, dass sich die Lage wieder irgendwie stabilisiert. Die Provision für eine gebuchte Reise beträgt branchenüblich zwischen acht und 13 Prozent vom Reisepreis. Wird storniert, vermindert sie sich nicht nur entsprechend, bereits geflossene Zahlungen müssen auch zurückgezahlt werden. Deshalb sagt Rosenberger: „Für mich geht es zuallererst darum, sofort Kosten einzusparen. Jetzt ist alles noch im grünen Bereich, aber drei, vier Monate halten wir das nicht durch. Wer weiß, wann Hilfen tatsächlich ankommen.“
Er spielt damit auf die Thomas-Cook-Pleite an – im Oktober 2019 hatte der zahlungsunfähige britische Mutterkonzern auch die größtenteils gesunden deutschen Töchter mit in den Abgrund gezogen. „Den Kunden ist damals gesagt worden, dass die Versicherung einspringe“, sagt Rosenberger. „Dann musste die Rückzahlung gedeckelt werden, weil die Versicherungssumme nicht reichte. Die verminderte Summe sollte ab Januar gezahlt werden. Bei meinen Kunden ist noch nichts angekommen, jetzt ist März.“ Der nächste Erste komme, doch wie Kurzarbeit geht, habe er nicht gewusst, die Verwaltung sei nicht zu erreichen gewesen. „Der einzige, der mich auf dem Laufenden hält, ist mein Geschäftskundenberater bei der Bank. Dem und meinen Mitarbeiterinnen muss ich ein riesiges Lob aussprechen.“
Rosenberger redet sich in Eifer, er findet deftige Worte für die Situation. „Es wird jetzt viel von Rückholaktionen geredet, das betrifft aber derzeit nur Pauschalurlauber. Das ist ein Riesenglück, denn für unsere Kunden heißt das, dass der Rückflug sicher ist. Aber: Wir haben auch Kunden, wo individuell gebucht wurde. Haben die kein Recht zurückgeholt zu werden?“
„Man denkt kurzfristig“
Gerade mache ihm ein Kunde sorge. Der sitze in Tampa in Florida fest. „Dort ist totaler Flugstillstand. Wir versuchen irgendwie, eine Lösung zu finden.“ Auch frustrierend: Ein Hotel in Mailand verweigere eine Erstattung der Buchung. Es handele sich um Geschäftskunden, deren Messe abgesagt worden ist. „Das Hotel argumentiert: Mailand ist offen, unser Haus ist nicht geschlossen, die Menschen können kommen und Sightseeing machen.“
Rosenberger muss das Gespräch beenden, die Leitungen im Homeoffice in Rutsweiler blinken wieder. Auch bei Thomas Schug, der das traditionsreiche Reisebüro Wirtz in Kusel übernommen hat, ist zunächst kein Durchkommen. Morgens um 8 Uhr fange er mit den Telefonaten im Homeoffice an, sagt Schug später. „Dann sind die Leute noch zu Hause. Ich bin natürlich für meine Kunden da, fast rund um die Uhr. Man zieht sich an jedem Strohhalm hoch. Da muss man jetzt durch“, sagt Schug. „Man denkt jetzt kurzfristig.“
Miete und Personalkosten laufen, der Steuerberater habe schriftlich beantragt, was zu beantragen ist – „in der Hoffnung, dass irgendwann eine Antwort kommt“.
Kleine Lichtblicke
Die Kunden würden erleichtert reagieren, dass die Verträge für kurz bevorstehende Abreisen gekündigt worden sind, sagt Schug. „Arbeit ist genug da mit den Stornos und der Beratung für die Abreisetermine im Sommer.“
Und dann seien da ja auch die kleinen Lichtblicke. Beide exemplarisch betrachteten Unternehmen erzählen von je einer Buchung und je zwei Anfragen in der ersten Woche des großen Stillstands. Über Wasser halte dieser Geschäftsumfang die Büros aber natürlich nicht.
Zur Sache: Reisebusse stehen still
„Tot, absolut.“ „Alles annulliert.“ Die Aussagen bei den Busreiseveranstaltern Lauer in Altenkirchen und Jung in Eßweiler gleichen sich. Das lukrative Frühjahrsgeschäft mit den beliebten Rundreisen in den Süden, an den Gardasee und die Riviera ist storniert. „Die letzte Fahrt hatten wir gerade noch Mitte März, seither steht alles. Und dieses Geschäft kann ich 2020 auch nicht mehr nachholen“, sagt Bernd Lauer, der von einem Schaden im hohen fünfstelligen Bereich spricht. „Ich bin mal gespannt, ob wirklich eine nennenswerte Entschädigung fließt.“
Vermutlich sei die ganze Saison gelaufen, glauben beide Unternehmen. Selbst wenn die Grenzen wieder aufgehen sollten: Die Menschen wollten sich sicher nicht so schnell wieder dicht zusammensetzen.
Lauer fährt seine Touren mit einem Bus, der sei abgemeldet. In Eßweiler bei Jung stehen die beiden Reisebusse, von drei Linienbussen fährt einer, zwei Fahrer teilen sich diesen Betrieb, Kurzarbeit stehe bevor.