Westpfalz
Kriegsende vor 80 Jahren: Wie in der Pfalz die Selbstverwaltung wieder Einzug hielt
„Die in unserem Raum einmarschierenden amerikanischen Truppen waren für die vor ihnen liegende Aufgabe vergleichsweise gut gerüstet“, schreibt der Mainzer Historiker Michael Kißener in seiner „Kleinen Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz“. Denn noch während des Krieges hatten sie die Namen von Personen gesammelt, die man für eine deutsche Selbstverwaltung geeignet hielt. Dazu fragte man auch zwei Heidelberger Professoren nach Kandidaten: den Philosophen Karl Jaspers und den Soziologen Alfred Weber.
Für Deutsche, die 1945 ein solches Amt übernehmen sollten, war es keine einfache Entscheidung. Denn es bedeutete, dass sie dem Druck ausgesetzt waren, ständig zwischen den Besatzungsmächten und der Bevölkerung vermitteln und die unterschiedlichen Wünsche erfüllen zu müssen. Trotzdem gab es genügend Männer und Frauen, die bereit waren, an der politischen Neuordnung Deutschlands mitzuwirken.
Heimerich: Notwendig ist eine „Reform der Gesinnung“
Einer von ihnen war Hermann Heimerich (1885-1963): Er wurde am 10. Mai 1945 zum Oberregierungspräsidenten der neu geschaffenen Provinz „Saarland-Pfalz“ mit Sitz in Neustadt ernannt. Der Jurist war ab 1928 Oberbürgermeister von Mannheim gewesen, bevor man ihn 1933 entlassen und zeitweilig in Schutzhaft genommen hatte. Am 18. Mai hielt Heimerich seine Antrittsrede, in der er alle wichtigen Aufgaben und zu behebenden Probleme ansprach: die Nahrungsmittelknappheit, die Entfernung der Trümmer, das notwendige Wiederaufbauprogramm, die Instandsetzung der Straßen und Schienen sowie die Reform der Schulen und der Justiz. Dringend notwendig war seiner Meinung nach auch eine „Reform der Gesinnung“. Heimerich warnte dabei vor übertriebener Toleranz, wie sie in der Weimarer Republik geherrscht hatte: „Man darf nicht so tolerant sein, dass man gegen die Intoleranz tolerant ist.“
Er übte aber sein Amt nur wenige Wochen aus, denn im Juni wurden die Besatzungszonen neu strukturiert und die Pfalz in das Gebiet Hessen-Pfalz integriert. Daraufhin trat er zurück; sein Nachfolger wurde Hans Hoffmann (1893-1952), der am 20. April als Oberbürgermeister in Ludwigshafen eingesetzt worden war. Ihn löste der Journalist Otto Eichenlaub ab (1898-1954) ab, der das Amt bis 1947 ausübte.
Wohn- und Ernährungsfrage steht im Vordergrund
Bei der beginnenden Demokratisierung hatten auch die unteren Ebenen eine große Bedeutung. Ein Beispiel ist die Stadt Kaiserslautern, in der Alex Müller (1885-1959) am 11. Mai von den Amerikanern zum Oberbürgermeister bestimmt worden war. Über die erste Sitzung des neuen Stadtrates am 6. Juli 1945 gibt es einen ausführlichen Zeitungsbericht. Müller stellte demnach zuerst die 21 neu ernannten Stadträte vor. Dann beschrieb er die Aufgabe, die von der Stadtverwaltung zu bewältigen war. Trotz der Trümmer und Ruinenfelder seien die Schwierigkeiten mit Optimismus und Schaffenskraft zu lösen. Als vorrangige Probleme nannte er die Wohn- und die Ernährungsfrage, die in Zusammenarbeit mit den Besatzungsmächten in Angriff genommen werden müssten.
Wie Heimerich forderte auch Müller eine geistige Umstellung, für die vor allem eine intensive Erziehung der Jugend notwendig sei: „Wir müssen wieder lernen, Achtung zu haben vor dem Gesetz, Achtung vor Verträgen. Unsere Jugend muss wieder Achtung bekommen vor der Schule, vor dem Lehrer. Vor allem aber wieder vor den Eltern“, erklärte er. Abschließend gab er die Parole aus: „Arbeit und Freundschaft zum Wohle der Stadt und des ganzen Volkes“. Alex Müller blieb elf Jahre im Amt und war einer der populärsten Bürgermeister von Kaiserslautern. Eine Straße und ein Seniorenheim tragen ihren Namen.
Vor Besetzung der Stellen eine „gründliche Säuberung“
An der Sitzung hatten sowohl Vertreter der amerikanischen als auch der französischen Militärregierung teilgenommen. Grund war, dass Frankreich am 10. Juli 1945 die Besatzung für das gesamte pfälzische Gebiet übernahm. C.B. Poersch, ein Offizier des Counter Intelligence Corps (Spionageabwehr), betonte in seiner Rede, dass vor der Besetzung von Stellen eine Überprüfung und eine „gründliche Säuberung“ erfolgen müsse. Aber ebenso wichtig sei es, dass niemand ernannt werden solle, der für das Amt nicht geeignet sei. Für die französische Militärregierung äußerte sich Oberleutnant Rognon. Er versprach die Hilfe der französischen Armee und versicherte den Zuhörern: „Sie werden es bei den Franzosen ebenso gut und schön haben wie bei den Amerikanern.“ Eine Voraussetzung gebe es allerdings dafür: „Wir müssen gut zusammenarbeiten, das brauchen wir alle.“
Nach der Besetzung der Ämter folgten als nächste Schritte die Gründung der Gewerkschaften im September und der demokratischen Parteien im Dezember 1945. Sie bildeten die Grundlage bei der Entstehung des Bundeslandes Rheinland-Pfalz, das im August 1946 durch die „Verordnung Nr. 57“ des französischen Oberkommandos gegründet wurde.