Glan-Münchweiler
Interview mit Klimaforscher Michael Weber
Herr Weber, Ihr Vortrag trägt den Titel „Klimawandel und Meeresspiegel – ein Blick in die Vergangenheit zeigt die Zukunft der Antarktis“. Was können die Besucher dabei erwarten?
Es geht dabei um die wissenschaftlichen Zusammenhänge des Klimawandels aus der Sicht eines Polarforschers. Dabei möchte ich den Besuchern vor allem die faszinierende Welt der Antarktis näher bringen und aufzeigen, wie gefährdet diese Region ist. Das Abschmelzen der Polkappen birgt die Gefahr des weltweiten Meeresspiegelanstiegs.
Jetzt leben wir im Kreis Kusel ja weit weg von der Küste, geschweige denn von der Antarktis. Welche Auswirkungen könnte da der steigende Meeresspiegel in der Antarktis auf die Menschen in unserem Landkreis haben?
Wenn alle polaren Eisschilde abschmelzen – was nicht zu erwarten ist – entspricht das einem Meeresspiegelanstieg von fast 70 Metern. Meine Heimatgemeinde Glan-Münchweiler liegt rund 240 Meter über dem Meeresspiegel. Damit sind wir aus der unmittelbaren Gefahrenzone raus. In Köln, wo ich früher lebte, sieht es schon etwas schlechter aus mit 50 Metern. An der norddeutschen Küste hingegen herrscht dann Land unter. Die Probleme eines massiv steigenden Meeresspiegels, auch wenn es nur wenige Meter sind, wären aber auch in der Pfalz zu spüren, da Menschen aus den Küstenregionen umgesiedelt werden müssen und mit entsprechenden Konflikten zu rechnen ist.
Welche Folgen drohen sonst noch?
Der Meeresspiegel steigt ja nicht isoliert, sondern ist die Folge global steigender Temperaturen, was vermehrt zu Extremwetter-Ereignissen führt, die uns auch in der Pfalz ereilen werden, wie die Flutkatastrophe diesen Sommer entlang der Ahr ja gezeigt hat.
Wie sehen Sie die Klimaschutzbemühungen weltweit? Ist es noch fünf vor zwölf oder schon fünf nach zwölf?
Aus Sicht der Klimaforschung sind die Anstrengungen natürlich nicht ausreichend. Wir verlangen schon seit zwei Jahrzehnten ein prinzipielles Umdenken und Gegensteuern. Leider muss es anscheinend erst weh tun, bevor wir was machen. So ist der Mensch halt nun mal. Jetzt tut es weh und es ändert sich was. Zum ersten Mal hat die Diskussion an Fahrt aufgenommen. Ich bin gespannt, wohin das führen wird.
Im Sondierungspapier der möglichen Ampelkoalition steht, dass der Kohleausstieg beschleunigt und „idealerweise“ schon 2030 erfolgen soll. Außerdem sollen mehr Solarenergiequellen auf Dächern geschaffen und zwei Prozent der Landflächen für Windenergieanlagen ausgewiesen werden. Gehen diese Ziele weit genug oder müssten die Maßnahmen noch drastischer sein?
Ich bin kein Experte auf diesen Gebieten und werde mich hüten, hier kluge Ratschläge zu geben. Was politisch, wirtschaftlich und menschlich getan werden soll, muss in einem gesamtgesellschaftlichen Prozess erarbeitet und beschlossen werden. Hier nun bestimmte Maßnahmen hervorzuheben und andere zu diskreditieren, steht mir nicht zu. Auf jeden Fall müssen wir runter mit den CO2-Emissionen – und zwar drastisch.
Wie sehen Sie die Klimaschutzbemühungen in Deutschland im Vergleich zu den USA, wo Sie ja derzeit leben und arbeiten?
Der Durchschnittsamerikaner produziert pro Jahr rund 17 Tonnen CO2. In Deutschland sind es hingegen nur circa sieben Tonnen – in Indien wiederum nur zwei Tonnen. Ich denke, das zeigt, wo wir in Deutschland stehen. Sicherlich haben die USA einen weitaus größeren Weg zu gehen als wir, aber auch wir müssen runter mit den Werten.
Was kann jeder Einzelne – mit möglichst einfachen Mitteln – für den Klimaschutz tun?
Nachhaltiger leben. Die Rezepte dafür sind seit Langem bekannt und werden ja in den Medien ständig wiedergekäut. Letztlich muss jeder selbst sehen, wozu er bereit ist und was er beitragen kann. Es ist in meinen Augen zum Beispiel kein Verbrechen, ein Auto zu fahren, aber wenn man 100 Kilometer von der Arbeit entfernt wohnt und jeden Tag fährt, ist das schon eine enorme Belastung für die Umwelt. Wenn ich Obst außerhalb der Saison kaufe, das per Schiff zu uns verfrachtet wird, ist eigentlich jedem klar, dass dies klimaschädlicher ist, als den Apfel des Nachbarn zu essen. Wichtiger noch finde ich, dass Maßnahmen, um den CO2-Fußabdruck zu reduzieren, international koordiniert werden, da unser Handel weltweit geschieht und der Klimawandel global am effektivsten gemildert werden kann.
Wie oft sind Sie eigentlich noch in der alten Heimat und worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie wieder in den Kreis Kusel zurückkommen? Gibt es beispielsweise Orte, die Sie dann regelmäßig besuchen?
Über viele Jahrzehnte war ich wenig hier – wenn, dann vorwiegend zum Besuch bei meinen Eltern zu den Feiertagen. In den vergangenen Jahren brauchten sie jedoch zunehmend Hilfe und meine Geschwister und ich kommen nun häufiger. Gerade während der Pandemie habe ich wieder recht viel Zeit in der Pfalz verbracht und gemerkt, wie stark meine Wurzeln hier noch sind. Ich bin häufig mit dem Mountainbike unterwegs und erkunde die Orte meiner Jugend im Kreis Kusel. Es ist schön zu wissen, dass ich hier meine Wurzeln habe.
Was steht bei Ihnen als nächstes an? Geht es bald wieder zu einer Expedition oder woran arbeiten Sie gerade?
Nachdem ich 2019 eine internationale Expedition in die Antarktis leitete und auch 2020 mit Japanern dort unterwegs war, bin ich momentan mit der Auswertung dieser Daten beschäftigt, zumal Corona entsprechende Planungen für die Zukunft erschwert. Solche Expeditionen brauchen Jahre der Vorbereitung. Die Nächste habe ich fürs Weddellmeer nördlich der Antarktis geplant. Das läuft schon seit etwa drei Jahren. Es wird aber noch eine Weile dauern, bis das Realität werden kann, zumal die Vorbereitungen umfangreich sind und der Finanzbedarf enorm ist.
Info
Michael Weber hält seinen Vortrag am Dienstag, 26. Oktober, 19 Uhr, im Bürgerhaus Quirnbach.