Rehweiler
Hundebisse und Gartenarbeit: Was Postzusteller alles erleben
Ein Freitagvormittag im August. Im Quirnbacher Ortsteil Liebsthal hat Felix Niebergall bereits eine ganze Reihe Briefkästen gefüllt, ehe er sein erstes Paket für diesen Morgen zustellt. Eine kurze Plauderei mit der Dame des Hauses über den FCK und den regionalen Fußball – Niebergall kickt selbst, er ist Torhüter beim TuS Bedesbach-Patersbach –, dann geht’s schnellen Schrittes zurück zum Postauto. Die nächsten Kunden warten, die Tour führt den Zusteller an diesem Morgen noch nach Wahnwegen und Hüffler. Zielsicher steuert er seinen Elektrowagen durch die Straßen, steigt aus, steigt ein, rangiert seine Postkutsche durch Gässchen, fährt rückwärts aus engen Ausfahrten. „Bei der Post habe ich erst richtig Autofahren gelernt“, sagt Niebergall augenzwinkernd. Er kennt die Adressen auswendig, weiß, wo die Briefkästen hängen oder stehen, findet auch abgelegene Häuser, ohne lange suchen zu müssen. An manchen Tagen zählt sein Handy 19.000 bis 20.000 Schritte.
Vom Sportgeschäft zur Post
Seit zehn Jahren arbeitet Felix Niebergall beim Zustellstützpunkt der Deutschen Post in Rehweiler. Rund 17.000 Einwohner auf einer Fläche von gut 131 Quadratkilometern werden aus dem Dorf in der Verbandsgemeinde Oberes Glantal versorgt. Jeden Morgen starten 15 Postlerinnen und Postler sowie Springer und Vertreter mit ihren Elektroautos die Zustellung in die Gemeinden rund um Rehweiler, nach Glan-Münchweiler, Langenbach, Herschweiler-Pettersheim, bis Niederstaufenbach. Arbeitsbeginn ist um 7.30 Uhr, zwischen 9.30 und 10 Uhr verlassen die Zusteller den Hof. Sie haben dabei Woche für Woche gut 8000 Pakete und rund 40.000 Briefe im Gepäck, informieren Stützpunktleiter Michael Schäfer und Post-Pressesprecher Heinz-Jürgen Thomeczek. Die Briefe werden zum größten Teil vorsortiert aus Saarbrücken angekarrt, die Pakete aus Speyer. Insgesamt habe die Post in Rehweiler 22 Mitarbeiter, zur Hälfte Frauen. Weitere Stützpunkte im Landkreis gibt es in Kusel, Lauterecken und Schönenberg-Kübelberg.
Felix Niebergall ist gelernter Einzelhandelskaufmann. Als das Sportgeschäft, in dem er gearbeitet hatte, dicht machte, stand er auf der Straße. Bis ein Kollege den Kontakt zur Post herstellte. „Damals war ich ein Opfer des Internethandels, heute profitiere ich davon“, sagt er. Denn seit der Corona-Pandemie und den Lockdowns sei die Zahl der Pakete, die die Post ausliefert, explodiert. Vor zehn Jahren seien in einem Bezirk vor Weihnachten insgesamt vielleicht 80 bis 100 Pakete ausgeliefert worden, „das schaffen wir heute an einem schwachen Tag“. Wobei er manchmal schon den Kopf schüttelt über Bestellungen, die er transportiert. Beispielsweise über die fünf Säcke Rindenmulch, die er abliefern musste. „So etwas lasse ich mir doch nicht schicken ... !?“
Ausgeliefert wird an sechs Tagen die Woche
Den Trend zu Paketen bestätigt auch Thomeczek: „Die Briefmenge geht nach unten, die Paketmenge bleibt auf sehr hohem Niveau.“ Aus Speyer würden täglich 500.000 Pakete in die verschiedenen Verteilzentren ausgeliefert, aus Saarbrücken rund eine Million Briefe. In Rehweiler hat die Post auf diesen Trend gerade erst mit der Erweiterung des Zustellstützpunkts reagiert und eine eigene Halle für Pakete angebaut. Der zwischen alter Halle (für die Briefe) und neuer Halle komplett überdachte Hof sei ein Alleinstellungsmerkmal, „das gibt es sonst nirgends in Deutschland“, sagt Zustellstützpunktleiter Schäfer. Die gelben Fahrzeuge, vorwiegend mit Elektroantrieb, stehen komplett unter einem Dach und können im Trockenen beladen werden.
Felix Niebergall arbeitet als festangestellter Springer und genießt das „bisschen Abwechslung“, immer wieder in einem anderen Bezirk seine Briefe und Pakete zuzustellen. Auf Springer und Urlaubs- oder Krankheitsvertretungen sind die Zustellstützpunkte angewiesen, um die Postautos am Rollen zu halten. Denn auch für die Zusteller gilt die Fünf-Tage-Woche, ausgeliefert wird aber an sechs Tagen. Wenn es ganz eng werde, könne auch mal Personal von einem Standort an den anderen delegiert werden. „Wir versuchen das ganze Jahr über, Personal zu finden“, sagt Schäfer. Im Durchschnitt bezahle die Post den Zustellern 21 Euro pro Stunde, es gilt die 38,5 Stundenwoche, hinzu kommen Weihnachts- und Urlaubsgeld. Es gebe eine zweijährige Ausbildung zur Fachkraft für Kurier-, Express- und Postdienstleistungen, aber auch eine Kurzversion für Quereinsteiger. Und es werden Kurse angeboten, zum Beispiel die jährlichen Hundeschulungen. Tatsächlich verzeichne die Statistik 1760 Hundebisse pro Jahr, sagt Thomeczek. Also lernen die Postler und Postlerinnen, wie sie sich gegenüber aggressiven Vierbeinern richtig verhalten. „Lieber in den Arm beißen lassen als in die Genitalien und nicht hektisch werden“, rät der Postsprecher.
Manch einer geht dem Zusteller auf die Nerven
Felix Niebergall hat noch keine schlechten Erfahrungen gemacht mit Hunden. Vielleicht weil er keine Angst vor ihnen habe. Aus eigenem Erleben weiß er: je größer der Hund, desto friedlicher. Zum Thema Hunde fällt ihm gleich eine kleine Anekdote ein: Er war auf Tour in Niederstaufenbach und stoppte an einem Briefkasten, als ein Hund um die Ecke geschossen kam. „Der holt nur die Post ab“, gab ein Mann Entwarnung. Und tatsächlich, der Hund schnappte sich die Post und trabte davon. Niebergall hat schon einiges erlebt als Zusteller. In Quirnbach habe ihn mal eine ältere Frau gebeten, ihm bei der Gartenarbeit zu helfen und einen Sack Blumenerde in die Kübel zu schütten. Kein Problem für den sportlichen jungen Mann. „Man muss mit Leuten umgehen können.“ Aber manchmal verliert auch er seine Gelassenheit. „Manche Menschen gehen mir auch auf die Nerven“, gesteht er. Beispielsweise wenn genörgelt wird, dass die Post nicht früher kommt oder ein Paket nicht dabei ist.
Jeden Morgen fahren zwei Laster mit Paketen aus Speyer und zwei Laster mit Briefen aus Saarbrücken den Zustellstützpunkt in Rehweiler an. An besagtem Freitagmorgen im August blieb einer der beiden Lkw aus Speyer vermisst, der Grund war zunächst unbekannt. Aber es gab eine Vermutung bei den Postlern in Rehweiler: Der Lkw-Fahrer habe wohl sein Ziel, durchaus versteckt am Rand des Dorfes, nicht erreicht, weil die Adresse in den allermeisten Navigationssystemen noch nicht eingespeichert ist. Obwohl der Standort mit Überdachung doch einzigartig in Deutschland ist.