Buch regional
Humorvolle Coronagedichte von Kerstin Krämer: War’s der Igel?
Die Saarbrücker Journalistin Kerstin Krämer hat ihre Lockdown-Erschöpfung in viel Witz verwandelt und auf die Welt losgelassen. Aber nicht nur Humor findet man in dem Buch. „Darf man über Covid-19 überhaupt Witze machen?“, fragte sich Kerstin Krämer im zweiten Lockdown, der Ende 2020 begann. Flugs besann sie sich auf eine Antwort, und schwang des Dichters schärfste Waffe: das Wort.
Tierische Erlebnisse
Jedes ihrer fünfzeiligen Gedichte handelt von einem Tier, das auf seine Weise versucht, vor Corona zu fliehen. Herausgekommen sind vielseitige, manchmal herrlich abstrus daherkommende Wortwirrungen, die Krämer ihren Lesern kredenzt.
mit Vornamen Ele bekannt.
Er raste voll Kanne
quer durch die Savanne
Fant-astisch und sehr Ele-gant.
Die Autorin, die auch Fotografin ist, spaltet Wortkombinationen auf und mischt sie bunt durch. Das ist auch einer der Gründe, warum viele Gedichte so charmant wirken. Denn eigentlich sind es Worte und Phrasen, die allgegenwärtig sind und die man oft benutzt. Vielleicht zu oft. Betrachtet man sie aber von einer ganz anderen Seite, ergeben sich Zeilen, die komisch sind. Weil einem irgendwo im Hinterkopf die tatsächliche Redewendung rumgeistert. Bevor Kerstin Krämer sie mit ihrer unkomplizierten Komik überkleistert. 30 Reimgedichte sind es.
Befreiende Wirkung
Es sind beim näheren Betrachten einfache Szenarien, die die Dichterin leicht variiert und mit ihrem Humor überzieht – wie die Glasur auf einem Kuchen. Dadurch wirken manche Gedichte leicht und verspielt und haben eine befreiende Wirkung.
Wie oft hört oder liest man von den ernsten Konsequenzen durch Corona und des Lockdowns? Da ist es einfach witzig, all das mit ganz anderen Augen betrachten zu können. Und es ist auch bequem. Und das ist der Mensch ja manchmal am liebsten. Auch eine Libelle, die auf die Schnelle dem Virus entflieht.
und packte ’ne Tasche
und flog damit auf die Seychelle.
Die Saarbrückerin Kerstin Krämer bleibt bei den kurzen Gedichten ganz in ihrem eigenen Reim-Kosmos. Sie hat ja dazu auch eine überspitzte, finstere Welt geschaffen, die sie in dem Prolog ihres kleines Buches anschaulich so beschreibt:
sich des Drostens Schwall ergießt,
wo der Merz erbärmlich twittert,
weil er bang Verschwörung wittert,
wo alsfort, von früh bis spät
dreist das Lindnerhähnchen kräht,
da liegt das Land Coronien.
Dort möcht’ ich niemals wohnien!
Man denkt: Draußen kann die Hölle los sein, aber in diesem blauen Büchlein ist alles entweder verspielt, witzig oder so doof, dass es schon wieder humorig wird. Manchmal kommt alles zusammen. Auf einmal ist es so herrlich egal, wer was über den „Virus und seinen Mutantenstadl“ denkt.
Mit Illustrationen garniert
Die Gedichte transportieren viel Leichtigkeit. Auch wenn man nicht bei allen Juhu schreien und sich totlachen kann, sind einige Ideen und Ansätze gut gelungen.
Die Gedichte werden von karikaturistischen Illustrationen im Comic-Stil garniert. Mal guckt man in die übergroßen Augen einer fröhlichen Libelle (kein Wunder, die ist ja jetzt auch auf den Seychellen). Ist vielleicht das Igel-Bild der heimliche Gewinner? Der Igel scheint selbst zum Coronavirus geworden zu sein, wie man es von unzähligen Mikroskopbildern kennt. Dem bläulich-lila Kern des Igels entwächst ein feiner Pelz. Und unten sind zwei winzige Beinchen. Niedlich.
Warum er so aussieht? Auch das erklärt Kerstin Krämer in einem hintersinnigen Fünfzeiler neben der Zeichnung, die sie – wie alle – von der kostenlosen Foto-Plattform Pixabay geladen hat:
Er blickte ganz fest in den Spiegel,
ersucht’ es hypnotisch.
Das wirkte psychotisch.
Nun sitzt hinter Schloss er und Riegel.
Lesezeichen
Kerstin Krämer: „Coronöses Bestiarium“, Gedichte, 36 Seiten, Books on Demand, 2021, 9,99 Euro, auch als E-Book für 4,99 Euro erhältlich.