Wolfstein
Historische Grabsteine auf dem Wolfsteiner Friedhof
Der Anlass für die Arbeiten war die einsturzgefährdete Friedhofshalle. Zuerst sollte nur eine neue Aussegnungshalle her, dann wurde daraus eine barrierefreie Sanierung des Friedhofs, und weitere Mängel wurden entdeckt und behoben. Im Zuge der Baumaßnahmen gab es auch eine Bestandsaufnahme der Gräber, denn bedeutende Grabsteine sollten erhalten werden, auch wenn die Liegezeiten abgelaufen waren. Für die Entscheidung wurde ein Steinmetz aus Kaiserslautern eingeladen, der sie bewertete. Die Grabsteine, die einen neuen Platz bekommen, sind aufschlussreiche Dokumente zur Geschichte der Stadt und wichtige Denkmäler der Kulturgeschichte.
Dokument der Wirtschaftsgeschichte
Wenn man den Friedhof neben der Leichenhalle betritt, fällt zuerst die große Grabstätte der Familie Braun auf. Sie wurde neu eingefasst, sodass sie jetzt weniger steil ist. Der dreiteilige Grabstein aus dunkelgrauem Granit erinnert an einen Flügelaltar. Der hohe Stein in der Mitte ist einfach gestaltet. Er enthält die Inschrift „Ruhestätte der Familie H. Ls Braun“ und darüber einen Lorbeerkranz, der mit einem Band verziert ist. Auf den beiden kleineren Steinen daneben stehen sieben Namen von Mitgliedern der Familie, für die die Blattgoldschrift erneuert wurde. Außerdem hat man drei Urnen umgebettet. Die Schriftplatten mit den Namen und Lebensdaten der Bestatteten befinden sich auf einem „Pult“, einem angeschrägten Stein am unteren Ende des Grabes.
Das Grab erzählt nicht nur die Geschichte der Familie Braun, sondern ist auch ein Dokument der Wolfsteiner Wirtschaftsgeschichte, denn die Brauns waren die wichtigsten Unternehmer der Stadt. Die Grundlage schuf Christian Braun (1808-82) als Färber und Kaufmann. Sein Sohn Heinrich Ludwig („Louis“) gründete eine Bank, unter dem Enkel Karl Otto Braun (1868-1921) entstand die „Pfälzische Bandagenfabrik Karl Otto Braun“ (heute KOB GmbH), die zeitweilig bis zu 1200 Personen beschäftigte. Die Namen seiner beiden Nachfolger Hans und Franz Braun stehen auf den Bronzeplatten. Beide waren Ehrenbürger der Stadt Wolfstein.
Bekannteste Schriftstellerin
In Wolfstein wurde früher oft der Satz zitiert: „Wolfstein ist ein Königreich und seine Farbe ist Braun.“ Der Ausspruch bezog sich auch auf die Unternehmerfamilie König, die ebenfalls sehr erfolgreich war. Von Heinrich König (1833-1911), der zusammen mit seinem Bruder Ludwig eine „Mechanische Buntweberei“ betrieb, will die Stadt den Grabstein wieder aufstellen. Zurzeit steht er in der Bildhauerei Koch, wo er gereinigt und konserviert werden soll. Bei dem Stein aus Odenwälder Quarzit hat man auf Schmuck weitgehend verzichtet. Aufwendig ist lediglich der geglättete Teil mit der gegossenen Bronzeschrift. Sie bezeichnet König als „Fabrikant“ und seine Tochter Pauline (1868-1938) als „Heimatdichterin“. Ein Hinweis darauf fehlt, dass sie die bekannteste Wolfsteiner Schriftstellerin und eine Ehrenbürgerin der Stadt war.
Die Grabsteine erzählen aber nicht nur von der Bedeutung einiger Familien für die Stadt und ihre Wirtschaft, sondern sind auch Dokumente der Begräbniskultur. Heute werden immer öfter Urnengräber mit einfachen Grabplatten oder Bestattungen auf einem anonymen Grabfeld bevorzugt. Im 19. Jahrhundert ließen dagegen Familien, die es sich leisten konnten, einen großen und auffälligen Stein errichten, der ihre Bedeutung und ihren Wohlstand zeigen sollte.
Antike Mythologie
Beispiele in Wolfstein sind die vier Grabsteine, die in der Nähe des Tores auf der Nordseite neu aufgestellt wurden. Drei von ihnen aus schwarzem Granit haben die Form von Obelisken. Sie gehörten zu den Gräbern der Familien Burckhardt (Reckweiler Hof), Köhler und Mosbach. Der Obelisk wurde im alten Ägypten als ein zum Himmel weisendes Zeichen aufgestellt und im 19. Jahrhundert oft für Grabsteine verwendet. Zwischen den Obelisken steht ein ungewöhnlicher Stein, der an den Kaufmann Carl Ludwig König (1832-1909) und seine Frau Mathilde erinnert. Ein Sandsteinwürfel ist der Sockel für eine große, steinerne Urne, die mit einem Tuch teilweise verhüllt ist. Die Symbolik zeigt auf zwei Seiten Köpfe mit Flügelhelmen und einen Zweimaster mit geblähten Rahsegeln. Sie stellen wahrscheinlich den Gott Hermes dar, der in der antiken Mythologie die Seelen in die Unterwelt führte. Auch das fahrende Schiff ist ein altes Symbol für die Reise ins Jenseits.
Einen völlig anderen Stil zeigen zwei andere Grabsteine, die vielleicht nicht gehauen, sondern als Sandstein gegossen wurden. Der kleinere Stein steht neben den Obelisken und gehörte zum Grab der Familien Martin und Moser. Er endet mit einem Dreiecksgiebel, der ein Flachrelief mit dem Bild von Gottvater zeigt. Er hält zwei Platten, auf denen die Buchstaben Α und Ω (Alpha und Omega, Anfang und Ende des griechischen Alphabets) eingraviert sind. Im Mittelfeld sieht man eine Frauengestalt mit luftigen Gewändern. In der linken Hand hält sie einen Palmzweig, mit der rechten streut sie Rosen.
Fast vier Meter hoch
Der größte Stein war von Familie Steinhauer aufgestellt worden, deren Grab sich in der Nähe der Ruhestätte Braun befindet. Die Steinhauers besaßen einen großen Bauernhof in der Mitte von Wolfstein, zu dem auch eine Gastwirtschaft gehörte. Ihr fast vier Meter hoher Grabstein, der von zwei reich verzierten Säulen eingerahmt wird, erinnert an ein Portal. Hier zeigt das Relief einen Engel, der Rosen streut, und aus dem Dreiecksgiebel blickt ein Engelskopf.
Ein weiterer Grabstein, der ebenfalls in der Bildhauerei Koch konserviert und anschließend wieder aufgestellt werden soll, enthält ein ungewöhnliches Bild: Die Familie Dauber hat in den Sandstein ein Relief aus Zinnguss einfügen lassen. Es zeigt die Frauen im leeren Grab Christi, denen ein Engel die Auferstehung verkündet.
Nähmaschine im Relief
Die Bauarbeiten auf dem Friedhof werden voraussichtlich im Frühjahr abgeschlossen. Bis dahin sollen noch kleinere Freiflächen begrünt werden. Bojak hofft, dass der Wolfsteiner Friedhof damit den Charakter eines Parkes bekommt und Menschen einlädt, die die Stille suchen. Wer hier dann einen Rundgang macht, kann auch noch einige weitere historische Grabsteine entdecken. Dazu gehören die Steine mit Jugendstilornamenten auf den Gräbern der Familien Rischar und Burckhardt, oder der in die Mauer eingefügte Stein der Familie Plauth.
Besonders originell ist auch das Relief, das der Bildhauer Adam Leppla (1877-1934) für seine Mutter Sina geschaffen hat. Im Hintergrund steht der Sensenmann, während sich die Verstorbene Christus auf einer Wolke zuwendet. Ungewöhnlich ist eine große Nähmaschine als Attribut ihres Berufes.
