Kreis Kusel Hintergründig, aber nie hämisch
Was Positives spielen? Nicht gerade das, was Michael Fitz sich für sein Programm „Des bin I“ ausgedacht hat. Trotzdem: Was nicht so Trauriges würde er ja auch gern spielen. Und deshalb gibt es „Heit“, den Lobgesang auf die raren Momente, in denen der Mensch mit sich und seiner Umwelt eins ist, direkt nach der Pause in diesem besonderen Bayrischen Abend im Diamantschleifersaal in Brücken. Am Samstag gab der 58-Jährige Musiker und Schauspieler dort vor ausverkauftem Haus ein begeisterndes Konzert. Trotz oder gerade wegen der schweren Kost in seiner Poesie.
Er war der Carlo im Münchner Tatort. Und er wird es immer bleiben, auch wenn der Carlo längst in Thailand lebt und dort vier Kinder hat. Das Publikum hat sich mit dieser Rolle verliebt in Michael Fitz, den geborenen Münchner, der in der Nähe von Passau wohnt und verwandt ist mit der Lisa und dem Nepomuk, der Veronika und dem Florian-David Fitz. „Der Bruder“ heißt das Lied, in dem sich der Liedermacher dieser Last, beliebt zu sein, widmet. Es ist „ein Stück in eigener Sache“, das vorletzte in einem zweieinhalbstündigen Konzert mit drei Zugaben, in dem es dem Titel nach aber eigentlich immer um Fitz geht. „Des bin I“ heißt die aktuelle Platte des 58-Jährigen und auch das Programm, mit dem er in Brücken gastiert. Die meisten Lieder stammen von diesem Silberling. Als Symbol fürs Ich-Sein hat der Barde ein Strichmännchen gewählt. Auf dem Umschlag steht es auf dem Eis, eine Seite später ist es eingebrochen. Eine Anspielung aufs Stück „Aufs Eis“ und ein Ausdruck dafür, dass einem irgendwann im Leben die Erkenntnis komme, dass man doch eigentlich nichts ist. Sagt Fitz mit einem Grinsen in der Pause, als er ein paar seiner CDs verkauft. 14 mit Musik drauf sind es seit 1989. „Des bin I“ hat Fitz komplett in Eigenregie erstellt. Er ist ein Netter, einer mit einem gewinnenden Wesen. Nicht nur vorm Konzert im Treppenhaus und in der Pause am Verkaufstisch. Wie er so da sitzt auf dem abgenutzten schwarzen Barhocker auf der Bühne, in schwarzer Hose und grauem T-Shirt, fünf akustische Gitarren neben sich – ein ewiger Lausbub, der sich immer mal wieder unsicher durch die länger gewordenen Haare fährt und die Handflächen unschuldig nach außen dreht. Aus den Gitarren mit den abgenutzten Decken (sie sind alle augenscheinlich gern gespielt worden, wenn auch nicht unbedingt von Fitz selbst, der ein Sammler ist und manches seiner Schätzchen schon gut gebraucht erworben hat) holt der Mann auf der Bühne alles raus. Spanisches und Blues, modern Poppiges und Americana; Percussion und Piano: musikalische Raffinesse mit sechs Saiten und dem bisschen Holz darunter. Ach ja: Pfeifen kann er auch. Und sich ehrlich freuen über den Applaus und das Johlen, die Lacher und seine Wirkung auf die 100 im Saal, die in der ersten Reihe nicht mal einen Meter von ihm weg sitzen. Genau so wichtig wie die Musik ist bei einem Songpoeten wie Fitz aber naturgemäß das Wort. Nicht, dass er mit der Tür ins Haus falle. Ironie kommt vor, Häme nie. Fitz schleicht sich in witzigen Plaudereien über Gott und die Welt, Kindheitserinnerungen, Beziehungskisten und den modernen Smartphone-geprägten Alltag an seine Lieder heran. „As diafa glegte Lebm“, „Irgendwo dahintn“, „Wei i wui“, „Schau“, „Schleidasitz“: Hintergründig sind die meisten, dunkelgraue Lieder fast; sie handeln von Schmerz und Verwirrung, von Abgründen und Furcht, vom Gefangensein im Selbst und in den Verhältnissen, vom Wunsch auszubrechen oder einfach nur zurückzukehren – doch, ach, „ich weiß nicht, wie’s geht“. Das kennt man alles irgendwie von sich selbst, diese unbewusst verschütteten oder bewusst zugedeckten Stellen der eigenen Seele. Aufmachen will man sich, sie zu suchen, was im Konzert natürlich nicht geht, man muss ja applaudieren und die nächste Anmoderation steht auch schon an. Doch er hallt nach, der Wechsel zwischen Jauchzen und Betrübnis, auch wenn das durchgehend auf bayerisch dargebotene Repertoire nicht leicht und für die meisten der Besucher wohl schon gar nicht vollständig zu verstehen ist. Fitz sitzt zwar etwas höher als der Rest, doch er ist immer mittendrin. Falls einer die alte Tatort-Liebe trotzdem nicht vergessen kann: Heute abend ist Fitz im ZDF zu sehen. Nicht als Carlo, aber immerhin als bayerischer Ermittler.