Waldmohr Heftiger als die Realität – Jugendliche auf der Theaterbühne
Stolz und glücklich zeigte sich die Gründerin des Theatervereins Spieltrieb, Sibille Sandmayer, als ihr der Geschäftsführer der Lotto-Stiftung Rheinland-Pfalz, Frank Zwanziger, in der Kulturhalle Waldmohr den symbolischen Scheck über 1500 Euro in die Hand drückte. Es handelt sich um einen der drei Preise, die die Lotto-Stiftung gemeinsam mit der LAG Soziokultur & Kulturpädagogik Rheinland-Pfalz „für beispielhafte soziokulturelle Projekte mit Kindern und Jugendlichen“ ausgelobt hat. Den dritten Platz belegte dabei das selbst geschriebene Musical „#vollamok“, das der Verein 2019 aufführte.
Bedacht wurde Sibille Sandmayer außerdem mit einer kleinen Trophäe, einer Maus der Jugendkunstschule Cochem, sowie Filmaufnahmen des Musicals. Sie freute sich riesig, wenngleich sie es sehr bedauerte, dass das Ensemble bei der Preisverleihung nicht dabei sein konnte. „Sie haben schließlich genauso ihren Beitrag geleistet wie ich“, sagte die studierte Theaterpädagogin.
Filmteam dabei
Für den alle zwei Jahre stattfindenden Wettbewerb „KultDing“ bewarb sich Sibille Sandmaier frühzeitig. Sie reichte die Konzeption des Musicals. Die geforderten Kriterien kann es erfüllen: Das Stück spricht Jugendliche aus unterschiedlichen Milieus an, es orientiert sich an den deren „Themen und Bedarfen“, und es macht die kulturelle Vielfalt erlebbar.
„Die Lotto-Stiftung schickte ein Filmteam, das Aufnahmen von der Probe und der Aufführung machte“, berichtet Sandmaier. Ziel war, die Entwicklung des Teams zu dokumentieren. Das Geld will der junge Theaterverein verwenden, um Bühnenelemente anzuschaffen, die eine Aufführung über zwei Etagen ermöglichen.
Versagensängste und Mobbing
Doch zurück zum Musical „#vollamok“, ein Gemeinschaftsprojekt der Autorin und Regisseurin und der Jugendlichen. Es basiert auf tatsächlichen Erfahrungen, die die jungen Leute in der Schule, in der Familie und im Freundeskreis gemacht haben. „Da ergaben sich die Themen fast wie von selbst“ – Sandmayer spricht von Mobbing, das sich durch alle Schulen zieht, Homosexualität, Krankheit, Gewalt und Krankheit in der Familie, Versagensängste. „Obwohl ich selbst in der Jugendarbeit tätig bin, hat es mich teilweise sehr erschreckt, was ich da zu hören bekam“, erinnert sie sich. Trotz dieses schweren Stoffs herrschte bei den Teammitgliedern Konsens, dass das neue Stück diese Welt zum Inhalt haben sollte.
Aus den Episoden strickte Sandmaier das Stück, das „natürlich noch etwas heftiger sein sollte als die Realität“. Szene für Szene wurde in den Proben konzipiert. Zu Hause schrieb die Autorin manche Passagen um und ergänzte sie. Selbst vier Wochen vor der Premiere stand der Text noch nicht komplett. „Das war wirklich eine Herausforderung“, bekennt Sandmayer schmunzelnd.
Bis an die Grenzen
Unabhängig davon verlangte „#vollamok“ von den Jugendlichen einen hohen Einsatz: „Nicht nur, dass sie während des ganzen Stücks auf der Bühne sein mussten. Ich habe ihnen außerdem klar gemacht, dass sie wahrscheinlich an ihre Grenzen gehen werden.“ Denn die Figuren sollten echt und authentisch wirken. Ob Nerd, Tussy, Opfer oder Anführer, alle elf Akteure suchten sich ihre Rollen und ihre Namen selbst aus. Lediglich die zwei Lehrer besetzte die Regisseurin mit den beiden Schauspielern jenseits der 20.
„#vollamok“ thematisiert einen vermeintlichen Amoklauf an einem Gymnasium. Die Jungen und Mädchen einer höheren Klasse, die nachsitzen müssen, erfahren über die sozialen Medien, dass ein Typ an ihrer Schule angeblich wahllos auf Leute schießt. Panik bricht aus. Spannend ist, es zu beobachten, wie die Einzelnen in dieser Stresssituation reagieren. Da werden verdrängte Sorgen und Probleme ans Tageslicht befördert, Dämme der Zurückhaltung, Höflichkeit und Scham brechen. Menschliche Abgründe tun sich auf. Eingebaute Videoclips und Gesangseinlagen – die Musik schrieb Jennie Kloos – perfektionieren die Darbietung, die am Ende die Zuschauer atemlos zurücklässt.
Nach den vier, teils ausverkauften Vorstellungen wollte das Ensemble das Stück auch in Schulen aufführen. Einige Termine gab es schon. „Dann kam Corona“, sagt Sibille Sandmaier. Wie wird es weitergehen? „Das Musical werden wir nicht mehr zeigen, da einige Akteure weggezogen sind.“ Doch die Theaterpädagogin hat bereits eine neue Idee, die aber erst nach der Pandemie konkretisiert wird. „Das nächste Musical soll auf jeden Fall lustig werden“, kündigt sie an. Und es soll das junge mit dem erwachsenen Team zusammenbringen. Spieltrieb hat derzeit 28 Mitglieder, die schauspielern, tanzen und singen.