Kreis Kusel Haare raufen nach dem „Klong“

Strategie und Zielgenauigkeit sind entscheidend – aber Eisstockschießen kann auch ganz schön in die Oberschenkel gehen.
Strategie und Zielgenauigkeit sind entscheidend – aber Eisstockschießen kann auch ganz schön in die Oberschenkel gehen.

«LAUTERECKEN.» „Auf die Daube!“, tönte es am Sonntag in Lauterecken über die rund 28 Meter lange Spielfläche. Oder: „Dieser Stock!“ Der Eisstock-Club Lauterecken hatte zum 32. Pfingstturnier auf dem vereinseigenen Gelände eingeladen. Die Teilnehmer kamen beispielsweise aus Dortmund oder Luxemburg – denn die Veldenzstädter sind der letzte verbleibende Verein in dieser Randsportart in ganz Rheinland-Pfalz. Bei der Vereinsgründung 1981 hatte es immerhin acht Teams im Land gegeben.

Schon morgens um 9 Uhr finden sich die sieben Teams mit je vier Teilnehmern auf dem Gelände des EC Lauterecken ein, hoch über der Stadt gelegen. „Wir spielen ein offenes Turnier“, berichtet Axel Stenzhorn. Er ist beim Eisstock-Club zweiter Vorsitzender, Turnierwart und „Mädchen für alles“, wie er sagt. Offenes Turnier bedeutet: Reine Frauen- und Männerteams können ebenso an den Start gehen wie gemischte Mannschaften. In familiärer Atmosphäre, schließlich kenne jeder jeden, beginnen die Sportler am Morgen mit den ersten Wettkämpfen. Gewisse Ähnlichkeiten zum Curling sind auf den ersten Blick erkennbar, nur das Wischen gibt es beim Eisstockschießen nicht – wäre auch schwierig, denn gespielt wird in Lauterecken auf drei Asphaltfeldern. Die rund drei bis vier Kilo schweren Eisstöcke werden beim Mannschaftswettbewerb auf einer 28 Meter langen Spielfläche möglichst nah an die Daube geschossen. Dabei handelt es sich um einen Gummiring, der einem Eishockeypuck ähnelt. Bei Spielbeginn liegt diese Daube mitten im Zielfeld, aber sie kann durch die Eisstöcke verschoben werden. So lange sie im Feld verbleibt, gibt ihre Position die Zielrichtung an. Wurde die Daube aber über das Ziel hinausgeschossen, wird sie wieder in die Mitte zurückgelegt. Dies ist einer von vielen Aspekten, die der Moar – der Mannschaftsführer – in die taktischen Überlegungen mit einbeziehen muss. Oft ist mit bloßem Auge erkennbar, wie viele Punkte eine Mannschaft erhält, aber immer mal wieder muss auch ein Maßband hinzugezogen werden. Nicht selten entscheiden wenige Millimeter. Genauso wie beim eigentlichen Schuss, auch der ist Millimeterarbeit. Spieler, die sich ärgern und die Haare raufen, sind ein häufiger Anblick. Oft ist ein metallisches „Klong“ vorausgegangen – wenn ihr Eisstock ganz knapp einen anderen getroffen und dadurch seine Richtung geändert hat. Und „Klong“ macht es oft an diesem Sonntagmorgen. Wenngleich strategisches Denken und Zielgenauigkeit entscheidend sind, könne man bei diesem Familiensport einen gehörigen Muskelkater im Oberschenkel bekommen, verrät Stenzhorn. Das Abspiel erfolgt in der Regel etwas gebückt, vergleichbar mit dem Kegeln. Bücken sei das A und O, erklärt der Turnierwart, nachdem sich ein Teilnehmer nicht tief genug gebeugt hat – während das Spielgerät nicht wie geplant über das Spielfeld gleitet, sondern auf der Kante durch die Gegend rollt. „Das passiert auch, wenn man zu viel will“, berichtet Stenzhorn aus eigener Erfahrung. Eine Partie besteht aus sechs Kehren, also wird sechsmal auf das gegenüberliegende Ziel geschossen. Rund 20 Minuten dauert ein Spiel, pro Kehre hat jeder Spieler nur einen Versuch. Im günstigsten Fall kann eine Mannschaft bei einer Kehre neun Punkte erreichen, denn der erste Stock zählt drei Punkte, die folgenden zwei. Je länger man das Spiel aufmerksam verfolgt, die Sportler und vor allem die Mannschaftsführer beobachtet, desto klarer werden die einzelnen Spielzüge und die Auswahl der „Laufsohlen“, die je nach Farbe schneller oder langsamer sind und von allen Spielern in Sekundenschnelle, fast schon beiläufig gewechselt werden – je nachdem, was der Moar für taktisch sinnvoll hält. Während am Morgen recht wenige Besucher da sind, füllt sich das vereinseigene Gelände kurz vor Mittag merklich. Der Verein lockt mit Forellen, Schwenkbraten oder auch Kaffee und Kuchen. „Wir können noch vorne sitzen und zuschauen“, freut sich ein älteres Ehepaar. Besonders gut kommt auch der Panoramablick über Lauterecken und Umgebung an. Stenzhorn hält daher die Sportstätte für eine der schönsten Bahnen in Deutschland. Gegen Mittag ziehen jedoch Wolken auf, und fast eine Stunde lang müssen die Turnierteilnehmer noch im Regen die Daube anvisieren. Dann endlich können sich die Heppenheimer über ihren Sieg freuen. Den zweiten Platz belegt das Frauenteam aus Bad Friedrichshall, dahinter folgen die Mannschaften aus Bad Nauheim, Dortmund, Luxemburg – und Stockstadt, auch dort gibt es passenderweise ein Team. Mit dem letzten Platz müssen sich die Gastgeber begnügen, die noch zwei Wochen zuvor in Stockstadt einen dritten Platz erreicht hatten.

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