Kusel / Völklingen
Grubenunglück Luisenthal: Erinnerungen eines Katastrophenhelfers
Ein dumpfer Knall war gegen 7.45 Uhr vor 60 Jahren rund um das Bergwerk Luisenthal zu hören. Die Wucht der Detonation tief unter Tage schleuderte die tonnenschweren Deckel zweier Luisenthaler Seilfahrtschächte hoch in die Luft. Eine tiefschwarze Rauchwolke hing über dem Förderturm. Auf Sohle 4 im Alsbachfeld hatte sich eine Schlagwetterexplosion ereignet.
Siegfried Jonas, damals noch keine 18 Jahre alt, war zu diesem Zeitpunkt in der Berufsschule. Er absolvierte eine Ausbildung als Berufsschlosser in Völklingen – nur wenige Kilometer von seinem Elternhaus in Försterhausen entfernt. „Eigentlich wollte ich lange Zeit Bergarbeiter werden. Die haben damals gutes Geld verdient“, erinnert sich der heute 78-Jährige. Doch sein Vater, den Jonas aufgrund russischer Kriegsgefangenschaft erst als Fünfjähriger kennengelernt hatte, war strikt dagegen. „Dort unten gibt es keine Fenster“, habe er immer zu seinem Sohn gesagt.
Bekannte unter den Toten
Neben seiner Ausbildung engagierte sich der junge Jonas im Zivilen Bevölkerungsdienst von Völklingen. Er erinnert sich gerne an die vielen Lehrgänge, die er dort mitgemacht hat. „Heute würde man sie vielleicht mit Erste-Hilfe-Kursen vergleichen“, sagt er. Aber die Kurse konnten den jungen Mann nicht auf das vorbereiten, womit er an jenem Mittwoch konfrontiert wurde.
Gegen 14 Uhr sei ihm auf dem Heimweg aufgefallen, wie unruhig die Stadt gewesen sei. „Daraufhin hat mich ein Kollege des Bevölkerungsschutzes aufgeregt angesprochen und gefragt, wieso ich denn so langsam gehen würde, wir hätten schon seit dem Morgen Einsatzbefehl. Da war mir schon klar: In der Grube Luisenthal muss etwas schreckliches passiert sein“, erinnert sich Jonas. Daraufhin sei er nach Hause geeilt, um seine Uniform zu holen.
Um 15 Uhr erreichte er die Zeche. Zu dem Zeitpunkt lagen schon 50 tote Bergleute im Zechensaal. Einen von ihnen habe Jonas direkt erkannt. „Mit ihm habe ich am Abend zuvor noch Bier in der Kneipe getrunken. Ihn dann so zu sehen, hat mich erschüttert“, sagt der 78-Jährige. Der tote Trinkgefährte sei nicht der Einzige gewesen, den Jonas unter den Opfern kannte. Er zeigt eine Ausgabe der Werkszeitung „Schacht und Heim“ vom März 1962, in denen die Namen aller Opfer unter einem Nachruf aufgelistet sind. Alle ihm bekannten hat Jonas mit einem kleinen Kreuz versehen.
Sorge um den Schwager
299 der 664 im Luisenthaler Alsbachfeld tätigen Bergleute fanden an diesem schicksalhaften Tag den Tod. „Die Leute aus den umliegenden Ortschaften kannten sich. Viele der Opfer waren außerdem nicht viel älter als ich.“ Tatsächlich war das jüngste Opfer, ein Berglehrling aus Köllerbach, gerade einmal 16 Jahre alt, das älteste Opfer ein 58-jähriger Hauer aus Riegelsberg.
Jonas denkt bis heute beinahe täglich an die Ereignisse dieses Tages. 56 Stunden lang war er als Helfer im Einsatz. „Immer wieder sind wir zum Förderkorb, um Leichen oder auch nur Leichenteile zu nehmen und sie abzutransportieren“, erinnert er sich mit einem Schaudern. „Da war kein Lebender mehr dabei.“ Zwar habe der junge Mann als Messdiener schon tote Menschen gesehen, die seien jedoch aufgebahrt gewesen. „Viele der toten Bergleute sahen aus, als würden sie schlafen“, erzählt er weiter.
Um zwei seiner Familienangehörigen, beides Bergmänner, habe er lange gebangt – bis die Entwarnung kam: Sowohl sein Schwager als auch der Mann seiner Cousine seien wohlauf. „Der Mann meiner Cousine ist an dem Tag zu spät aufgestanden und hat seine Schicht verpasst. Wir haben immer gesagt, dass er den Tod verschlafen hat“, erzählt er und lacht.
Die Trauerfeier
Drei Tage nach dem Unglück, am 10. Februar 1962, fand die Trauerfeier für die 299 verunglückten Bergleute statt. Auch an diesen Tag hat Jonas noch lebhafte Erinnerungen – es war sein 18. Geburtstag. Von der „herzlichen Anteilnahme des ganzen deutschen Volkes und der übrigen Welt“ sprach der damalige saarländische Ministerpräsident Franz-Josef Röder. Auch an die Rede vom damaligen Bundespräsident Heinrich Lübke erinnert sich der heute 78-Jährige.
Unter Bäumen im Luisenthaler Park lagen die Opfer des Grubenunglücks aufgebahrt. Bergknappen aus deutschen und französischen Gruben hielten Ehrenwache. „Nach der Trauerfeier wurden die Toten in einem langen Zug in ihre Ortschaften überführt und dort beerdigt. Kleine Ortschaften wurden durch das Unglück fast ausgelöscht“, sagt Jonas. Er habe an jenem Tag alles mitgemacht und den Männern die letzte Ehre erwiesen. „Das hat mich nie mehr losgelassen.“
Methangas wohl der Grund
Was genau die Katastrophe in der für ihre besonders hohen Standards bei der Arbeitssicherheit sogar preisgekrönten Grube im Völklinger Ortsteil Luisenthal ausgelöst hat, ist ungeklärt geblieben. Klar ist jedoch, dass am Vorabend des Unglücks die Methangas-Absauganlage in der Grube ausfiel. Eine Stunde später lief sie jedoch wieder und die Aufsichtspersonen, die sogenannten Steiger, gaben Entwarnung. Es ist sicher, dass am darauffolgenden Morgen das eingeschlossene Methangas in den Flözen, im Gestein sitzende Lagerstätten von Rohstoffen wie Kohle, ausgetreten ist und sich entzündet hat. Laut Aufzeichnungen starben viele der Opfer an Verbrennungen, einige durch die Wucht der Explosion, die meisten jedoch an Gasvergiftungen.
Als im Juni 2012 die letzte Grube an der Saar dicht machte, fand die gut 200-jährige Geschichte des Steinkohle-Bergbaus im Bundesland ihr Ende. In Luisenthal hatten sie das letzte Stück Kohle bereits 1994 abgebaut.
Leben, um zu helfen
Die Erlebnisse des 7. Februar beschreibt der heute in Kusel lebende Jonas als „die traurigsten, jedoch wichtigsten Schlüsselerlebnisse in meinem Leben“. An diesem Tag habe er sich verpflichtet, Menschen zu helfen. 1964 wurde er Sanitäter bei der Bundeswehr, machte sein Krankenpflege-Examen und arbeitete ab 1968 als Krankenpfleger im Krankenhaus Kusel – seine Kollegen nannten ihn damals liebevoll die „erste männliche Krankenschwester“. Dazu war der gebürtige Saarländer 30 Jahre lang Vorstandsvorsitzender der AOK und auch in vielen Vereinen im Landkreis aktiv. Für sein gesellschaftliches Engagement erhielt Jonas im Jahr 2003 das Bundesverdienstkreuz am Bande.
Durch eine schwere Erkrankung sitzt Jonas seit einigen Jahren im Rollstuhl und wird von seiner Ehefrau Lieselotte gepflegt. Mit ihr habe er in den gemeinsamen 40 Jahren Ehe oft über das Unglück gesprochen. Besonders eine Erkenntnis lässt den Mann schmunzeln: „Sowas sagt ein Sohn ja nie gerne: Aber mein Vater hat im Nachhinein recht gehabt, mich nicht Bergmann werden zu lassen.“