Kreis Kusel
Gericht: Junge Frau wirft Stiefvater Vergewaltigung vor
Die Szene mutet kurios an: Eine Familie hat am Mittwoch im Gerichtssaal in Landstuhl Platz genommen, um zur Wahrheitsfindung beizutragen: der Ehemann als Angeklagter, die Tochter als mutmaßliches Opfer, Ehefrau, Ex-Ehemann und Sohn als Zeugen. Stockend erzählt die 19-Jährige, was am 24. Dezember 2021 passiert sein soll: Schon beim Abendessen im Kreis der Familie habe sie – gegen den Willen ihrer Mutter – eine Flasche Wein getrunken, später in ihrem Zimmer noch weiteren Alkohol. „Ich war ziemlich betrunken“, sagt sie. Gegen 22 Uhr sei ihr Stiefvater aufs Zimmer gekommen, habe sich zu ihr gesetzt, sie umarmt und sei dann aufdringlich geworden. Er habe sie begrapscht und befingert. Aber es sollte noch schlimmer kommen, sofern die Geschichte der 19-Jährigen stimmt: Als sie später noch einmal zu einem Spaziergang aus dem Haus ging, habe der Stiefvater sie begleitet – und auf einer Parkbank in der Nähe vergewaltigt. Am nächsten Morgen habe sie sich in einer Apotheke im Ort die „Pille danach“ besorgt und Wochen später bei ihrem Frauenarzt noch einen Schwangerschaftstest machen lassen.
Erst vier Wochen nach der mutmaßlichen Vergewaltigung habe sich die 19-Jährige ihrer Mutter anvertraut, die ihrer Version der Ereignisse aber keinen Glauben schenken wollte. „Dein Mann betrügt dich“, habe ihre Tochter das Gespräch begonnen, sagt die Mutter vor Gericht. Erst der leibliche Vater, bei dem die 19-Jährige vorübergehend eingezogen war, habe den Kontakt zur Polizei hergestellt. Er habe allerdings lange auf seine Tochter einreden müssen, damit sie zu einer Aussage bereit war. „Ich habe keine Beweise und war betrunken“, begründet die junge Frau ihre Zurückhaltung. Und weil sie zunächst nicht vorhatte, jemandem von der Vergewaltigung zu erzählen, habe sie auch von den blauen Flecken an ihrem Körper keine Bilder gemacht.
Verteidiger äußert Zweifel an Glaubwürdigkeit
Der Stiefvater bestreitet die Tat, vor Gericht schweigt er zu den Vorwürfen. Dafür sprach um so mehr seine Ehefrau. Mit überschäumendem Temperament verteidigt sie ihren Ehemann (rechts von ihr) gegen die Vorwürfe ihrer Tochter (links von ihr): „Ich kenne meinen Mann, ich bin sicher, dass er es nicht war.“
Aber warum sollte ihre Tochter lügen? „Sie wollte sich an mir rächen“, weil sie wenige Monate zuvor das Pferd ihrer Tochter verkauft habe, mutmaßt die 51-Jährige. Auch der 22-jährige Sohn nimmt seinen Stiefvater in Schutz. Die Familie habe so viele Jahre glücklich unter einem Dach zusammengelebt, „warum sollte er das kaputtmachen?“, fragt der junge Mann. Zudem habe er nichts Auffälliges bemerkt, als Schwester und Stiefvater von ihrem nächtlichen Spaziergang zurückkamen. Selbst das mutmaßliche Opfer pflichtet dem bei: Ihr Stiefvater sei nicht unbedingt jemand, dem man eine solche Tat zutraut. „Ich kann verstehen, dass meine Mutter mir nicht glaubt.“ Die 19-Jährige habe den Kontakt zu ihrer Familie weitgehend abgebrochen und wohnt mittlerweile in Kaiserslautern.
Der Verteidiger des Angeklagten, Marius Müller, versucht vor Gericht, die 19-Jährige als labile Persönlichkeit zu beschreiben. Sie habe Alkohol getrunken und Essstörungen gehabt, habe an Depressionen gelitten und dagegen Medikamente genommen und sei in psychotherapeutischer Behandlung. Es ist denkbar, dass er in der nächsten Verhandlung am Freitag, 28. April, ein Gutachten zur Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers beantragen wird.