Kreis Kusel
Fleischfrei durch die Krise
Mira Riediger hat aus ihrer Lebenseinstellung ein Geschäft gemacht: Die 57-Jährige lebt seit mehr als zehn Jahren vegan, isst also keinerlei tierische Produkte. Sie ist als Tierrechtsaktivistin aktiv – wenn auch heute nicht mehr so sehr wie früher.
Auf der Suche nach einem Haus hat es sie vor zwei Jahren ins beschauliche Ulmet verschlagen. In die Stadt – sie hat in Hannover und Köln gelebt – will sie nicht mehr zurück, auch wenn sie dort mit ihrem veganen Cateringservice Vegimir wahrscheinlich genau den Nerv der Zeit treffen würde, richtig Geld verdienen könnte.
Im März 2019 hat sie losgelegt, kocht zusammen mit einer Schulfreundin Gerichte aus ihrer Heimat: Balkanküche. Deftig, aber längst nicht so fleischlastig sei die, wie man allgemein vermute, sagt die gelernte Köchin, die wegen der Abneigung gegenüber Fleisch nie in ihrem Beruf gearbeitet hat, sondern als Reiseverkehrskauffrau selbstständig war.
Schnitzel aus Sellerie
Fleisch lasse sich mit Ersatzprodukten sehr gut imitieren. „Die Gewürze sind entscheidend“, betont Riediger. Wer Soja – „nicht-genmanipuliert, aus der EU“ – nicht vertrage, für den könne sie auch mit Seitan, einem Produkt aus Weizeneiweiß, arbeiten. Sie will aber immer weniger Ersatzprodukte verwenden – auch Schnitzel aus Sellerie sei sehr lecker. In ihrer katholisch geprägten Heimat Region gibt es viele Fastentage – und -gerichte: „Lässt man den Fisch weg, ist es schon vegan.“
„Es lief gut bis Corona“, sagt die gebürtige Serbin, die mit 19 Jahren nach Deutschland gekommen ist. Geburtstage und Hochzeiten hat sie gecatert – bis zu 100 Personen, „diese Menge kann ich gut handeln“. Selbst ein Jäger und eine Tierärztin hätten sie gebucht. „Ich erwarte von niemandem, dass er sofort vegan wird“, meint Riediger. Sie hoffe, mit ihren Gerichten Leute auf den Geschmack zu bringen. „Nur ein veganer Tag pro Woche hat schon viele Vorteile, für die Gesundheit, fürs Klima...“ Verzichten müsse man als Veganer auf nichts.
Abholen im eigenen Geschirr
Sie habe seit März deutlich zurückgeschaltet, Corona hat das Leben bedächtiger gemacht. Einen Lieferservice in und im nahen Umfeld von Ulmet hat sie ganz neu gestartet. Einige Bestellungen gab es schon – die in Zuckerrohr-Geschirr ausgeliefert oder im eigenen Geschirr abgeholt werden können. Weil alles frisch zubereitet wird, sollte man sich mindestens zwei Stunden vorher, besser gar am Vortag melden.
Auch an ihrem Kochbuch will sie jetzt intensiver weiterarbeiten. 50 Rezepte hat sie beisammen, passende Fotos lichtet sie mit der Spiegelreflexkamera ihres Sohnes ab. Die hat sie sich auch geliehen, um mehr Bilder auf die Internetseite zu stellen: Wer Essen bestellt, will auch eine Ahnung haben, wie Sarma (Kohlrouladen), Pasulj (überbackene Bohnenpaste) oder Cevapcici auf vegan aussehen.
Den Firmennamen Vegimir – die Endung mir bedeutet auf Serbokroatisch Frieden und auf Russisch Welt – hat sich zwar schützen lassen. Aber einige Hindernisse gibt es noch aus dem Weg zu räumen, bis ihre Kohlrouladen und Cevapcici abgepackt im Handel erhältlich sein werden.
„Boom kommt“
Corona habe den Menschen verdeutlicht, wie wichtig die Gesundheit ist. „Rein pflanzliche Ernährung wird in einigen Jahren richtig boomen“, ist Riediger überzeugt. Denn die Menschen müssten erst erkennen, dass durch tierische Nahrung vor allem aus Massentierhaltung Krankheiten übertragen würden.
Zwar sei vegan zu essen nicht per se gesund, doch habe sie bei sich und anderen deutliche Gesundheitsverbesserungen beobachtet. „Ich hatte Kopf- und Gelenkschmerzen – jetzt nichts mehr“, sagt Riediger und fügt scherzend hinzu: „Ich habe vor, 190 zu werden, ich bin topfit.“ Die Frau, die wegen ihres früheren Reisebüros schon die halbe Welt bereist hat, ist in Ulmet angekommen, um zu bleiben. Die ländliche Gegend gefällt ihr, nicht zuletzt, weil sie auf einem Bauernhof aufgewachsen ist.