Kreis Kusel Fast eine Familie geworden

Ein kleines Ensemble probt mit Dozent Matthias Stoffel (rechts vorne).
Ein kleines Ensemble probt mit Dozent Matthias Stoffel (rechts vorne).

Völlig in seine Gedanken und Ideen versunken, improvisiert Matthias Stoffel am Klavier, ein kleines Ensemble, bestehend aus Bläsern und einer Sängerin, wartet auf ihn. Im Bistro der Jugendherberge auf Burg Lichtenberg proben sie „Summertime“, am Donnerstagabend werden sie beim Abschlusskonzert des Jugend-Jazzcamps ihre Version des Songs vorstellen.

Sehr konzentriert hören sie Stoffels Kommentaren zu, stellen Rückfragen. Dabei verlief der Tag ganz anders als geplant. Schuld war ein heftiges Unwetter, das in der Nacht zum Dienstag die Zelte des Camps im Burghof beschädigte. „Die Klaviere mussten evakuiert werden,“ erzählt Bernhard Vanecek, Dozent und Mitveranstalter des Jugend-Jazzcamps. „Viel Schlaf hatte letzte Nacht keiner, die Instrumentalklassen heute Vormittag mussten ausfallen, die fünf Ensembles proben jetzt.“ Aber davon lassen sich die Jazzcamper nicht aus der Ruhe bringen. „Lass’ uns das ganze Thema spielen,“ fordert Stoffel seine Gruppe auf. Alle setzen ein, sehr bluesig und melancholisch klingt das Wiegenlied „Summertime“ in dieser Interpretation, ganz leise, zart und verhalten übernimmt Sängerin Ann-Kathrin Strauch die Melodie. Der Klangcharakter ändert sich abrupt, als eine Trompete einsetzt. Doch wieder unterbricht Matthias Stoffel. „Halt, wir haben vergessen zu spielen,“ sagt er zu den Bläsern. Auch mit der Gestaltung des Schlagzeugers ist er noch nicht auf einer Wellenlänge. „Du machst nicht, was ich gern hätte. Aber was du gern hättest, das verstehe ich noch nicht.“ Dieses partnerschaftliche Musizieren auf Augenhöhe ist zu einem Markenzeichen des Jugend-Jazzcamps geworden. Saxofonistin Annalisa Schultewolter aus Köln ist bereits zum dritten Mal in die Pfalz gereist. „Es hat mir letztes Jahr sehr gut gefallen – die Leute, die Atmosphäre. Und ich habe für mich so viel aus dem letzten Camp über das Jahr verteilt mit mir genommen.“ Auch für Trompeter Lukas Dick, der schon zum siebten Mal mitmacht, ist das Jugend-Jazzcamp zu einer Konstante geworden. „Es macht einfach Spaß und man freut sich so, die Leute wieder zusehen. Und man lernt doch immer wieder noch ’was Neues dazu.“ Sängerin Ann-Kathrin Strauch ist ihrem Bruder Maximilian gefolgt, der ebenfalls schon zum vierten Mal am Jugend-Jazzcamp teilnimmt. „Ich kann zwar nicht so viel mitmachen, weil ich kein Blasinstrument spiele,“ sagt sie, „aber die Dinge, die ich mache, die sind total cool und es macht einen Riesenspaß.“ Mindestens ein Drittel der Teilnehmer sind „Ehemalige“, freut sich auch Bernhard Vanecek. „Wir sind eine Gemeinschaft, fast eine Familie geworden. Wir lernen voneinander und inspirieren uns gegenseitig, wir nehmen uns gegenseitig an die Hand.“ Nach dem Abendessen, bei dem sich die Jazzcamper angeregt unterhalten, ziehen sich einige von 19 bis 20 Uhr in die Zehntscheune zu einer Jam Session zurück. Völlig zwanglos musizieren sie hier zusammen, greifen Gelerntes noch einmal auf, probieren Neues aus, experimentieren. Und die Lust, einfach mal zu schauen, was dabei herauskommt, ist unverkennbar. Die jungen Schlagzeuger Finn Becker (zwölf) aus Wahnwegen und Nicci Appia (14) aus Kaiserslautern kommen ganz schnell mit Bernhard Vanecek an der Tuba in einen musikalischen Dialog. Auf die melodischen Impulse des Blasinstruments antworten die jungen Musiker mit rasant rhythmisierten Schlagzeugimprovisationen, die die Zuhörer in einen schon fast magisch-mystischen Sog ziehen. Nicci, dessen Eltern vor 30 Jahren aus Ghana nach Deutschland gekommen sind, geht völlig in seinem Spiel auf. Unterricht hat er noch nie gehabt. „Wenn ich anfange zu spielen, lasse ich mich frei. Alles kommt einfach automatisch.“ Ein Paar fängt spontan an, dazu zu tanzen, während im Hintergrund letzte Vorbereitungen für einen Auftritt stattfinden. Denn Gustav und Gerlinde, ehemalige Jazzcamper und inzwischen professionelle Musiker, sind zu einem Konzert ins Jazzcamp zurückgekommen. Straßenmusik mit Sousafon und Melodica oder Banjo stellen sie vor. Aus Johnny Cashs „Ring of Fire“ wird hier eine swingende Polonaise, auch Carlos Santanas „Black Magic Woman“ wird zu jazziger Straßenmusik. „Der Gustav hier ist vor fünf Jahren zu uns gekommen als klassischer Musiker, der Klavier studieren wollte“ erinnert sich Veranstalter Franz Wosnitza. „Ohne Noten hat er damals gar nix gespielt.“ Info Abschlusskonzert ist heute um 20 Uhr auf Burg Lichtenberg.

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