St. Julian RHEINPFALZ Plus Artikel Der römische Grabalter von St. Julian: Wie die Funde in den Ort zurückkehren könnten

Dieses Relief ist in den Treppenaufgang zur Kirche in St. Julian eingemauert. Es ist ein Abguss des am besten erhaltenen Fundame
Dieses Relief ist in den Treppenaufgang zur Kirche in St. Julian eingemauert. Es ist ein Abguss des am besten erhaltenen Fundamentsteins des römischen Grabaltars. Es zeigt ein Hippokamp, ein Mischwesen mit dem Oberkörper eines Pferdes und dem Unterleib eines Fisches.

Wo heute St. Julian liegt, haben vor knapp 2000 Jahren wohlhabende Römer gelebt. Ein etwa vier Meter hohes Grabdenkmal haben sie errichtet. Überreste davon liegen in Speyer. Die Kirche konnte sich vor 100 Jahren nicht leisten, sie zu behalten. Könnten sie jetzt zurückkehren?

Beim Abbruch der alten Kirche im Jahr 1879 wurden die Reste eines Grabaltars aus dem 2. oder 3. Jahrhundert gefunden. Sie waren als Spolien – wiederverwendete Bauteile – in die Fundamente eingemauert worden. Die meisten der Fundstücke befinden sich heute im Historischen Museum der Pfalz.

Rudolf Schug hat es sich zur Aufgabe gemacht, mehr Menschen für die römischen Funde zu begeistern. Gerne würde er die Altarreste wieder in seinen Heimatort holen. Ortsbürgermeister Philipp Gruber bläst ins selbe Horn. Früher habe er sich wenig für Geschichte interessiert, bekennt der aus St. Julian stammende Schug. Allerdings war er mit Gerhard Seib befreundet, dem Sohn des damaligen Pfarrers. Das Gelände um die Kirche, wo es noch immer historische Reste gab, war für beide ein beliebter Spielplatz. Von diesem Umstand habe er nicht zuletzt bei der mündlichen Abiturprüfung profitiert, bei der ihn die Vertreterin des Kultusministeriums zur Geschichte seines Heimatortes befragt habe, berichtet Schug.

Er studierte jedoch Chemie und zog wegen seiner Arbeitsstelle in der chemischen Industrie nach Roßdorf bei Darmstadt. Die Verbindung zu seinem Heimatort blieb und führte ihn schließlich wieder zur Geschichte. Dazu trug Karl-Heinz Jung bei, der im Jahr 2004 in den Westricher Heimatblättern seine Examensarbeit zur historischen Entwicklung von St. Julian veröffentlichte. Darin fand Schug einen Hinweis auf die Spolien, die in der Kirche gefunden worden waren. Er wollte mehr darüber erfahren.

Abteilungsleiter aus Speyer hilft

So wandte er sich an das Historische Museum in Speyer und den Leiter der Abteilung Römerzeit. Er konnte die römischen Grabaltar-Reste aus St. Julian im Depot besichtigen, erhielt wichtige Dokumente zu den Funden und erfuhr von der Dissertation, die Steven Ditsch über Grabdenkmäler verfasst hatte.

Ditsch ist Fachmann für römische Grabdenkmäler. Er hat Latein und Geschichte studiert und unterrichtet am Gymnasium in Bad Bergzabern. In seiner Magisterarbeit hatte er die römischen Funde auf der Heidelsburg bei Waldfischbach behandelt. Sie wurde die Grundlage seiner 2009 erschienenen Doktorarbeit, die 2011 in der Reihe „Archäologische Forschungen in der Pfalz“ erschien. Neben der ausführlichen Beschreibung der Grabdenkmäler verzeichnet er in einem Katalog Überreste in fast 50 Dörfern und Städten – die Hälfte von ihnen liegt im Kreis Kusel. Dazu gibt es etwa 400 Fotos und Zeichnungen, die bis auf wenige Ausnahmen von Ditsch stammen.

Presbyterium lehnt 300 Mark ab

Auf dieser Grundlage hat sich Schug mit den St. Julianer Spolien beschäftigt, die nach ihrer Entdeckung eine wechselvolle Geschichte erlebten. Vier große Sandsteinblöcke stammen von demselben Grabaltar. Dafür spricht nicht nur ihre Größe (jeweils etwa 90 mal 80 mal 50 Zentimeter), sondern auch ihr Bildschmuck. Die Steine wurden dem Historischen Museum in Speyer überlassen, das es aber versäumte, auch die übrigen Funde zu sichern. Einige von ihnen wurden anschließend wieder eingemauert, zum Teil sogar in eine Mauer im Hof der Kirche.

Um mehr über die Geschichte der Spolien zu erfahren, wertete Schug zeitgenössische Zeitungsartikel aus. Auch der Briefwechsel zwischen dem Museum und der Pfarrei waren eine wichtige Quelle. Das Museum hatte sich nämlich auch für alle weiteren Spolien interessiert, während die Pfarrei diese behalten wollte. Dazu schrieb der Pfarrer im Januar 1901, dem Presbyterium seien schon 300 Mark für die Funde angeboten worden, es habe sich aber dadurch nicht verleiten lassen, „die für die Geschichte unserer Gegend und insbesondere unseres Ortes hochbedeutenden und höchst wertvollen Fundstücke abzugeben“. Sie seien „zweifellos wertvolle Ergänzungs- wie Erklärungsstücke, und der historische Boden, auf dem sie entstanden und gefunden sind, bleibt der wichtigste Aufbewahrungsort“. Deshalb plane das Presbyterium, einen geeigneten Raum bei der Kirche als Lapidarium – eine Sammlung von historischen Steinwerken nahe des Fundortes – einzurichten und sie dort aufzustellen, hieß es damals.

Abguss des Hippokamps am Aufgang zur Kirche

Doch in den nächsten Jahren stellte sich heraus, dass in St. Julian dafür kein Geld vorhanden war. Auch zu einer geplanten Grabung im Umfeld der Kirche kam es nicht, weil sich nicht genügend freiwillige Helfer gemeldet hatten. Nach weiteren Verhandlungen war die Pfarrei schließlich bereit, dem Museum weitere Spolien zu überlassen. Sie erhielt einen kleinen Geldbetrag und einen Abguss des Hippokamps, ein Mischwesen mit dem Oberkörper eines Pferdes und dem Unterleib eines Fisches, der in die Mauer am Treppenaufgang zur Kirche eingefügt wurde.

Eine kleine Delegation besichtigte jüngst die römischen Spolien aus St. Julian im Lapidarium des Historischen Museums der Pfalz.
Eine kleine Delegation besichtigte jüngst die römischen Spolien aus St. Julian im Lapidarium des Historischen Museums der Pfalz. Rudolf Schug (rechts) hat sich mit diesen eingehend beschäftigt. Ortsbürgermeister Philip Gruber (links) könnte sich vorstellen, sie in die Heimat zu holen.

Schug hat im Mai 2019 seine Ergebnisse bei einem Vortrag in St. Julian vorgestellt. Da es großes Interesse an dem Thema gab, organisierte er kürzlich eine Exkursion in das Museum nach Speyer. Dort sind die Spolien im Depot in der ehemaligen Baumwollspinnerei untergebracht und können nur nach Anmeldung besichtigt werden. Zusammen mit Melanie Herget, der Kuratorin und Sammlungsleiterin für die Römerzeit, stellte er dort die Spolien aus dem 2. und 3. Jahrhundert den Besuchern aus der Westpfalz vor.

Doch noch eine archäologische Prüfung?

Eine der Teilnehmerinnen war Pfarrerin Freya Hülser, die sich begeistert äußerte: „Ich fand sehr beeindruckend, die Originale zu sehen und ihre Größe und Anzahl zu bewundern.“ Ortsbürgermeister Philipp Gruber sagte nach dem Besuch, er bedauere, dass die römischen Funde aus St. Julian im Depot liegen. Er möchte sie gerne im Dorf zeigen und hofft, dass das Museum einige Stücke zumindest auf Zeit ausleiht, sodass sie am Fundort ausgestellt werden können. Zumindest sollte es Infotafeln an der Kirche und am Mehrgenerationenplatz geben, die mit Text und Bild auf die Bedeutung der römischen Funde für den Ort hinweisen. „St. Julian ist ja die einzige Gemeinde im Kreis Kusel mit einem lateinischen Namen“, sagt Gruber. Er geht zurück auf die Heilige Juliana von Nikomedien, die in dem Ort im Mittelalter verehrt wurde. Der Legende nach starb sie im Jahr 304 als Märtyrerin.

Außerdem liebäugelt Gruber mit einer archäologischen Prüfung im Umfeld der Kirche, wie sie vor 100 Jahren bereits vorgesehen war. Denn die modernen technischen Möglichkeiten wie das Georadar erlauben eine Bodenuntersuchung, ohne dass gegraben werden muss.

Was Wissenschaftler aus den Steinen lesen können

Wo genau die römischen Spolien erstmals verwendet wurden, wo der Grabaltar stand, ist unbekannt. Wie bei anderen Funden in der Pfalz wurden die wiederverwendeten Bauwerksreste nicht an ihrem ursprünglichen Standort gefunden. Für die Zweitverwendung hatte man sie passend zugehauen und dann in die Kirche eingebaut. Aber auch aus den Überresten haben Wissenschaftler einiges über das ehemalige Bauwerk herausgefunden.

Wenn man die vier großen Blöcke aus dem Fundament der Kirche zusammensetzt, bilden sie etwa zwei Seiten des Grabaltars. Daraus kann man die stattliche Größe (etwa 360 mal 190 Zentimeter), aber auch das Bildprogramm der Reliefs teilweise erschließen. Dafür bieten sich Vergleiche mit anderen Grabdenkmälern an.

Denkmal war wohl vier Meter hoch

Die nur in Resten erhaltenen Reliefs waren auf Fundamentsteinen des Denkmals angebracht. Am besten ist das Bild des Hippokamps auf der Schmalseite zu erkennen. Eingerahmt ist es von den Ranken der distelähnlichen Akanthus-Pflanze und zwei Krügen, aus denen Weintrauben wachsen.

Das Relief auf der breiteren Seite ist nur zu einem kleinen Teil erhalten. Die beiden schlangenartigen Fischschwänze gehörten zur monumentalen Figur eines Tritons, ein Wesen mit menschlichem Ober- und fischartigem Unterkörper. Begleitet wurde er von einem Delfin, dessen Kopf auch noch erkennbar ist. Tritonen waren in der römischen Mythologie Meergötter, die auf einem Muschelhorn bliesen und die Meere durcheilten. Dieses Bild erlaubt Rückschlüsse auf die Höhe des Denkmals. Erhalten ist etwa ein Viertel des ursprünglichen Werkes, sodass das Denkmal etwa vier Meter hoch gewesen sein muss.

Sphinx und Greif bewachen das Grab

Die Darstellung von Meerwesen auf einem Grab ist heute ungewöhnlich, war aber in der Antike sehr beliebt. Man glaubte nämlich, die Seele werde sich nach dem Tod in das Elysium begeben, das man sich als Insel der Seligen irgendwo im Westen vorstellte. Für eine solche Reise waren Tritonen ideale Begleiter.

Das Relief im Treppenaufgang zur Kirche in St. Julian.
Das Relief im Treppenaufgang zur Kirche in St. Julian.

Auch mehrere andere Figuren der römischen Mythologie konnten identifiziert werden. Zu ihnen gehörte die Sphinx, ein Mischwesen mit dem Körper eines Löwen und dem Kopf einer Frau. Der Greif ist ebenfalls ein Geschöpf, das man sich aus zwei Tieren (Vogel und Löwe oder Pferd) zusammengesetzt vorstellte. Beide galten als Wächter des Verstorbenen und seines Grabes.

Wünsche für das Jenseits

Eine andere Funktion hatten die Eroten, die jugendlichen und geflügelten Begleiter des Gottes Eros. Sie sollten die Liebe der Angehörigen zu dem Toten ausdrücken. Auf dem Denkmal steht zwischen ihnen ein Korb mit Früchten, von denen ein Apfel und Trauben zu erkennen sind – die Genüsse im Leben des Verstorbenen, der diese Früchte wohl besonders gerne mochte. Steven Ditsch bezeichnet sie in seiner Dissertation als Glücksvisionen.

Ein Teil einer aufschlussreichen Szene aus dem römischen Alltag ist auf dem unteren Teil eines Blocks erhalten geblieben. Diese Reste reichen aus, um das Bild zu deuten. Neben einem dreibeinigen Tisch sitzen sich eine Frau und ein Mann auf zwei Korbsesseln schräg gegenüber. Beide sind mit Tunika und Obergewand bekleidet. Von dem Kind, das die Frau auf ihrem Schoß hat, erkennt man nur die Beine. Dieses Relief zeigt ebenfalls den sinnlichen Lebensgenuss des Verstorbenen, den man ihm auch im Jenseits wünschte.

Ähnlicher Grabalter in Pompeji entdeckt

Aber die Funde in St. Julian beschränken sich nicht allein auf den Grabaltar. Bei Brandbestattungen verwendete man sogenannte Aschenkisten, die wie ein Sarkophag gestaltet waren. Ihre Abdeckungen wurden oft für Inschriften benutzt. Auf einer liest man den Namen des Verstorbenen, Sextinus, und die seiner Eltern Sextus und Perpetua. Bei einem zweiten Stein mit den eingemeißelten Namen Oclatius Maritus und Rundus ist nicht eindeutig, wer von diesen beiden der Verstorbene war.

Alle diese Funde nennt Ditsch „großartige Stücke“, die Zeugnisse „einer blühenden Grabmalproduktion“ seien. Für ihre Bedeutung spricht vor allem, dass man verwandte Monumente in städtischen Zentren wie Trier oder Neumagen gefunden hat. Ein ähnlicher Grabaltar wurde sogar in Pompeji entdeckt. Der Experte hält den Grabaltar aus St. Julian auch deshalb für besonders bemerkenswert, weil bisher im Kreis Kusel keine städtische Siedlung, Vicus genannt, gefunden wurde. Nicht allzu weit entfernt ist jedoch der Römerpark Eisenberg mit dem Vicus am Donnersberg. Belegt ist Besiedlung dort seit 16 v. Chr. und mindestens bis ins fünfte Jahrhundert. Seit 1992 wurden gut 20 Gebäude ausgegraben.

Ditsch schlussfolgert: Es muss auf den verschiedenen Landgütern, den Villae Rusticae, wohlhabende Menschen gegeben haben, deren Bedeutung mit aufwendigen Grabmälern unterstrichen worden ist. Damit ist das Denkmal aus St. Julian auch eine wichtige Quelle über die sozialen Verhältnisse in der Pfalz während der Römerzeit.

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