Offenbach-Hundheim
Bulgarischer Frauenchor Angelite verzaubert Publikum
Auf dem Programm der „Bulgarian Voices“ standen sowohl Werke von Ioannis Koukouzelis als auch von anonymen Komponisten. Zudem gab es ein modernes Stück. Das Repertoire wurde extra für die Reihe Via Mediaeval (Musik und Räume des Mittelalters), die Teil des Kultursommes Rheinland-Pfalz ist, entwickelt. Zum ersten Mal präsentierte das Ensemble dabei Kompositionen des 1280 geborenen bulgarischen Komponisten Koukouzelis.
Meditativ-spirituelle Lieder
Der erste und durchaus bleibende Eindruck dieses Konzertabends galt allerdings den farbenprächtigen, traditionellen Gewändern der Sängerinnen. Die Trachten waren vom Kopfschmuck bis zu den Strümpfen voller bunter Muster und Stickereien und mit prächtigen Gold- und Silberapplikationen geschmückt. Da jede der Sängerinnen ihr eigenes Kleid trug, und es keine Uniformierung gab, konnte man sich daran gar nicht sattsehen.
Auch der zweite, akustische Eindruck blieb hängen. Ausdrucksstarke Sopranstimmen wechselten mit tiefstem, durchdringendem Alt. Immer wieder sangen die Chormitglieder auch mehrstimmig, begleitet von perfekt arrangierten Soli, und oft mit einer permanent-subtilen Gesangslinie im Hintergrund: Als ob jemand für den Hintergrundgesang eine Taste gedrückt, und sie über das ganze Stück nicht mehr ausgeschaltet hat. Manchmal mutierte die lange Linie auch zum Thema selbst, mitunter verselbstständigten sich die Ton-Schwingungen, als ob die Glocken läuten würden. Dabei unterstützte die Akustik im Kirchenschiff die vielfältigen Klangfarben aufs Beste.
In den Bann gezogen
Dabei war das umfassende Programm keinesfalls lieblich, wie man vielleicht von einem Frauenchor erwartet hätte. Vielmehr hatten die geistlichen Lieder der orthodoxen Kirche meditativ-spirituellen Charakter. Mit ihrer ausgeprägten Resonanz als Charakteristikum wurden sie ernst und zugleich selbstbewusst vorgetragen. Chorleiterin und Dirigentin Katja Barulova trat nach jedem Stück bescheiden zur Seite, damit das Ensemble den Applaus entgegennehmen konnte. Ihre klaren Anweisungen führten den Chor dynamisch und kraftvoll auch durch spannungsvolle Passagen. Die Vorträge waren fesselnd und auf dem Punkt. Kurz: eine Musik, die den Zuhörer in ihren Bann zieht und erdet.
Viele der Stücke ähnelten sich für die hiesigen Ohren. Vom Text dürften die meisten Besucher wenig verstanden haben, aber die Botschaft ist auch so angekommen. Zudem half ein ausführliches Programmheft beim Verständnis. Gespart wurde an dem Abend mit Effekten, das war auch nicht notwendig. Die Sängerinnen standen fast unbeweglich und konzentriert auf der Bühne. Ausnahmsweise lebhaft, ja freudig, war indes der Vortrag des Lieds „Thanas alte Mutter“, ein Wechselgesang, in dem die Mutter zum Sohn sagt: „Lass dir Zeit mit dem Heiraten!“
Fast etwas unheimlich
Nach einer Minipause setzte Ioannis Koukouzelis’ „Preiset den Herrn im Himmel“ neue Akzente. Dabei bewegte die Solistin ihre Stimme in die allertiefsten, kehligen Gefilde – fast etwas unheimlich.
Koukouzelis gilt in Bulgarien als Reformer der orthodoxen Musik. Orthodox sind dort auch die meisten Bewohner. Doch es gibt auch eine größere Anzahl an Muslimen. Möglicherweise an ihre Adresse war das Abschluss-Stück „Mehmetyo“ (Mehmet, my sweetheart) von Ivan Spasov (1934-1996) gerichtet. Das moderne Stück, in einer anderen Aufstellung geboten, glich einem aufregenden, vielstimmigen Sprechgesang, ja, einem kleinen Erzähl-Durcheinander, dekoriert mit lebhaften Lachern und Quietschern bis hin zum Glöckchenschlag.
Eine spontane Zugabe
Der frühere Kreiskantor Roland Lißmann hatte zu Beginn des Konzerts die 1987 im Frankfurter Verlag Zweitausendeins herausgegebene Langspielplatte „Le Mystere des voix Bulgares“ als eine seiner Lieblings-LPs präsentiert. Dass diese Musik nun in der Abteikirche erklingen kann, freue ihn besonders, sagte der Kirchenmusiker bei der Begrüßung. Das im gleichen Jahr gegründete Ensemble war zuvor schon unter anderem Namen unterwegs. Konzertreisen führten Angelite bereits bis die USA, Japan und nach Indien. Mehrere CDs wurden herausgebracht.
Nachdem sich der Chor zum Abschlussfoto vor der Kirche versammelt hatte, gab es wenige Minuten später noch eine Überraschung: eine spontane Zugabe im Kirchenschiff, die von zahlreichen Handykameras dankbar festgehalten wurde.