Kreis Kusel
Brücken: Die „Mutter aller Kerwe“ wird 300 Jahre alt
Brücken. Brücken liegt im südlichen Kreis Kusel. Knapp 2300 Einwohner hat das Dorf. Meistens geht es beschaulich zu. Aber einmal im Jahr herrscht dort Ausnahmezustand.
Am zweiten Sonntag im September zelebriert die Dorfgemeinschaft ihren höchsten Feiertag: die Brigger Kerb. Tradition wird hier groß geschrieben. Kein Wunder, beruft man sich doch auf eine 300-jährige Geschichte. Nicht ohne Stolz bezeichnen die Straußbuwe ihr Hochfest als „Mutter aller Kerwe“ (MAK). Dass Straußbuwe umliegender Orte den Brückern vor diesem Hintergrund bisweilen eine gewisse Arroganz vorwerfen, wird in dem Dorf milde lächelnd zur Kenntnis genommen.
Das Fest der Feste verdanken die Brücker einem Bischof aus Worms, der in dem Ort am 8. September 1724 eine Kapelle weihte. Seitdem wird in Brücken am zweiten Sonntag im September die Kerwe gefeiert. Seit ein paar Jahren spielt sogar der kirchliche Hintergrund des Festes wieder eine größere Rolle.
Mit KI Plakate und Lieder erzeugt
Trotz aller Traditionen und trotz des historischen Bewusstseins gehen die Straußbuwe mit der Zeit. Natürlich sind sie in Sozialen Netzwerken aktiv und für das Jubiläum setzen sie noch einen drauf: Werbeplakate und spezielle Kerwe-Lieder wurden mit Künstlicher Intelligenz (KI) generiert. In der Gemeinde ist daher von der „ersten KI-Kerb“ die Rede. Da ist es kaum erwähnenswert, dass beim Festumzug (Sonntag, 14 Uhr) eine Drohne zum Einsatz kommt.
Die ist nicht zuletzt notwendig, um alle Teilnehmer fotografisch festzuhalten. Die Veranstalter rechnen nämlich mit sage und schreibe rund 200 (!) Straußbuwe in diesem Jahr. Einen fast vergleichbaren Aufmarsch gab es erstmals vor 25 Jahren: 275 Jahre MAK wurden damals gefeiert. Die aktiven Straußbuwe wurden von ihren Vorfahren 1999 tat- und trinkkräftig unterstützt.
Rund 100 waren es damals. Noch heute erinnern sich viele in Brücken daran, wie ein Straußbu seinen Großvater mit dem Rollstuhl beim Umzug durch den Ort geschoben hatte. Er war zu der Zeit einer der ältesten Bewohner Brückens. Ehrensache, dass er sich als ehemaliger Straußbu das Fest nicht entgehen lassen wollte. Auch für dieses Jahr haben sich etliche ehemalige Straußbuwe angemeldet, die das Rentenalter längst erreicht haben. Der ein oder andere reist sogar aus dem Ausland an, um die Kerb zu feiern.
Strikte Kleiderordnung für Straußbuwe
Die „Brigger Straußbuwe“ legen Wert auf bestimmte Regeln. Mitmachen dürfen nur unverheiratete Männer, die älter als 18 Jahre sind. Zumindest was den Ehestatus angeht, werden für den Umzug am Sonntag bei den ehemaligen Straußbuwe Ausnahmen gemacht. Die strikte Kleiderordnung gilt jedoch für alt wie jung – und das seit Jahrzehnten, wenn nicht sogar länger: schwarze Hose, weißes Hemd (langärmlig), schwarze Socken, schwarzer Gürtel, schwarze Schuhe (geputzt). Wer gegen diese oder andere ungeschriebene Gesetze verstößt, muss in die Tasche greifen: Unter einer Kiste Bier geht da nichts.
Auf den Kerweumzug folgt die Kerwerede. Dabei wird das Dorfgeschehen des vergangenen Jahres bisweilen derb, aber meist humorvoll vom „Kerweparre“ vorgetragen. Als Nächstes steht der Tanz der Straußbuwe mit ihren Straußmäd an. Die wiederum spielen in Brücken im Vergleich zu anderen Orten allenfalls eine untergeordnete Rolle im Kerwetreiben. Sie „dürfen“ vorab beim „Knibbeln“ des Kerwestraußes helfen und tanzen sonntags die „drei Ersten“. Gleichberechtigung ist zumindest am zweiten Wochenende im September in Brücken bisweilen ein Fremdwort.
Legendärer Frühschoppen am Montag
An den Kerweabenden spielen verschiedene Musikgruppen. Natürlich gibt es auch Fahrgeschäfte und Co. Legendär ist der Frühschoppen am Montag, der viele hundert Besucher anlockt. Dienstags ziehen die Straußbuwe durchs Dorf und nehmen an den Haustüren dabei das ein oder andere alkoholische Getränk zu sich. Erfahrungsgemäß verkraften nicht alle Straußbuwe das gleich gut. Der betrunkenste landet – mit Mehl bestäubt – in einer schwarzen Kiste und wird durchs Dorf getragen, bevor gegen 18 Uhr die Kerwe offiziell begraben wird. Allerdings nur für kurze Zeit. Mittwochs wird sie nämlich schon wieder ausgegraben.
Und man glaubt es kaum: Früher war noch mehr Kerb in Brücken. Bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gab es gleich drei Kerwepartien, jeweils mit eigenem Umzug und eigener Rede. Eine davon war den protestantischen Straußbuwe vorbehalten. In den 1950er Jahren reduzierte sich die Anzahl auf zwei, in den 1960er-Jahren auf eine. Und die wird seitdem kräftig gefeiert.
Wer ein Dorf im Ausnahmezustand erleben will, sollte die nächsten Tage mal nach Brücken kommen. Wer einmal die Brigger Kerb erlebt hat, weiß, warum sie völlig zurecht den Titel „Mutter aller Kerwe“ trägt.
Zum Autor
Andreas Ganter leitet die Pirmasenser Lokalredaktion der RHEINPFALZ. Er stammt aus Brücken und war früher selbst Straußbu. Nach mehrjähriger Kerweabstinenz feiert er dieses Jahr wieder mit. Endlich. In dienstlichen Angelegenheiten ist er ab Mittwoch wieder erreichbar. Frühestens.