Lauterecken / Meisenheim
Bereitschaftspraxis ist bald nicht mehr so bereit
Hintergrund ist die Reform des Bereitschaftsdienstes der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), die ab Februar greift. Demnach werden die Präsenzzeiten der diensttuenden Ärzte in der ÄBP in Meisenheim, von der auch die VG Lauterecken-Wolfstein mit versorgt wird, reduziert. Von den kommunalpolitsch Verantwortlichen hagelt es Kritik. Die ÄBP in Kusel ist vorerst nicht betroffen.
Für Andreas Müller, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Lauterecken-Wolfstein, ist das Reformvorhaben ein weiteres Indiz dafür, dass „der ländliche Raum immer mehr abgehängt wird“. Man müsse sich nicht wundern, wenn ältere Menschen vom Land Richtung Stadt abwanderten. „Je weniger in den ländlichen Raum investiert wird, umso weniger Menschen wollen hier leben. Es müsste genau umgekehrt sein: In den ländlichen Raum müsste investiert werden, damit die Menschen hier bleiben“, sagt Müller. Mit ihrem Vorhaben trage die KV dazu bei, den ländlichen Raum im medizinischen Sektor weiter zu schwächen. „Wer auf dem Land lebt, der muss schon kerngesund sein“, kommentiert Müller die Entscheidung ironisch.
Die falsche Perspektive
Meisenheims Stadtbürgermeister Gerhard Heil fürchtet, dass die ÄBP in Meisenheim in Zukunft bald verschwinden könnte. So sei es auch in Rockenhausen gewesen. Erst habe man die Zeiten reduziert, dann die Bereitschaftspraxis geschlossen. „Es ist immer dasselbe Spiel. Man redet von der Gleichbehandlung von Stadt und Land, und am Ende verschlechtert sich die Situation auf dem Land“, kritisiert Heil. Sollte die Bereitschaftspraxis in Meisenheim schließen, entstehe ein Versorgungsloch in der Region, die für Neubürger zunehmend unattraktiver werde, sagt Heil. Wenn die medizinische Versorgung ausgedünnt werde, ziehe niemand mehr hierher. Das sei eine eindeutige Schwächung der Region. Die Sozialdemokraten der Stadt regen inzwischen eine Resolution des Stadtrates an.
Der hauptamtliche Beigeordnete der Verbandsgemeinde Nahe-Glan und frühere Meisenheimer Verbandsbürgermeister Dietmar Kron hält mit harschen gen KV Worten nicht hinterm Berg. Die Bereitschaftspraxen in Kirn und Rockenhausen seien schon „plattgemacht“ worden, nun drohe der Meisenheimer ÄBP ein ähnliches Schicksal, befürchtet er. „Das nehmen wir nicht geräuschlos hin“, macht Kron deutlich. „In Mainz betrachtet man alles aus städtischer Sicht“, kritisiert er, da fehle einfach der Blick aus einer anderen Perspektive. Dass die KV auch noch suggeriere, die Versorgungssituation würde sich durch die Reduzierung von Öffnungszeiten oder einer möglichen Schließung verbessern, verärgert ihn. Die Vorstellung der KV, jeder komme problemlos damit zurecht, die zentrale Nummer 116117 anzurufen, um sein Problem zu schildern, hält Kron für weltfremd. „Da läuft erstmal ein Band; ältere Mitbürger werden nicht verstehen, dass da niemand mit ihnen spricht, oder sie hängen anschließend in der Warteschleife.“
Außerdem ist Kron sauer auf die KV wegen ihrer Informationspolitik. „Ich verurteile die Intransparenz der KV“, schimpft er. Eine E-Mail sei nicht beantwortet worden. Auf Nachfrage habe man ihm mitgeteilt, dass sich die Bearbeitung wegen der Corona-Pandemie verzögere. „Das verstehe ich nicht. Gerade jetzt brauche ich doch mehr Information und Unterstützung“, sagt Kron.
Diagnose am Telefon
Die KV kann die Kritik nicht nachvollziehen. Als Ersatz werde der Aufsuchende Ärztliche Bereitschaftsdienst (AÄBD) ausgebaut, der „zum Patient ins Wohnzimmer“ komme, sagt Pressesprecher Rainer Saurwein. Die Entscheidung, was getan wird, treffe das medizinischen Fachpersonal am Telefon. Dieses entscheide, ob der Einsatz eines Arztes notwendig ist. Wenn dem so sei, rufe ein Arzt den Patienten an und fahre bei Bedarf zu ihm. Die KV nennt das „Patientensteuerung in eine geeignete Versorgungsebene“. Damit würden dem Patienten unnötige Wege in die ÄBP erspart, weswegen diese wiederum bedarfsgerecht besetzt werden könnten.
Dem Ärztemangel will die KV damit begegnen. „Wir haben gar nicht soviel Personal, um die 37 Bereitschaftspraxen im Land zu besetzen“, sagt Saurwein. Oftmals seien Ärzte über Nacht im Dienst, ohne dass es viel zu tun gebe. „Wir müssen die ungenutzte Zeit nutzbar machen. Dabei geht es nicht nur ums Geldsparen, sondern um einen effektiveren Einsatz der Arbeitszeit“, fährt Saurwein fort. Hier komme der AÄBD ins Spiel, auch um ein Optimum an medizinischer Versorgung sicherzustellen. Die Erfahrung habe gezeigt, dass vielen Patienten schon beim Telefongespräch habe geholfen werden können. In Dänemark funktioniere dieses System bereits, in Deutschland soll es ebenfalls flächendeckend eingeführt werden.
Auf den Prüfstand
Die Argumente ziehen auf der ländlichen Ebene nicht. „Hier wird alles unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten und aus städtischer Sicht gesehen, aber es geht um einen Bereich der Daseinsvorsorge, da kann man nicht nur mit betriebswirtschaftlichen Berechnungen kommen“, sagt Kron. Sinnvoll ist nach seinem Verständnis eine Testphase, um zu überprüfen, ob das System tatsächlich die medizinische Versorgung gewährleistet. Wenn nicht, dann müsse es wieder geändert werden.