Kreis Kusel
Arztpraxis muss schließen: Mediziner fühlt sich „im Regen stehen gelassen“
In Jettenbach geht eine Ära zu Ende. Mehr als 70 Jahre lang gab es einen Hausarzt im Dorf. Nun schließt Mediziner Karl-Friedrich Resch seine Praxis zum 1. April. Einen Nachfolger gibt es nicht. Eine Überraschung ist die bevorstehende Praxisschließung nicht gerade: „Ich bin ja schon seit 13 Jahren in Rente“, sagt Resch trocken. Im Februar wird er 78 Jahre alt. Auch seine langjährige Angestellte sei „überfällig“, was den Ruhestand betrifft. Nach 50 Jahren am gleichen Arbeitsplatz hatte sie sogar noch ein Jahr drangehängt. Nun werden also „die Segel eingeholt“, formuliert Resch.
„Die Patienten fragen mich, wo sie dann hin sollen“, berichtet der Arzt. Doch einen Nachfolger kann er nicht präsentieren. Er habe die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz bereits im September auf die bevorstehende Praxisschließung aufmerksam gemacht. Es habe darüber auch noch ein Telefongespräch gegeben. Allerdings sei bislang keine Lösung im Sinne der Patienten in Sicht. Die KV hätte dafür sorgen müssen, dass der Arzt-Sitz in Jettenbach erhalten bleibt, sagt Resch im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Wenige Wochen vor der Schließung fühle er sich von den Verantwortlichen „im Regen stehen gelassen“. Das Versäumnis der KV gehe zu Lasten der Versicherten, moniert der Mediziner. Der nächste Hausarzt im Kreis findet sich im Medizinischen Versorgungszentrum Altenglan oder in Wolfstein.
Ärztemangel überall
Im seit 2019 vom Westpfalz-Klinikum betriebenen MVZ Altenglan ist zum Jahresende Allgemeinmediziner Rüdiger Brust in den Ruhestand gegangen, der vorher schon 35 Jahre Hausarzt in Altenglan gewesen war. Statt sich in die Rente zu verabschieden, hatte er die Leitung des MVZ übernommen. Seine Mitstreiterin Sandra Schweda bliebt Altenglan treu. Ein Vertreter unterstützt sie derzeit, doch habe noch keine dauerhafte Verstärkung gewonnen werden können, informiert Heidrun Jäger, beim Westpfalz-Klinikum für die Medizinischen Versorgungszentren zuständig.
Es habe schon konkrete Personalplanungen gegeben, jedoch hätten die Ärzte sich dann anders entscheiden, erklärt sie. Grund sei nicht der ländliche Raum alleine, sagt Jäger. „Inzwischen ist der Ärztemangel überall angekommen, auch in den Städten und über alle Fachrichtungen hinweg.“ Sie hofft, über Anzeigen sowie die eingeschaltete Personalvermittlung nicht nur die freie 0,75-Stelle besetzen zu können, sondern noch weitere ein bis zwei Ärzte für das Hausarzt-MVZ zu finden. „Von Vorteil sehe ich eine regionale Verbundenheit“, sagt sie.
Praxis einst von Reschs Vater eröffnet
Auch der Jettenbacher Karl-Friedrich Resch war einst Rückkehrer aus der Großstadt. Schon sein Großvater war als Psychiater tätig, berichtet er. Die Hausarztpraxis im Dorf hat sein Vater Friedrich vor gut 70 Jahren eröffnet. Die Mutter war Kinderkrankenschwester. Ein wenig war die Profession des Sohns also vorgezeichnet. Resch betont: „Zu 100 Prozent würde ich noch einmal diesen Beruf wählen.“ Das Studium führte in nach Erlangen, Kiel und Heidelberg. „Ich wollte in die Plastische Chirurgie“, erzählt Resch. Er hat die Facharztausbildung für Chirurgie in Hessen absolviert und zunächst in Offenbach am Main gearbeitet. 1987 übernahm er die väterliche Praxis. Nach so vielen Berufsjahren freue er sich jetzt auf mehr Familienleben. Ein achtwöchiger „Probeurlaub“ habe kürzlich gezeigt, dass ihm die Arbeit nicht fehlen werde.
Zu einer möglichen Nachfolge in Jettenbach kann der Pressesprecher der KV, Stefan Holler, derzeit keinen aktuellen Stand mitteilen. Auf Nachfrage der RHEINPFALZ schreibt er, dass die Kolleginnen „an der Sache dran“ seien.
42 Prozent der Ärzte über 65 Jahre
Im Kreis Kusel gibt es laut KV derzeit acht freie Hausarzt-Sitze, den freiwerdenden in Jettenbach nicht eingerechnet. 42 Prozent der Hausärzte im Kreis Kusel sind älter als 65, nur elf Prozent unter 50 Jahren. Das geht aus einer Statistik der Kassenärztlichen Vereinigung hervor.
Es gibt dafür eine Erklärung: „Durch angekündigte Zulassungssperren kam es Anfang der 1990er Jahre zu einem kurzfristigen Niederlassungsboom bei den damals über 40-Jährigen. Diese Ärzte werden in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen und damit eine Abgangswelle auslösen“, schildert die Vereinigung.
Eine Lösung für das Problem, dass die Ärzte immer älter werden und damit näher an den Ruhestand kommen, gibt es jedoch nicht. Insgesamt praktizieren – Stand Juni 2021 – 43 Hausärzte, 39,5 Fach- und Kinderärzte sowie zwölf Psychotherapeuten im Kreis. Landesweit sei die Anzahl der Ärzte und Psychotherapeuten im Alter von 60 und mehr Jahren auf 35 Prozent angestiegen. Im Jahr 2005 seien es noch 13 Prozent gewesen.
KV-Sprecher: Versorgung sichergestellt
Trotz der alarmierenden Zahlen gilt der Kreis Kusel nicht als unterversorgt. Die Berechnung der Arztsitze in einer Region beruhe auf der Bedarfsplanungs-Richtlinie. Danach sei die hausärztliche Versorgung in der Region nach wie vor sichergestellt, erklärt Pressesprecher Holler. Gegebenenfalls sei ein weiterer Weg zur nächstgelegenen Hausarztpraxis zurückzulegen – „wobei Deutschland im internationalen Vergleich bezüglich der Entfernung noch sehr gut dasteht“. Konkret beträgt im Kreis Kusel für gut 38 Prozent der Bürger die Entfernung bis zur nächsten Hausarztpraxis bis zu einem Kilometer, knapp zehn Prozent müssen fünf bis zehn Kilometer fahren. Die Durchschnittsentfernung bis zur nächsten Praxis liegt laut der Daten der KV bei 2,3 Kilometer.
Die Bedarfsplanungs-Richtlinie sei zuletzt 2019 geändert worden. Weil die KV deren aktuelle Ausgestaltung für nicht mehr zeitgemäß hält, fordert sie eine Reform.