KUSEL / GUMBSWEILER
100 Jahre Herbstmesse: Der reiche Onkel aus Amerika
Von öffentlichem Nahverkehr ist Ende der 1940er Jahre gar keine Rede. Güterwaggons dienen in und zwischen den Städten, wo es eben eine Zugverbindung gibt, als günstige Mitfahrgelegenheit. Wer von einer kleinen Ortschaft aus reisen will, muss sich zu Fuß aufmachen. So erging es auch Gretel Kreischer, als ihre in Gumbsweiler beheimatete Familie damals die Kuseler Herbstmesse besuchen wollten – die erste nach dem Zweiten Weltkrieg.
Ein besonderer Gast war mit von der Partie: Am Vortag hatte ihr Vater, mit Brot, Wurst und Brunnenwasser im Gepäck, den Onkel aus Amerika am Bahnhof in Frankfurt abgeholt, berichtet Gretel Kreischer. Auf einem der Güterwaggons seien sie gereist und hätten sich vom nächstgelegenen Bahnhof aus zu Fuß auf zur „Schrammen Mühle“ in Gumbsweiler gemacht. Weil dort aber der Platz nicht ausreichte, habe man den Onkel noch zu Fuß nach Elzweiler in ein Schlafquartier zur Verwandtschaft begleitet. „Wir lebten ja nach dem Krieg alle am Existenzminimum.“
Onkel zückt unversehens die Dollarnoten
Um am nächsten Tag zur Kuseler Herbstmesse zu gelangen, die der Onkel unbedingt besuchen wollte, blieb nichts andere übrig, berichtet die mittlerweile 86-Jährige. „Wir mussten zu Fuß bis nach Altenglan und dort dann den Zug nach Kusel nehmen.“
Bevor es aber zum Messeplatz ging, um am Spektakel teilzuhaben, wollte sich die Familie stärken. Das alteingesessene Café Schwinn habe es schon damals gegeben und es lag auf dem Weg. Also machten sie mit dem wenigen Geld in ihren Taschen Halt und setzten sich. In einem Moment der Unachtsamkeit des Vaters, so Kreischer, zückte der Onkel aus Amerika sein Portemonnaie, holte Dollarnoten heraus und bestellte gleich ganze Kuchen und Getränke für die Familie. „Zu der Zeit waren Dollars viel wert, und er konnte damit einfach alles kaufen.“
Zu wenig Kuchen im Café Schwinn
Das Café Schwinn habe an dem Tag sogar dichtmachen müssen, weil man dort selbst nur drei oder vier Kuchen zum Verkauf gebacken hatten. „Die Zustände im armen Kusel haben den Onkel schockiert“, fährt Gretel Kreischer fort. Als der Vater im ehemaligen „Rennersch“-Gasthaus Brot, Wurst und Apfelwein aus seinen weiten Anzugstaschen zog und sie die Mitbringsel mitten in der Gaststätte verspeisen wollten, um mal nicht auf die Spendierhosen des Onkels angewiesen zu sein, musste der weit gereiste Gast vor lauter Verwirrung laut lachen.
Schließlich legte er auch in „Rennersch“ seine Dollars auf die Theke. „Nie hätte er gedacht, dass man in solch armen Verhältnissen leben muss. Aber so war das eben nach dem Krieg“, schaut Gretel Kreischer zurück. „Es waren ganz andere Zeiten für die Menschen in Deutschland verglichen mit denen in Amerika. Die Amis haben ja auch viel Geld in den Wiederaufbau gesteckt. Und doch waren die meisten hier bei uns glücklich mit dem was, sie hatten, und sie waren viel netter als heutzutage.“
Kompletten Messestand leergekauft
Im Wirtshaus war der Geldbeutel des Onkels noch längst nicht leer geworden, wie sich kurz darauf auch auf dem Messegelände zeigte: Noch während die Familie vom Trubel der Menschen und Ständchen beeindruckt war, habe der Onkel im Nu die erstbeste Bude angepeilt und das komplette Sortiment gekauft. „Es war ein Stand mit Mohrenköpfen und anderen Süßigkeiten“, erinnert sich Gretel Kreischer. „Wir Kinder waren völlig außer Rand und Band von all den Leckereien und konnten uns vor Freude kaum zurückhalten.“
Das werde sie nie vergessen und es werde immer eine ihrer Lieblingsgeschichten bleiben. „Am 22. Februar 1945 sind noch Bomben vom Himmel gefallen, und plötzlich regnete es Süßigkeiten.“ An diesem Abend sei der Fußweg von Altenglan glanabwärts nach Gumbsweiler gar nicht weit erschienen.