Kusel / Dennweiler-Frohnbach
100 Jahre Herbstmesse: Als es Geschicklichkeitsfahren mit Traktoren gab
Die Landtechnik steckte damals in der Westpfalz noch in den Kinderschuhen, von „smart farming“ keine Spur. Einen Vorreiter, um in den 1950er Jahren die Motorisierung der Landwirtschaft voranzutreiben, gab es mit der Deula – Deutsche Lehranstalt für Agrartechnik –, die heute unter anderem Lehrgänge für den Brennholz-Führerschein, den Drohnen-Führerschein und Fahrschulen für die „grünen Berufe“ im Programm hat.
Vor rund 70 Jahren veranstaltete die Alsenzer Deula-Schule anlässlich der Kuseler Herbstmesse Geschicklichkeitsfahren für Traktoren, erinnert sich Karl Helfenstein. Gefeiert wurde die Herbstmesse in diesen Jahren im Pausenhof hinter der Luitpoldschule in Kusel. Nur einen Steinwurf entfernt am Haselrech befindet sich die Landwirtschaftsschule, die Helfenstein in den Wintern 1949/50 und 1950/51 besuchte.
Wenn die Milchkanne kippt ...
Austragungsort des Geschicklichkeitswettbewerbs mit verschiedenen Stationen war Helfensteins Erinnerung zufolge das Gelände am Eingang zur Winterhelle. Dort mussten die Traktorfahrer ihr Geschick beim Umfahren und Überwinden von Baumstämmen und Gräben sowie in Ausweichmanövern demonstrieren. Rund 20 Traktorfahrer beteiligten sich daran.
Eine besonders knifflige Herausforderung sei das Rückwärtsfahren gewesen, erzählt der Landwirt. Denn mit einem Zweiachser-Anhänger und Feingefühl rückwärts in eine schmale Einfahrt zu manövrieren, habe damals nicht zu seinen Stärken gezählt, gesteht er freimütig. Was den Geschicklichkeitstest noch erschwerte: Auf dem Anhänger wurde eine mit Wasser gefüllte Milchkanne transportiert, die bei den Manövrierübungen nicht kippen durfte. Mit Bravour habe Erich Müller aus Körborn – vielen bekannt als „Milch-Erich“, da er die Rohmilch in den Dörfern einsammelte und zur Molkerei transportierte – den Geschicklichkeitsparcours absolviert, sagt Helfenstein.
Sessel als Siegespreis
Der Landwirt hatte seinen ersten Schlepper 1948 kurz nach der Währungsreform erworben. Ein Jahr zuvor hatte er den Führerschein gemacht. Der 18 PS Allgaier-Traktor, der zwar keine Hydraulik besaß, dafür aber eine Verdampfungs-Kühlung, kostete rund 6000 Mark. Für das Darlehen, das der Jungbauer für den Kauf aufnahm, waren 14 Prozent Zinsen fällig, erinnert er sich. Auf den Allgaier folgten bei Helfenstein als Zugmaschinen ein Kramer mit 33 PS und später IHC-Traktoren.
Fester Programmpunkt der Herbstmesse sei über viele Jahre hinweg ein Tontauben-Schießen gewesen, sagt Helfenstein. Dieser Wettbewerb habe auf dem Gelände vis-à-vis des heutigen Kasernenareals auf dem Windhof stattgefunden. In dieser Disziplin habe er einmal sogar zehn Treffer erzielt – und damit gewonnen. Ein Sessel als erster Preis habe ihn damals allerdings etwas enttäuscht, räumt er ein. Zumal ein ebenfalls siegreicher Wettkämpfer mit einem Messer prämiert worden sei.
Viele agraraffine Angebote
Der Messedienstag, der als „Tag des Landvolks“ firmierte, sei von den jungen Leuten aus den umliegenden Dörfern rege besucht worden, weiß Helfenstein noch. Zumal es in den 1950er Jahren neben dem üblichen Messetreiben noch viele agraraffine Angebote auf dem Volksfest gab: von Tierschauen bis hin zu Vorführungen landwirtschaftlicher Gerätschaften und Maschinen bei den alteingesessenen Firmen Gilcher und Steuer. Und nach einem zünftigen Messetag seien die „Messegänger“ dann mitunter zu fünft von Taxi Knecht wieder nach Hause kutschiert worden. Fahrpreis: fünf Mark.