Kusel Verirrt in die Pfalz, dieser kleine Tölpel
Ein in Wiesweiler gestrandeter Küstenvogel hat Polizei und Tier-Retter auf Trab gehalten. Der Basstölpel wurde in der Nacht zu Samstag von einer Anwohnerin in der Bergstraße entdeckt, wo er lautstark auf sich aufmerksam machte. Wieso der Meeresvogel, der in Deutschland nur auf Helgoland heimisch ist, ausgerechnet in der Westpfalz gelandet ist, wird wohl sein Geheimnis bleiben.
Doch der Reihe nach: Wie die Polizei in Lauterecken berichtete, hatte eine Frau am späten Freitagabend ungewöhnliche Geräusche vor ihrem Haus in Wiesweiler vernommen. Nein, es handelte sich nicht etwa um einen verfrühten Pfingstquack! Als die Frau nachsah, habe sie im Hof einen großen, verletzten Vogel gesehen. Das Tier hat – offenbar, weil es nicht mehr fliegen konnte – mit dem für Basstölpel charakteristischen Ruf „rab-rab-rab“ und „oo-ah“ auf sich aufmerksam gemacht. Was also tun, wenn man so eindringlich angesprochen wird? Die besorgte Frau rief die Polizei in Lauterecken. Und das war laut Karsten Tide von der Wildtierhilfe Kaiserslautern genau das Richtige. „Der Vogel steht auf der Roten Liste“, weiß Tide. „Wir hatten schon einmal mit einem Weißkopfseeadler zu tun“, erinnert sich ein Lauterecker Polizeisprecher auf Nachfrage der RHEINPFALZ. Ein Basstölpel aber habe bisher noch nicht die Dienste der Polizei im Kuseler Nordkreis in Anspruch genommen. Zunächst sorgte die Polizei dafür, dass der schreiende Seevogel brav an Ort und Stelle bleibt. Dann setzten die Beamten selbst einen Notruf ab, und zwar an den Tierschutzverein Kindsbach: Ein ihnen unbekannter Vogel sitze auf der Straße und könne nicht mehr fliegen. Prompt starteten zwei Helfer des Tierschutzvereins gen Wiesweiler. „Wir sind gegen halb zwei dort angekommen“, berichtet Ulla Hartmann aus Mehlingen. Zusammen mit ihrem Kollegen Michael Nicola organisierte sie die Rettung des seltenen Küstenvogels. „Ein wunderschönes Tier“, zeigte sich Hartmann im Gespräch mit der RHEINPFALZ begeistert. Einem solchen Vogel so nahe zu kommen, das passiere ihr sicher nicht noch einmal. „Das ist zwar ein neckisches Kerlchen“, sagt die Tierschützerin, „aber fliegen war nicht!“ Weiteres Problem: der lange, spitze Schnabel. „Todesmutig“ hätten sich die beiden an den gut 50 Zentimeter hohen Vogel herangewagt und ihn mit einer Decke gefangen. Im Karton trat der Küstenbewohner sodann die Reise zu Karsten Tides Auffangstation an. Auch, wenn der schöne, fast weiße Vogel mit gelblichem Kopf und schwarzer Zeichnung um Auge und Schnabel in dieser Nacht nur mit seinen Flossen ungrazil watscheln konnte: Nach Hartmanns Eindruck war er nicht krank, sondern nur geschwächt. „Er konnte wunderbar seine Flügel ausbreiten und auch wunderbar schnappen!“, sagt sie. Tide päppelt in seiner Wildtierhilfe Igel und Eichhörnchen auf, auch eine Wildkatze konnte sich bei ihm das Rüstzeug für die Freiheit holen. Wasservogel-Erfahrung sammelte der Tierfreund, als er den schwarzen Schwan, der sich in Kaiserslautern unglücklich in ein Tretboot verliebt hatte, aufgenommen hatte. Nachdem sein nächtlicher Gast Quartier genommen hatte, fand Tide rasch heraus, dass es sich um einen Basstölpel handelt – ausgerechnet der Wasservogel, der zum Seevogel des Jahres 2016 gekürt wurde. Aber: „Bei uns in der Pfalz hat der gar nichts zu suchen“, sagt Tide und rätselt weiter über die Ankunft des gefiederten Exoten. Vielleicht war sein Navi defekt, kommentieren Freunde der Tierhilfe im Internet. Oder er hat sich gar nicht verflogen, sondern wollte partout einmal in die Pfalz… Laut Tide könne auch das Unwetter Ende vergangener Woche den Vogel zum Langstreckenflug veranlasst haben. „Basstölpel fliegen zur Not schon mal 400 Kilometer in ihre Nahrungsgebiete.“ Apropos Nahrung: „Ich bin am Samstag drei Stunden durch die Gegend gefahren, um Fisch zu organisieren“, erzählt er. In einem großen Supermarkt habe er schließlich den gesamten Sardinen-Vorrat für seinen Schützling erworben. Freiwillig fressen wollte der die Leckerei zwar nicht. „Aber er ist fit“, berichtet der Tier-Retter. Der Besuch des Basstölpels war denn auch nur von kurzer Dauer. Denn gestern sollte der etwa gansgroße Vogel wieder den Abflug machen: ins nordrhein-westfälische Hattingen, wo er in die Obhut der Paasmühle, einer Pflegestation für Wasservögel, Eulen und Greifvögel kommen sollte. „Damit ist er seiner Heimat ein Stück näher“, sagt Karsten Tide. Er geht davon aus, dass der Vogel bald auf Helgoland ausgewildert werden kann.