Kusel Salbei-Bonbons und heimliche Spritzen

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„Es ist doch schade, dass man in anderen Berufen das Alter nicht zu schätzen weiß“, sagt Atila Selesi. In Weiß gekleidet sitzt der 66-Jährige hinter seinem Schreibtisch in der Breitenbacher Praxis, während draußen der nächste Patient aufgerufen wird. Zunächst mal sei Erfahrung doch etwas sehr Gutes, kann der Allgemeinmediziner der befürchteten Überalterung der Ärzteschaft sogar Positives abgewinnen. Aber eben nicht unbedingt aus der Sicht des Arztes. Er berichtet von Überlastung, Krankheiten, einem Kollegen aus der näheren Umgebung, der kürzlich einfach frustriert hingeschmissen habe, von Insolvenzen. In rund eineinhalb Jahren will er sich zurückziehen, die Breitenbacher Praxis seinem Sohn Thomas (35) überlassen. Stiefsohn Michael Kaiser (46) betreut bereits seit Jahren gemeinsam mit Atila Selesi die Patienten in Altenkirchen. „Es wird besser“, sagt ein Patient, der wegen seiner Schulter- und Rückenbeschwerden nun schon die fünfte Akupunkturbehandlung tapfer über sich ergehen lässt. „Hätte sich kein Erfolg eingestellt, hätten wir jetzt auch damit aufgehört“, sagt Selesi. Akupunktur ist einer seiner Praxis-Schwerpunkte. „Das gibt es schon seit 3000 Jahren. Es wäre schön, wenn das auch im Studium gelehrt würde“, befindet der Arzt, während er seinem Patienten kleine Nadeln in die Schulter bohrt. „Stattdessen wird so viel gelehrt, was überhaupt nicht gebraucht wird.“ Er arbeitet schon seit mehr als 30 Jahren mit der Methode. Seit etwa 15 Jahren sei es – „glücklicherweise“ – eine Kassenleistung zur Behandlung bei Kreuz- oder Knieschmerzen. „Kopf anlehnen, Arme hängen lassen“, weist Selesi seinen Patienten an. Die Methode sei vielversprechend, erspare oft Schmerzmittel und kostspielige Untersuchungen. Wobei man nie drauflosbohren dürfe, immer erst schulmedizinisch diagnostizieren müsse. „Beide Arme auf den Schoß legen, entspannen!“ 400 bis 500 dieser Behandlungen führt Selesi pro Quartal durch. Alle ein bis zwei Jahre seien Ärzte in Ausbildung bei ihm. „Die bekommen es dann beigebracht.“ Über Übelkeit und Schwindel klagt die Frau, die nun zur Tür hereinkommt. Nach Gespräch und Untersuchung ist klar: Der Rücken muss eingerenkt werden. Das Ganze dauert gute 20 Minuten. Am Ende habe er drei Leistungen erbracht, erläutert der Hausarzt. Und bekommt dafür laut Honorarverteilungsmaßstab rund 25 Euro. „Das sind Preise wie bei Penny oder Aldi für Dienstleistungen, durch die es dem Patienten bessergeht!“ Ein Hausbesuch, berichtet Selesi, werde mit 21,50 Euro vergütet. „Mit Kilometergeld bin ich im Schnitt bei 25 Euro – aber ob ich Infusionen verabreiche oder ein EKG mache, das ist alles Teil der Pauschale.“ Darin sieht er ein Problem bei der Nachwuchssuche: „Das ist einfach nicht attraktiv genug.“ Ein weiteres Problem aus der Sicht des Mediziners: „Man kann nur eine bestimmte Anzahl Patienten pro Quartal voll abrechnen, dann gibt es Abschläge. Am Ende verdient man so gut wie nichts mehr.“ Und auch Medikamente könnten nur in gewissem Umfang verschrieben werden. „Für zu viel Verschriebenes wird der Arzt in Regress genommen. Aber man kann ja niemandem etwas verweigern.“ Diese beiden Aspekte seien durchaus ein Grund dafür, „warum Ärzte so viel Urlaub machen“. Oje! Wie stark müssen die Schmerzen sein, damit jemand – so wie die nächste Patientin – freiwillig um eine Spritze bittet? Während Selesi alles vorbereitet, die Frau sich für den Einstich bereitmacht, tauschen die beiden sich über Familie, Beruf und andere Alltagsgeschichten aus. „Ich bin seit vier Jahren in Breitenbach; als Hausarzt kennt man die Familien“, sagt der Mediziner. Heimlich, still und leise hat er seiner Patientin in der Zwischenzeit die Spritze schon schmerzlos verabreicht. Mit Chirotherapie – einem weiteren Schwerpunkt seiner Tätigkeit – dehnt Selesi nun noch Verspannungen im Schulterbereich seiner Patientin auf. „Stehen Sie mal auf, wie ist es?“ – „Jetzt merke ich nichts mehr.“ Wo Akupunktur und Chirotherapie zu Hause sind, da ist Naturheilkunde nicht weit. Das erfährt auch der Schüler, der über Halsschmerzen klagt. Nachdem die schulischen Perspektiven und die Namensherkunft des jungen Mannes geklärt sind, bekommt er homöopathische Tropfen verordnet. „Ich versuche oft, Dinge auf diese Weise hinzubekommen“, sagt Selesi. Das bedeutet aber nicht, dass er der Schulmedizin abgeschworen hat. So sagt er beispielsweise: „Antibiotika sind der größte Segen.“ Aber: „Der lasche Umgang damit hat uns so viele resistente Keime beschert, deren Folgen die Krankenhäuser auszubaden haben...“ Für den Schüler gibt’s obendrein ein Salbei-Bonbon aus der Schale auf dem Schreibtisch. Die nächste Patientin erkundigt sich nach dem Ergebnis ihrer Blutuntersuchung. „Das sieht gut aus, nur die Entzündungswerte sind etwas zu hoch“, erläutert der Arzt und erklärt ihr, was zu tun ist. Was die Frau selbst machen kann: mehr trinken. „Strecken Sie mal die Zunge raus“, fordert Selesi – „zu trocken!“ Dann folgt ein kleiner Plausch. In der Sommerurlaubszeit, der „ruhigsten Zeit des Jahres“, wie der Arzt berichtet, ist das gut möglich. 2500 Patienten betreut der Allgemeinmediziner. Und die „sollten eine Praxis immer mit einem Lächeln verlassen“, sagt Selesi. „Ich fühle mich gut versorgt“, befindet die Patientin – nicht nur mit Blick auf ihren Hausarzt, sondern auf die gesamte Ärztesituation im Kuseler Südkreis. Doch nicht überall wird das so empfunden, weiß Selesi und zählt Kollegen aus dem Kreis auf, die ihre Praxis mangels Nachfolger hatten dichtmachen müssen. Dass es – gerade auf dem Land – so schwer fällt, interessierten Nachwuchs zu finden, das hat laut Selesi weitere Gründe. „Die Hürden für eine Praxis-Niederlassung sind viel zu hoch“, befindet er. „Als ich 1976 in Altenkirchen übernommen habe, musste ich vorher ein halbes Jahr im Krankenhaus, drei Monate in einer Praxis gearbeitet haben. Heute sind es drei Jahre im Krankenhaus und zwei Jahre bei einem niedergelassenen Arzt. Und das nach sechs Jahren Ausbildungszeit!“

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