Kusel Im Sozialkaufhaus gibt's eine Prada-Handtasche für 20 Euro
Es fing ganz klein an. Mit einem Budget von Null Euro und einer Kleiderkammer in einer kleinen Ecke des Hauses in der Industriestraße 45 in Kusel – dort, wo damals noch die Draisinen gewartet wurden. Heute hat sich das Sozialkaufhaus des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) über das ganze Gebäude ausgebreitet und ist zum Vollsortimenter geworden. Gestern wurde das zehnjährige Bestehen gefeiert.
„Frauen der ersten Stunde“ sind Ruth Ludwig und Maria Becker. Sie erzählen, wie das Ganze angefangen hat: Das DRK führte einen Pflegehilfsdienstkurs durch mit 18 Frauen. Und weil die beschäftigt werden mussten, habe man eine Kleiderkammer eingerichtet. Nachdem der Landesverband des DRK ein Konzept für Sozialkaufhäuser entwickelt hatte, kamen Möbel hinzu und Haushaltswaren. Maria Becker leitet heute den Haushaltsservice des DRK, Ruth Ludwig ist verantwortlich für alle drei Sozialkaufhäuser im Kreis, denn es kamen später auch Filialen in Lauterecken („unsere Boutique“) und Waldmohr hinzu. Trotz Jubiläums herrschte gestern Morgen ganz normaler Betrieb im Kuseler Sozialkaufhaus. Vor allem morgens und nachmittags ab 15 Uhr ist viel los: Leute geben ausrangierte Kleider und ähnliches ab, andere schlendern durch den großzügigen Raum, schauen, probieren an und kaufen etwas. Und was es alles gibt: von der wahrlich gut ausgestatteten Abteilung mit Kinderkleidung und -ausstattung sowie Spielen über die Stände mit Markenkleidung für Damen und Herren bis zu Geschirr und Haushaltswaren. Auch eine kleine Bücherei gibt es, Schallplatten fehlen ebenso wenig. Im Untergeschoss sind die Möbel untergebracht. Die Preise sind sehr human: 50 Cent für ein Kinder-T-Shirt, für das Damenmodell 2,50 Euro. Eine Winterjacke für die Kleinen ist für vier Euro zu haben, der gleiche Preis wird für Damen- oder Herrenhosen verlangt. „Wir hatten aber auch schon eine Prada-Handtasche“, erinnert sich Ludwig. Für die habe man dann 20 Euro verlangt. Und sie weiß: „Wer uns etwas zum Verkaufen bringt, der hat ein gutes Gefühl.“ Anfangs haben viele Ein-Euro-Jobber im Sozialkaufhaus gearbeitet, heute sind es nur noch sechs. Hinzu kommen sechs Festangestellte. Die Leiterin ist stolz darauf, dass man etliche Leute in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt habe. Gewandelt hat sich das Aufgabengebiet des Sozialkaufhauses: Während anfangs nur Sachen an Privatpersonen verkauft wurden, hält man heute auch Neuwaren für den Kreis vor – zum Beispiel, wenn Wohnungen für Flüchtlingsfamilien erstausgestattet werden müssen. Am meisten zu tun hatten die Mitarbeiter im vergangenen Herbst, als die ganze Kleiderkammer für die Erstaufnahmeeinrichtung auf dem Kuseler Windhof organisiert und bestückt werden musste (wir berichteten). „Die Spenden- und Hilfsbereitschaft der Kuseler war phänomenal“, schwärmt Maria Becker. Ein paar Tonnen Ware mussten gelagert und sortiert werden. Auch heute noch werden Kleider für die Flüchtlinge dort abgegeben, zwei der ehrenamtlichen Helfer, die damals kamen, sind immer noch dabei. Zum Einkaufen kommen heute nicht nur sehr viele Flüchtlinge, auch US-Amerikaner finden sich unter den Kunden. Die lassen nicht nur, wenn sie wieder wegziehen, Möbel abholen, sondern statten auch, wenn sie kommen, ihre Wohnungen und Häuser mit preisgünstigen Sachen aus. Secondhand ist bei ihnen sehr gefragt. Apropos Möbel: Mitarbeiter des Sozialkaufhauses kommen zu den Spendern nach Hause, schauen sich die Stücke an, wenn sie zu gebrauchen sind, werden sie auch abgebaut und abtransportiert. Für die Käufer gilt der gleiche Service inklusive Aufbau. „Junge Leute können sich bei uns für unter 1000 Euro die ganze Wohnung einrichten“, verdeutlicht die Leiterin. Die beiden Powerfrauen sind, obwohl kurz vor der Rente, immer noch mit Begeisterung bei der Arbeit. „Bei uns ist jeden Tag Improvisation gefragt“, verdeutlicht Maria Becker. Und Ruth Ludwig lobt das tolle Team, mit dem sich wirklich gut arbeiten lasse. Die vielen Flüchtlinge, die nach Kusel kamen, seien eine erneute Herausforderung gewesen. Nicht nur, weil jetzt täglich Fremdsprachenkenntnisse gefragt sind. Die Frauen erzählen auch von vielen netten Begegnungen. (ba) Info Das Sozialkaufhaus ist geöffnet Montag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr, Telefon 06381 425861.