Kusel Ganz und gar keine biedere Zeit

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Redakteure aller Medien müssen den Vorkämpfern der Pressefreiheit dankbar sein. Denn sie ernten die Früchte, die engagierte liberale Denker wie Philipp Jakob Siebenpfeiffer und Johann Georg August Wirth gesät haben. Beide lebten und wirkten in Homburg. Und von diesen Zeiten, von den Höhen und Tiefen, erzählt leidenschaftlich und anekdotenreich die Witwe Regina Wirth bei Führungen durch die Stadt. In die Rolle schlüpft die Zweibrücker Gästeführerin Monika Link. Es ist die Zeit des Biedermeier: Doch bieder, sagt Regina Wirth, „war die Zeit ganz und gar nicht“. Sie selbst trägt gemäß der Mode der Zeit einen schicken Rock und passende Bluse – „beides selbstgenäht“. Die Gäste empfängt sie im Garten des früheren Siebenpfeifferschen Hauses. Darin hat der einstige Landcommissär gewohnt und gearbeitet. Auf Geheiß des bayerischen Königs verwaltete er die Landkreise Homburg, Waldmohr und Landstuhl, die seinerzeit zu Rheinbayern zählten. Die Pfalz war beim Wiener Kongress, als Europa neu geordnet wurde, Bayern zugeschlagen worden. Die vorher französisch regierten Pfälzer hatten die liberale Rechtsprechung des Code civil und den freien Handel mit Frankreich geschätzt. Jetzt aber konnte keiner mehr ungestraft Holz im Wald holen oder zollfrei Wein und Gemüse nach Frankreich verkaufen. Hohe Steuern mussten entrichtet werden, um die Kriegslasten zu tragen. Die Leute murren und Siebenpfeiffer mit. Der Landcommissär listet alle Missstände auf und schickt sie nach München – mehrfach. Eine Antwort bleibt der König schuldig. Erst die kritischen Berichte in seiner eigenen neuen Zeitung zeitigen zweifelhaften Erfolg: Der König feuert seinen Landcommissär. Aber Siebenpfeiffer lässt sich die Stimme nicht verbieten, er geht nach Zweibrücken, wo er weiter seine Zeitung druckt. Die Region wird zum Mekka frei denkender Journalisten. Dem Ruf nach Homburg folgt auch Johann Georg August Wirth. Er hatte Jura studiert und als passionierter Journalist einen Posten bei der einer königstreuen Zeitung in München erhalten. Doch „er schrieb zu ehrlich und zu bissig“, bescheinigt ihm seine Witwe. Wirth wird entlassen. Der liberale Denker steckt nicht auf: Er gründet seine eigene Zeitung, die „Deutsche Tribüne“. Auf Vorschlag des Zweibrücker Advokaten Friedrich Schüler, den Wirth in München kennenlernt, zieht die Familie schließlich nach Homburg. In der Eisenbahnstraße findet die Familie im Dezember 1831 eine Bleibe – die Hinweistafel, bedauert Regina Wirth, hänge am falschen Haus. Hier schreibt und druckt Wirth seine Zeitung und Flugblätter. Im Gegensatz zum Volk gefallen der Obrigkeit die Inhalte nicht. Und so taucht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion der Homburger Bürgermeister in stattlicher Begleitung bei den Wirths auf: Die Kniehebelpresse wird versiegelt, also stillgelegt. Aber der findige Journalist hat noch eine Schnellpresse... Um ihre Idee der freien Presse voranzutreiben und den Familien inhaftierter Journalisten zu helfen, gründen Wirth und einige Gleichgesinnte im Januar 1832 in Bubenhausen den „Deutschen Vaterlandsverein zur Unterstützung der freien Presse“. Dieser „Preßverein“ breitet sich in ganz Deutschland aus. Lebhaft und mitreißend erzählt Regina Wirth von Hausdurchsuchungen und Verhaftungen, von zensierten Artikeln und fast leeren Zeitungen, von geschmuggelten Texten, von Spitzeln und Denunzianten, von List und Wagemut, vom Ringen um die hehren Ziele. Trotz oder gerade wegen dieser Repressalien organisieren Wirth und Siebenpfeiffer mit einigen Mitstreitern das Hambacher Fest – am Tag der Verfassung. Demokratie, ein vereintes Deutschland, Gleichheit und Gleichberechtigung haben sie sich auf die Fahnen geschrieben. In der Nacht vom 26. auf den 27. Mai 1832 treffen sich Homburger und Zweibrücker am Marktplatz in Homburg, um in Kutschen – die „viel schöner sind als die, die hier stehen“, wie Regina Wirth auf Autos deutend meint – nach Neustadt an der Haardt zu fahren. Zwischen 8 und 9 Uhr kommen die Freiheitskämpfer dort an, ziehen mit rund 30.000 Männern und Frauen hinauf zum Hambacher Schloss. Natürlich hat der König Spitzel geschickt, die die Namen der Redner notieren. Auch auf Regina Wirth wird ein Haftbefehl ausgestellt. Mit ihren drei Kindern flieht sie nach Weißenburg, wo sie bei Bekannten unterkommt. Johann Georg August Wirth wird schließlich verhaftet, entlassen und wieder verhaftet. Viereinhalb Jahre sitzt er im Zuchthaus in Kaiserslautern ein - „das hat ihn gebrochen“, berichtet seine Witwe traurig. Schließlich soll er sich in seinem Heimatort Hof niederlassen. 1848 wird Wirth schließlich Abgeordneter der Nationalversammlung in Frankfurt. Dort, in der Paulskirche, stirbt er am 26. Juli. Für seine Witwe Regina bleibt am Todestag die Zeit stehen.

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