Kusel Fassade wie ein barockes Schloss
Nachdem die Amtsgerichte und Gefängnisse in Waldmohr und Lauterecken Inhalt unseres ersten Teils (erschienen am 29. September) waren, stehen nun jene in Kusel und Wolfstein auf dem Programm unserer Kunsttouren zu den Justizgebäuden der Region. Wie Waldmohr entstanden sie Anfang des 20. Jahrhunderts. Vergleicht man sie, dann stellt man fest, dass die Fassaden aufwendiger und schmuckvoller wurden.
Das Kuseler Amtsgericht ist das einzige im Kreis, das noch seinem ursprünglichen Zweck dient. Seine Vorgeschichte begann vor mehr als 200 Jahren, als die Stadt Mairie und Kantonssitz wurde und später ein Friedensgericht erhielt. Bürgermeisterei, Gericht und Gefängnis waren in einem „Tribunalgebäude“ untergebracht. 1864 errichtete man einen Neubau an der Hofackerbrücke, doch stellten sich schon bald erhebliche Baumängel heraus, die sogar gesundheitsschädlich waren. Deshalb entschloss sich die bayerische Staatsregierung zu einem Neubau, der von 1900 bis 1902 an der Trierer Straße errichtet wurde. Wie in Waldmohr stammten die Pläne von Theodor Anton Geyer. Die Gemeinsamkeiten mit Waldmohr beziehen sich vor allem auf den dreiflügeligen Grundriss. Der wichtigste Gebäudeteil steht parallel zur Straße, seine Fassade wirkt fast wie ein Barockschloss. Dazu tragen vor allem die beiden Außenrisalite bei, die vor dem Mansardendach mit geschwungenen Giebeln enden. Auf jeder Seite des Giebels steht eine steinerne Vase, um die ein Vorhang drapiert ist und die wahrscheinlich Flammenschalen darstellen sollen. Auch die Verwendung der Steine und die Form der Fenster sind in Kusel sehr kunstvoll. Das Erdgeschoss ist aus glatt behauenen roten Sandsteinquadern erbaut und besitzt rundbogige Fenster mit deutlich betonten Schlusssteinen. Im ersten Stock sind die Mauern aus grauem Sandstein, aber für die Gewänder der rechteckigen Fenster, für die Lisenen, mit denen sie getrennt sind, und für die Ecksteine hat man ebenfalls roten Sandstein verwendet. Die Fenster in den Giebeln sind, entsprechend ihrer geschwungenen Form, oval. Diese Schmuckformen setzen sich auf der Stadtseite des ursprünglich eingeschossigen Zwischenbaus fort. Er besaß auch einen geschwungenen Giebel, der aber bei der Errichtung eines Obergeschosses entfernt wurde. Sehr viel schmuckloser ist dagegen der dritte Flügel, der wie in Waldmohr als Gefängnis diente. Er wurde aus unverputzten grauen Sandsteinen gebaut. Hier sind heute Büros, Archive und die Hausmeisterwohnung untergebracht, während die Räume in den beiden anderen Flügeln noch ihre ursprüngliche Funktion haben. In Wolfstein war das Amtsgericht im Stadthaus untergebracht, wo Ende des 19. Jahrhunderts der Platz zu eng wurde. Auch das 1819 gebaute Gefängnis in der Hauptstraße, wo heute die Sparkasse steht, entsprach nicht mehr den Erfordernissen. Deshalb beschloss die bayerische Regierung, am südlichen Stadtrand Amtsgericht und Gefängnis neu zu bauen. Die Pläne stammten von Joseph Rottler, der von 1900 bis 1902 Bauamtmann am königlichen Landbauamt in Kaiserslautern war. Eine Besonderheit in Wolfstein ist die Trennung von Gericht und Gefängnis in zwei benachbarte Gebäude. Das Gericht steht direkt an der Straße, das Gefängnis entstand zurückgesetzt auf der Südostseite. Das Amtsgericht ist aus unverputztem gelbem Sandstein errichtet worden, der aber durch dekorative Elemente aufgelockert ist. Einige davon erinnern bereits an den Schmuck, wie er später im Jugendstil üblich war. Dazu gehört der flache Risalit auf der Fassade mit einem asymmetrisch angebauten Erker. Dieser ruht auf zwei Konsolen, die in blättergeschmückten Voluten (Spiralen in Schneckenform) enden. Dazwischen dient ein nackter Knabe als „Atlant“ (Stützfigur), der gleichzeitig einen Schild mit dem Wappen des Königreiches Bayern in den Händen hält. Der Risalit endet über dem Obergeschoss mit einem reich verzierten Zwerchgiebel, der über den Dachfirst hinausragt. Er ist wesentlich prunkvoller als der Giebel in Waldmohr und aus mehreren geometrischen Figuren zusammengesetzt. Über einem breiten Gesims beginnt ein Rechteck mit einem Fenster, das auf beiden Seiten von dreieckigen Mauern gestützt und seitlich von zwei kleinen Obelisken eingerahmt wird. Die Gewände sind verziert mit zwei Löwenköpfen mit Ringen in ihrem geöffneten Maul, zwei Rosetten, einem reich dekorierten Frauenkopf vor einer Muschel und zwei steinernen Kugeln. In einer Kartusche über dem Viereck steht die Jahreszahl des Baubeginns (AD 1900). Den Abschluss des Giebels bildet ein weiteres Dreieck mit einer Muschel. Ähnlich reichen Schmuck kann man an dem Portal des etwas zurückgesetzten Treppenhauses entdecken, zu dem einige Stufen hinaufführen. Die Tür mit ihren schmiedeeisernen Gittern wird von zwei Säulen eingerahmt, deren Kapitelle verschiedene griechische Vorbilder kombinieren. Denn zwischen und unter den Voluten gibt es Blumen- und Blättermuster. Auf dem Gesims darüber findet man in Rechtecken und in einer Raute ebenfalls Blätter. Ungewöhnlich ist der Kopf einer Frau mit einer auffällig drapierten Frisur und verbundenen Augen. Es ist „Justitia“, die Personifikation der Gerechtigkeit, die ohne Ansehen der Person ihre Urteile fällen soll. Im Gebäude des Amtsgerichts befand sich auch das Grundbuchamt, während der Oberamtsrichter im ersten Stock wohnte, wo ihm sechs Zimmer zur Verfügung standen. Hinter dem Gebäude gab es einen Hof mit einem Nebengebäude für Waschhaus und Holzlege und einen großen Garten. Die Mauer an der Straße stammt noch aus der Bauzeit. Sie ist mit gerundeten Steinen abgedeckt und verläuft, entsprechend dem Gefälle der Straße, in einzelnen Stufen. Am Eingang stehen zwei Pfeiler, die auf ihren Spitzen Steinkugeln tragen. Noch höher und wuchtiger sind die beiden Pfeiler, die früher den Eingang zum Hof begrenzten. Sie sind abwechselnd aus glatt und grob behauenen Steinen errichtet und ebenfalls mit Steinkugeln verziert. Das Gefängnis ist in einer einfacheren Architektur gebaut, wirkt aber fast so monumental wie das Gericht. Für das Erdgeschoss wurde roter, für die oberen Geschosse gelber Sandstein verwendet. Die Vorderfront ist aufgelockert durch flache Risalite an beiden Seiten, die sich im Walmdach fortsetzen. An Schmuck findet man lediglich Eckquaderung und Gesimse. Nachdem das Gericht geschlossen war, sollten die Gebäude die Verwaltung der neu gegründeten Verbandsgemeinde aufnehmen, die sich aber für einen Neubau entschied. Schließlich verkaufte die Stadt Wolfstein das Anwesen an das Christliche Jugenddorf, das es bis heute nutzt. Eine sichtbare Veränderung sind zwei Mosaikfenster aus farbigem Glas in der Südseite des Gebäudes. Das Gefängnis wurde zeitweilig von einer Bank und später vom DRK als Sozialkaufhaus genutzt. Inzwischen ist es Privateigentum und enthält Wohnungen.