Kusel Ein weiteres Mal ausziehen

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Reportage: Mehr als die Hälfte der in einem Lauterecker Privathaus gefundenen Explosivstoffe ist gestern geborgen und abtransportiert worden. Heute geht’s ab 6 Uhr weiter. Erneut müssen die Anwohner in der Evakuierungszone ihre Häuser verlassen. Sie gehen zu Freunden, Verwandten oder sie stricken im bereitgestellten Schulraum.

Lauterecken. Es ist bitterkalt an diesem Morgen, minus zwölf Grad. Seit etwa 8.30 Uhr läuft die Bergung der mehr als 110 Kilogramm Explosivstoffe aus einem Haus in Lauterecken. Teile der Innenstadt sind dafür geräumt worden. Um 7.20 Uhr ist die Evakuierung der knapp 90 Bewohner abgeschlossen, die rund um das Haus in der Ringmauer in Lauterecken wohnen. Die Zufahrtsstraßen in die Innenstadt sind seither abgeriegelt. Wer in die Stadt will, hat keine Chance. Mit den Worten „Hier geht es nicht weiter“ weisen Polizeibeamte immer wieder Passanten höflich darauf hin, dass sie einen Umweg in Kauf nehmen müssen, um an ihr Ziel zu kommen. Auch wenn sie „nur zur Apotheke“ wollte, die Frau muss hinter der Glanbrücke in den Watzkessel abbiegen und dort ihren Weg um die Evakuierungszone herum fortsetzen. Kurz nachdem die Anwohner ihre Häuser verlassen haben, betreten die Spezialisten des Landeskriminalamtes, darunter auch Chemiker, das Wohnhaus. Kurz nach 10 Uhr setzt sich der erste Transportkonvoi mit brisanter Ladung in Richtung Truppenübungsplatz Baumholder in Bewegung. Ein Zivilfahrzeug mit Anhänger und speziellem Sicherheitsaufbau, eskortiert von mehreren Streifenwagen, bewegt sich in langsamer Fahrt die Stadt hinaus. Mitarbeiter der Pressestelle des Polizeipräsidiums, die ihr Quartier in einem Einsatzfahrzeug neben dem Inspektionsgebäude bezogen haben, informieren über die Vorgehensweise der Spezialisten: Die verschafften sich zunächst in dem Gebäude einen Überblick, sondierten die Lage, um dann zu entscheiden, wie sie vorgehen, heißt es. „Die Stoffe werden in kleine Gebinde abgepackt, gewogen und dokumentiert“, sagt Pressesprecherin Angela Walz. Das sei zwar aufwendig und langwierig, müsse aber aus Sicherheitsgründen so sein. „Es ist natürlich auch notwendig zur Beweissicherung“, verdeutlicht Walz. Darüber hinaus sei ein Chemiker vor Ort, der prüfe, um welche Stoffe es sich handele, erläutert draußen auf der Straße ein Polizeibeamter. Ein gepanzerter Sondereinsatzwagen der Polizei, wie er auch gelegentlich bei Demonstrationen zum Einsatz kommt, versperrt im Kreuzungsbereich Schul-, Haupt- und Rheingrafenstraße die Einfahrt in die Straße Ringmauer. Er soll im schlimmsten Fall bei einer Explosion die Druckwelle aufhalten. Die gleiche Aufgabe hat ein Laster der Bereitschaftspolizei, der einige Meter weiter nahe der Volksbank quer zur Straße postiert ist. Alle Geschäfte, die sich innerhalb des Evakuierungsbereichs befinden, sind geschlossen: eine Bäckerei, ein Schuhgeschäft, ein Friseurgeschäft, ein Café, eine Arzt- und Tierarztpraxis sowie ein Laden für Hörgeräte. Glück hingegen hat das Hotel-Restaurant Pfälzer Hof. Eine Gästegruppe habe von der Bergungsaktion gehört und befürchtet, ihr Aufenthalt sei in Gefahr. Er habe Gott sei Dank beruhigen können, erzählt Seniorchef Peter Jacob: „Immerhin 15 Zimmer mit Übernachtung und Frühstück.“ Am Vormittag trifft auch der Erste Beigeordnete der Verbandsgemeinde, Andreas Müller, ein, der seit einem Jahr für den erkrankten Bürgermeister Egbert Jung die Geschäfte führt. Er kommt gerade von der Landespolizeischule auf dem Flughafen Hahn, wo er noch künftige Polizeikommissare unterrichtet hat. Müller war von Anfang an in die Angelegenheit eingebunden. Nach ersten Hinweisen der Polizei war er am Montagabend mit Kriminalbeamten und Spezialisten des Landeskriminalamtes im Haus. Die Experten seien überrascht gewesen, welche Mengen an Explosionsstoffen dort lagerten, erzählt Müller. „Wir haben daraufhin sofort die Versorgungsunternehmen informiert, damit Strom und Gas abgestellt werden“, schildert Müller. Dann seien die Türen versiegelt und das Haus rund um die Uhr bewacht worden. Ab da jagte eine Lagebesprechung die nächste. Die meisten Anwohner, die ihre Häuser verlassen mussten, sind bei Freunden und Verwandten untergekommen. Etwa ein Dutzend nahm das Betreuungsangebot in der nahen Janusz-Korczak-Schule an. Als Müller dort eintrifft, sitzen einige Anwohner an Tischen. Sie plaudern miteinander. Verpflegungspakete sind mittlerweile eingetroffen. Karin Riedel strickt zum Zeitvertreib Strümpfe. In den vergangenen Tagen habe sie „Angst gehabt und nicht schlafen können“, erzählt sie. Mittlerweile ist die Angst verflogen. Sie fühle sich gut versorgt, es gibt zu essen und zu trinken. Das sehen auch Herbert und Ingo Fehrentz so. Ingo Fehrentz hält die Maßnahmen für richtig und angemessen, Sicherheit gehe vor. Auch sein Vater Herbert sieht das so. „Es ist halt eine Notwendigkeit“, kommentiert er die vorübergehende Ausquartierung von zu Hause. Und wenn es sein müsse, dann komme man morgen eben wieder. Da wusste er noch nicht, dass es so kommen würde. Zum Zeitvertreib haben sie sich „etwas zum Lesen mitgebracht, und wir gehen spazieren“, sagt Ingo Fehrentz. Insgesamt sind gestern 66 Beamte des Landeskriminalamts und der Bereitschaftspolizei, fast 50 Feuerwehrleute mit dem stellvertretenden Wehrleiter Hans-Peter Stude und zehn Helfer des Rettungsdienstes eingesetzt. Der 18-Jährige, der das explosive Material gehortet hatte, sitzt ebenso wie sein 24-jähriger Kollege aus Nordrhein-Westfalen, bei dem weitere 45 Kilogramm Pyroartikel und Ausgangsstoffe für Sprengkörper gefunden worden waren, in Untersuchungshaft. Die Ermittlungsbehörden hatten zuvor einen Hinweis bekommen, dass die beiden einen Anschlag zu Silvester in der Kaiserslauterer Innenstadt geplant hätten. Die beiden Beschuldigten bestreiten diesen Vorwurf. Sie seien nur große Pyrotechnik-Fans. Dass die Bergungsaktion nicht am ersten Tag abgeschlossen werden konnte, sei zwar „schade, aber man darf sich in dieser Situation nicht unter Druck setzen; vor jedem Schritt, ist eine genaue und sorgfältige Prüfung nötig“, kommentierte Müller gestern Abend zum Abschluss, als der Einsatz wegen der Dämmerung unterbrochen wurde. Doch Sicherheit habe absoluten Vorrang. 

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