Kusel „Ein Spiel mit Licht und Schatten“

Bernhard Hettesheim (vorne) ist einer von zwei Waldtrainern in Rheinland-Pfalz. Bäume, die einen „Z-Baum“ (Zukunftsbaum) verdrän
Bernhard Hettesheim (vorne) ist einer von zwei Waldtrainern in Rheinland-Pfalz. Bäume, die einen »Z-Baum« (Zukunftsbaum) verdrängen können, werden durch Ringelung geschwächt.

Wald im Westrich: Der Waldbau besteht aus fünf Phasen und kennt Optionen, Zukunftsbäume und Protze

«LAUTERECKEN.» In Rheinland-Pfalz gibt es etwa 50 Baumarten. Wie hat sich der Waldbau in den vergangenen Jahren entwickelt, wie funktioniert er überhaupt? Das haben Revierleiter Werner Lamneck vom Forstrevier Medard und Waldbautrainer Bernhard Hettesheimer erklärt. Bei einer Tour durch den Lauterecker Stadtwald veranschaulicht Werner Lamneck die fünf Phasen des Waldbaus. Dies sind die Etablierungsphase, die Qualifizierungs-, die Dimensionierungs-, die Reife- und die Zerfallsphase. „Wenn ich mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenengruppen in den Wald gehe, versuche ich zu begeistern. Die Menschen sollen mit den Sinnen erleben, welche Vielfalt das Ökosystem Wald zu bieten hat. Mit offenen Augen erkennen, aufmerksam werden und einordnen können – so auch die einzelnen waldbaulichen Phasen, in denen sich Waldbestände finden“, erläutert Lamneck. Er hält an und zeigt, was er meint: Auf dem Boden sieht man sie schon – etliche kleine Rot- und Hainbuchen sowie einige Eichen keimen derzeit aus. Dies ist ein Beispiel für die Etablierungsphase, in der eine natürliche Verjüngung des Waldes stattfindet. „Hier kommt ausreichend Licht an, deshalb entsteht diese Fläche mit autochthonen Pflanzen“, erzählt der Revierleiter. Doch was sind autochthone Pflanzen? Dies seien zum Beispiel die Bäume, deren Samen direkt auf den Boden gefallen und dort ausgekeimt sind. Autochthon sei ein Bäumchen allerdings auch, wenn es bei einem Händler aus der Region gekauft und dann ausgesetzt werde. Kurzum: anerkanntes Saatgut aus demselben Wald oder der Region, das dem Standort angepasst ist. Die Etablierungsphase vergleicht Werner Lamneck mit der Geburt eines Menschen: „Sie dauert so lange, wie es auch bei einem Kind dauert, bis es aus ,dem Gröbsten` draußen ist.“ Das Hauptproblem, das die jungen Bäume überstehen müssen: der Verbiss der Triebe durch Wild. Bei der Buche funktioniere die natürliche Verjüngung gut. Ein paar Meter entfernt stehen einige Bäumchen mit schützenden Plastikröhren um den Stamm: Es handelt sich um die Elzbeere, die bei guter Gesundheit gute Erträge verspricht. Sie wird deshalb vor Verbiss geschützt. Sind die Bäume dann groß genug und die Gefahr ist gebannt, endet die Etablierungsphase. Etwas tiefer im Lauterecker Stadtwald erreicht die Tour eine Stelle, an der Lamneck die Qualifizierungsphase aufzeigen kann. „Hier gilt es, Weichen zu stellen. Welche Optionen gibt mir dieser Wald? Sind Maßnahmen erforderlich, die zur Begünstigung einer Option zweckmäßig sind?“ – das seien Fragen, die man sich in dieser Phase stellen müsse. Die Phase sei beim Menschen mit Schule, Universität oder Ausbildung vergleichbar. Waldbauliches Ziel ist es, dickes, gerades, gesundes, stabiles, auf acht bis zehn Meter astfreies Holz zu erhalten. Dafür benötigen die Bäume Schatten, damit sie konkurrieren, sich behaupten auf der Suche nach dem Licht. In dem Bestand selbst bleibt es „dunkel“ – und wenn die Bäumchen größer werden, verlieren sie daher auf natürliche Weise auf der unteren Stammlänge ihre Äste. Mit den Problemen der Qualifizierungsphase beschäftigen sich immer wieder auch die Forstwirte in den Trainingseinheiten bei Waldbautrainer Bernhard Hettesheimer. Hettesheimer betreut als einer von zwei Waldbautrainern 15 Forstämter im Bereich Pfalz vom Bienwald im Süden bis Bad Sobernheim im Norden. Er geht mit den Teilnehmern dabei beispielsweise sämtliche bekannten Pflegemöglichkeiten in der Qualifizierungsphase des Waldbaus durch. Bei jungen Wäldern gebe es grundsätzliche Fragestellungen, erklärt Hettesheimer: „Was kann ich machen? Wie viel muss ich machen? Oder muss überhaupt etwas gemacht werden?“ In dieser Phase gelte es, die sogenannten Optionen zu suchen: Bäume, die sich langfristig gut entwickeln können – auch als Zukunftsbäume bezeichnet. Ist ein Baum eine Option, bedeutet das, er ist vital. Steht einem solchen Optionsbaum ein Protz im Weg – ein Baum, der aus waldbaulicher Sicht weniger brauchbar ist –, kann auch dieser „minderwertigere Baum“ erhalten bleiben. Zumindest eine Zeit lang, da er nützlich sein kann. Sofern sie noch nicht zu dick sind, können Protze zum Beispiel einfach abknickt werden. So sterben sie nicht gleich und spenden weiterhin wichtigen Schatten. Im Waldbautraining wird auch geringelt. „Wie kriege ich den Protz entfernt und kann gleichzeitig dazu beitragen, dass der Schattencharakter erhalten bleibt?“, formuliert Lamneck und fügt an: „Frei nach Bruce Willis hieße das: Stirb, aber langsam.“ Beim Ringeln werden Rinde (Bast und Kambium) auf einer Länge von 20 bis 30 Zentimetern rund um den Stamm abgeschält und mit einer Drahtbürste noch einmal zusätzlich rundum die „Adern“ entfernt. Je nach dem, wie sauber gearbeitet wird, lebt der Baum dann noch etwa drei bis fünf Jahre, und der angehende Zukunftsbaum profitiert von dessen Schatten. Wichtig sei gerade in dieser Phase, genau hinzuschauen, denn in der Qualifizierungsphase komme man nur noch ein- bis zweimal zu den jeweiligen Standorten. Die nächste ist die Dimensionierungsphase. „Hier stelle ich mir die Frage: Wo habe ich Bäume von 15 bis 20 Zentimeter Dicke – früher sagte man: in Maßkrugstärke –, die eine gute astfreie Länge haben und ein ordentliches Kronenprozent“, erklärt Lamneck das Auswahlverfahren eines Zukunftsbaums. Eine „gute astfreie Länge“ sei ein sauberer, gerader Stamm von sechs bis zehn Metern. Der Bestand muss nun erschlossen werden, das heißt, es werden Rückegassen gelegt. Nur auf diesen Linien dürfen sich später bei der Holzernte die Harvester oder andere Forstfahrzeuge bewegen. Eine ganzflächige Befahrung würde irreparable Bodenschäden, Bodenverdichtungen verursachen, daher ist die Erschließung ein Muss. Zwei rote Balken auf den Bäumen markieren solche Gassen. In dieser Phase muss außerdem die Krone angehalten werden, damit sie in die Breite gehen kann. „Nun ist Licht entscheidend. Waldbau ist ein Spiel mit Licht und Schatten“, erläutert Lamneck. Deshalb müsse so mancher Baum ringsum gefällt werden. Der letzte wichtige Schritt ist dann die Reifephase: Hier steht neben der Ernte von Wertholz auch eine etablierte neue Waldgeneration im Mittelpunkt, die das weitere Bestehen des Phasenkreislaufs garantiert – darunter auch eine zielführende Zerfallsphase, in der einst gestandene, gesunde Bäume nach ihrem Ableben Lebensraum für Tiere bieten und durch ihren Zerfall dem Boden Nährstoffe zuführen.

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