Kusel RHEINPFALZ Plus Artikel Drei ganz normale Selchenbacher Dorfkinder machen Karriere

Arbeitet als Physiker bei der BASF: Klaus Harth.
Arbeitet als Physiker bei der BASF: Klaus Harth. Foto: Sayer

Hanjobs Martin, Biennes Klaus und Guthde Achim waren nicht nur Freunde, sie wohnten Haus an Haus in Selchenbach, besuchten die kleine Dorfschule und machten am Kuseler Gymnasium ihr Abitur. Heute haben die Freunde aus Kindertagen statt ihres Hausnamens ihren akademischen Grad dem Vor- und Familiennamen vorangestellt. Und Karriere gemacht.

Jüngere Selchenbacher oder solche, die in den vergangenen Jahren zugezogen sind, kommen bei den Namen Hanjobs, Biennes oder Guthde schon mal ins Grübeln. Es handelt sich dabei um sogenannte Hausnamen, quasi einen zweiten Familiennamen. Solche Namen gibt es allerdings nur im örtlichen Dialekt.

Und so wurde aus Biennes Klaus Dr. rer. phil. nat. Klaus Harth. Der promovierte Physiker ist heute verantwortlich für die Forschung an Automobilkatalysatoren bei der BASF in Ludwigshafen. Hanjobs Martin heißt eigentlich Martin Jung und ist ebenfalls promovierter Naturwissenschaftler, hat darüber hinaus eine Professur für medizinische Biochemie und Molekularbiologie an der Fakultät des Saarlandes inne. Privatdozent Dr. med. Achim Neufang – in Selchenbach ist er immer noch Guthde Achim – ist heute in medizinischen Kreisen ein bekannter und geschätzter Gefäßspezialist und derzeit noch Direktor der Gefäßchirurgie der Helios-Kliniken in Wiesbaden. Sein weiterer beruflicher Weg wird ihn an das Klinikum Nordhessen nach Kassel führen, wo er sein Fachwissen zur Gefäßchirurgie an noch mehr Studentinnen und Studenten weitergeben will.

Hausaufgaben in der Küche

Der jüngste der drei Akademiker ist Martin Jung, er wurde im November 1962 in Hanjobs geboren. Seine Eltern Gertrud und Otto Jung – beide sind bereits verstorben – betrieben in der zweiten Generation Gaststätte und Bäckerei in der damals noch 400 Einwohner zählenden Gemeinde. In Hanjobs, wo auch noch Oma Anna in den 1970er Jahren zeitweise hinter Laden- und Biertheke stand, pulsierte das Leben, erinnert sich der heute 57-Jährige. Für ihn sei es oft nicht einfach gewesen, zwischen Back- und Gaststube in der großen Küche konzentriert Hausaufgaben zu machen. Nicht selten habe er mit nur einer Mütze Schlaf auskommen müssen, weil am Stammtisch nicht nur leidenschaftlich über Gott und die Welt debattiert, sondern auch in bierseliger Runde zünftig Doppelkopf geklopft worden sei.

Seit Jahrzehnten ist es still geworden in der Ortsmitte, das Anwesen von Hanjobs steht leer. Martin Jung, der heute mit Ehefrau Carrie in Körborn lebt, kommt nur noch selten in seinen Geburtsort. Trotz der großen Feierlaune damals in Selchenbach, wie Jung mit einem Augenzwinkern verrät, habe er eine schöne und behütete Kindheit gehabt. Seine beiden Freunde und er seien aber auch der Beweis dafür, dass Bildung nicht das Privileg einer urbanen Gesellschaft ist. Jung: „Wir alle kommen aus kleinen Verhältnissen, ich habe mich nie meiner Herkunft geschämt, im Gegenteil, ich bin stolz auf meine Wurzeln.“

Abitur Ticket für die Welt

Beim 59-jährigen Achim Neufang war es ein Brief, der vor mehr als 40 Jahren sein Leben total verändern sollte: seine Immatrikulationsbescheinigung für das Medizinstudium an der Uni in Mainz. Sein Traum wurde wahr: weg von Zuhause, weg aus der Enge des bäuerlichen Alltags. Neufang lebte zusammen mit seiner Mutter Waltraud im Bauernhaus seiner Großeltern: „Mutter war geschieden, schon damals begriff ich, dass ihre gescheiterte Ehe sie sehr belastete.“ Rückblickend ist sich der Mediziner sicher, ohne die Bildungsreform Anfang der 1970er Jahre, ohne finanzielle Unterstützung durch ein Bafög-Stipendium hätte er sich ein Studium nie leisten können.

Seine Mutter konnte sich für ihn nach der Schulzeit nur das damals übliche „schaffe gehn“ vorstellen. Diesen Satz, den der damals Zehnjährige mit anhörte, als seine Grundschullehrerin vor ihrer Haustür stand und empfahl, den Sohn nach Kusel aufs Gymnasium zu schicken, war für ihn ein prägender Moment. Auch der Wunsch seines Großvaters Gustav, er möge doch Bauer werden, habe ihn als Kind stets belastet, erinnert sich Neufang. „Für mich war Bildung, war das Abitur das Ticket für die Welt, ich träumte tatsächlich schon früh davon, einmal Arzt zu werden“, berichtet er im Gespräch mit der RHEINPFALZ.

Letzten Endes war es Oma Martha, die bestimmte, dass der Bub aufs Gymnasium gehen durfte. Rückblickend glaubt Achim Neufang, der seine 88-jährige Mutter regelmäßig in Selchenbach besucht, dass es wohl die Angst gewesen sei, ihn zu verlieren, die Mutter und Großeltern beherrscht habe. Heute hat Neufang seinen Lebensmittelpunkt bei Mainz, wo er mit Ehefrau Susanne, ebenfalls Ärztin, und den beiden Söhnen lebt.

Praktikum im Krankenhaus

Auch Klaus Harth wuchs in einem Drei-Generationenhaus auf, seine Eltern waren ebenfalls Kleinbauern. Nur die familiäre Situation war eine ganz andere, wie er erzählt. Vater Helmut war über 20 Jahre Ortsbürgermeister der kleinen Gemeinde. Für Alwine und Helmut Harth war es selbstverständlich, ihren Sohn auf seinem Weg zu unterstützen. Harth erinnert sich, dass Achim und er nie Konkurrenten gewesen seien: „Wir waren und sind es bis heute geblieben: einfach nur Freunde.“ Beide liebten die Mathematik. Während Klaus Physik als weiteres Leistungsfach belegte, war es bei Achim die Chemie, für die er brannte. Ihr Abitur machten auf Empfehlung des damaligen Schuldirektors Hans Froeßl beide ein Jahr früher. Klaus Harth war mit einer glatten Eins Jahrgangsbester, aber auch Achim Neufangs Notendurchschnitt von 1,2 war hervorragend.

Der Numerus clausus war für beide keine Hürde, das Tor zum Medizinstudium stand weit offen. Doch was für Neufang die Erfüllung seiner Träume war, war für Harth nur eine Option. Und so werteten die beiden Freunde ihr gemeinsames Pflegepraktikum im damaligen evangelischen Krankenhaus in Kusel ganz unterschiedlich: Neufang war begeistert, für ihn stand nach zweimonatigem Praktikum fest, Medizin studieren zu wollen.

Die Naturwissenschaft lockt

Rational kann Harth seine damalige Entscheidung nicht erklären: „Mich fesselte die Natur, deren Gesetze ich verstehen wollte.“ Ihre bisherigen gemeinsamen Wege trennten sich. Klaus Harth begann an der Technischen Universität in Kaiserslautern ein Physikstudium. Bereits mit 26 Jahren promovierte er, ging zur BASF nach Ludwigshafen. Sein beruflicher Werdegang führte ihn nach Hongkong sowie in die Vereinigten Staaten. Seit drei Jahren ist er wieder im Mutterwerk in Ludwigshafen. Mit seiner Frau Karin, die aus Herchweiler im Ostertal stammt – Nickels Karin – lebt Harth heute in Altleiningen.

Ihre drei erwachsenen Kinder sind mittlerweile in der Welt „verstreut“, so kommt die Familie, wie Harth es formuliert, nur noch zu ausgewählten Gelegenheiten zusammen. Nachdem seine Eltern verstorben sind, stand sein Elternhaus Jahre lang leer, erst vor Kurzem kaufte es ein Ehepaar aus Neuseeland. „Auch daran kann man sehen, wie die Welt immer enger zusammenrückt“, sinniert der Physiker.

Einig sind sich die drei, dass sie damals ganz normale Dorfkinder gewesen seien. Sie spielten Fußball, rauften, zankten und versöhnten sich. Ihre Klugheit sei kein mystisches Geschenk, sondern eher das Ergebnis ihrer grenzenlosen Wissbegierde. Nicht zuletzt deshalb mussten sie ihre Heimat, das kleine Selchenbach, verlassen.

Bekannter Gefäßspezialist: Achim Neufang.
Bekannter Gefäßspezialist: Achim Neufang. Foto: Sayer
Martin Jung unterrichtet heute Studenten.
Martin Jung unterrichtet heute Studenten. Foto: Sayer
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