Kusel Die „Flucht in die Welt“ niemals bereut

Lauterecken. 35 Jahre ist es her, da wanderte Siegfried Sander aus. Sein Theologiestudium hatte er gerade abgeschlossen, die Ferne lockte den 25-Jährigen. Inzwischen ist er nicht mehr nur Pfarrer, sondern sogar Bischof. Er steht der lutheranischen Kirche in Chiles Hauptstadt Santiago vor. Derzeit besucht er die Heimat Lauterecken, macht bis Mitte September Urlaub bei Mutter und Brüdern.
Siegfried Sander besuchte in Lauterecken zuerst die Volksschule und anschließend das Gymnasium. Der heute 60-jährige wuchs in einer sehr frommen, evangelischen Familie auf. Also nahm er neben dem Gottesdienst auch an vielen Kirchenfreizeiten teil. Er beschreibt die Gemeinde und den damaligen Pfarrer als sehr aktiv. Deshalb habe er die Angebote gerne wahrgenommen. Weil er so viele gute Erfahrungen gemacht hatte, entschied sich Sander gegen den Lehrerberuf und wollte lieber Pfarrer werden. „Es war eine Entscheidung durch das Gefühl“, sagte er im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Sander studierte Theologie in Basel an derselben Akademie wie zuvor seine Tante. Die dortige Fakultät sei „streng bibeltreu“ und „sehr konservativ“ gewesen. „Alle mussten dort unterschreiben, dass die Bibel das unfehlbare Wort Gottes ist“, berichtet er. Doch nach seinen heutigen Erfahrungen und seiner Zusammenarbeit mit anderen Menschen hält Sander diese Einstellung nicht mehr für vertretbar. Trotzdem sei er von den „absoluten Bibelzisten“, wie er sie beschreibt, sehr geprägt worden. Schon als Kind, so erzählt er, kam er immer wieder in Kontakt mit Missionaren aus Amerika, die aufregende Geschichten erzählt hätten. Daher wollte auch er Missionar werden und schon als Kind mit ihnen gehen. Als dann an der Akademie in Basel Pfarrer für Chile gesucht wurden, meldete er sich freiwillig und schloss sich dort 1980 dem konservativen Lager der lutherischen Kirchen an. Jedoch habe er im Laufe der Zeit einen Liberalisierungsprozess durchlaufen. Seinen Glauben beschreibt er heute als „Sehnsucht nach Gott“ und sieht das Wort Gottes als das „große Geheimnis der Welt“. Seine Entscheidung für das Missionarsdasein in Chile sei ihm damals, „zwischen Romantik und Idealismus“, leichtgefallen. Allerdings sagt er heute, das sei auch ein wenig naiv gewesen. Jedoch sei sein Drang nach „der Flucht in die Welt“ zu groß gewesen, erinnert er sich. Seine Arbeit in der traditionellen lutheranischen Kirche in Chile sei die gleiche wie in Deutschland. „Man muss taufen, beerdigen und es sind wenige im Gottesdienst“, sagte er. Die Struktur der Kirche sei in Chile jedoch dürftig, zumal die protestantische Kirche eine Minderheit ausmache. In seinen ersten Jahren in Südamerika war er in verschiedenen Gemeinden im Süden von Chile tätig. Grund für die häufigen Wechsel sei sein junges Alter gewesen. „Ich wollte einfach etwas Neues erleben. Manchmal wird etwas langweilig“, erklärt er. Zwischenzeitlich war er Teil einer Studentenmission, wodurch er viel durch Chile reiste und im intellektuellen Austausch mit anderen Geistlichen stand. Zudem half er, ein Jugendgemeindezentrum am Lago Llanquihue aufzubauen, welches zum Teil Jugendliche deutscher und einheimischer Abstammung beheimatet. Grund dafür sei, dass die lutheranische Kirche als deutsche Kirche angesehen werde und erst in den vergangenen Jahren mehr Chilenen der Kirche beitraten. Seit vier Jahren ist Sander in der Hauptstadt Santiago tätig, erst als einer von drei Pfarrern, inzwischen als Bischof. Er koordiniere die Gemeinden, achte als geistliches Oberhaupt darauf, ob „sich die Pfarrer benehmen“, und repräsentiere die Kirche. „Ich habe die Möglichkeit, etwas von dem einzubringen, was ich über 30 Jahre lang an Erfahrungen gesammelt habe“, sagt er. Er, der selbst liberaler geworden sei, möchte auch seine Kirche offener gestalten. „Die Kirche ist in Chile 30 Jahre zurück“, sagt er und möchte Tabuthemen wie Scheidung, Homosexualität oder Abtreibung zur Diskussion stellen. Auch den Austausch mit anderen Religionen möchte er fördern und sich sozialen Themen stellen, da in Chile sehr große soziale Spannung herrsche. Zudem würde er sich freuen, wenn die „hochpolitisierte lutheranische Kirche“ wieder zusammenfinden würde. Die nämlich hat sich gespaltet, nachdem das Militär 1973 den Präsidenten Allende weggeputscht hatte. Wirtschaftliche Vorteile genieße er als Bischof nicht, sagt er, im Gegenteil. Da er nicht mehr unterrichte wie die Pfarrer, sei der Lohn am Ende sogar geringer. Seine Entscheidung für Chile bereue er nicht. Er habe zwar einmal daran gedacht, nach Deutschland zurückzukehren, jedoch habe sich nie etwas ergeben.