Kusel „Den Schülern in nichts nachstehen“
KUSEL. Ein Studium mit Anfang 50. Warum nicht? Dass das funktionieren kann, beweist Karin Gistl aus Kusel. Seit 1986 ist sie Physiotherapeutin, vor 25 Jahren eröffnete sie eine Praxis in der Kreisstadt. Vor drei Jahren entschloss sich die heute 53-Jährige, erneut die Schulbank zu drücken und ihren Bachelor in Physiotherapie zu machen.
Dass die 53-Jährige erneut für einen Abschluss pauken musste, daran tragen ihre Schüler der Kuseler Physiotherapieschule zumindest einen Teil der Schuld – dort unterrichtet Karin Gistl seit fünf Jahren und hat seit rund zwei Jahren die Schulleitung inne. „Wenn einige Schüler mit dem Bachelor anfangen, dann wollte ich als Dozentin da in nichts nachstehen“, sagt Gistl lachend. Und so kam der Stein ins Rollen. Die 53-Jährige schrieb sich vor rund drei Jahren für den Bachelor-Studiengang mit dem Schwerpunkt Physiotherapie im niederländischen Utrecht ein und absolvierte ihr duales Studium – meist in Wochenendblöcken. „Ich war natürlich die Älteste“, wirft sie augenzwinkernd ein – was aber nicht unbedingt ein Nachteil war. Denn der Umgang mit Patienten und die Anamnese, die Voruntersuchung, seien Schwerpunkte gewesen. „Da konnte ich meine Erfahrung einbringen.“ Auch das Hinterfragen der verschiedenen Therapieformen und das Einbinden der Krankheitsgeschichte der Patienten sei regelmäßig geübt worden. Dass dies im Studium eine so große Rolle spielte, hänge damit zusammen, dass in den Niederlanden ein direkter Zugang von Patienten zur Physiotherapie besteht. Das bedeutet: Patienten können sich direkt, ohne Diagnose und Rezept beim Physiotherapeuten in Behandlung begeben. Die Diagnose wird dann vom Therapeuten erstellt. Ein System, das in Deutschland zwar diskutiert, aber wieder zu den Akten gelegt wurde. „Dadurch würde der Beruf des Physiotherapeuten als Bewegungsexperte aufgewertet – die Qualifikation der Therapeuten müsste natürlich nachgewiesen und durch die Ausbildung auch angehoben werden“, sagt Karin Gistl. Zurück zum Studium: Nicht alles ging der Kuselerin allzu leicht von der Hand. Sie musste zahlreiche englischsprachige Studien lesen. Auch das Erstellen von Präsentationen am Computer fiel ihr schwer. „Da hatten es die Jüngeren natürlich etwas leichter“, sagt Gistl lächelnd. Aber sie hat sich durchgebissen. Mit Erfolg. Im November hat sie ihr Studium abgeschlossen. Im Alltag der Physiotherapeutin ändert sich vorerst nichts. „Ich habe jetzt aber wieder etwas mehr Zeit für mich.“ Im neuen Jahr, wenn die Praxis in der Lehnstraße wieder geöffnet wird, will die 53-Jährige das Gelernte auch dort anwenden. Sprich die Beratung der Patienten ausweiten. „Das ist natürlich sehr zeitintensiv.“ Außerdem hofft Gistl, deren Ehemann und Sohn ebenfalls in der Praxis arbeiten, durch das Gelernte mehr von künftigen Fortbildungen zu profitieren. Den Master will sie erst einmal aber nicht dranhängen. „Da müsste ich auch Studien veröffentlichen. Die Zeit habe ich derzeit einfach nicht“, sagt sie und ergänzt lachend: „Vielleicht, wenn ich 80 bin.“ (hlr)