Kreis Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Zwölftklässler der Waldorfschule Otterberg zeigen „Der Belagerungszustand“ von Albert Camus

Verwalten das Elend: Helen Stiller (rechts) spielt die Sekretärin der Pest, die von Nathan Herrmann (Mitte) verkörpert wird. Fot
Verwalten das Elend: Helen Stiller (rechts) spielt die Sekretärin der Pest, die von Nathan Herrmann (Mitte) verkörpert wird.

Auf Albert Camus’ und Jean-Louis Barraults allegorisches Stück „Der Belagerungszustand“ hatte sich am Wochenende die zwölfte Klasse der Waldorfschule Westpfalz-Otterberg eingelassen. Vor gut 120 Zuschauern bahnte sich in der Festhalle Schneckenhausen ein Drama seinen Weg, das von paradiesischen Zuständen über Machtimpulse und ihre Unterdrückung bis zum Opfertod für eine bessere Welt reichte.

Die Schwierigkeit für die Waldorfschüler war weniger, die Botschaft zu übermitteln, als mit wenigen Leuten ein eigentliches Massenstück mit nur einzelnen Individuen zu realisieren. Ständige Krankheitsausfälle galt es in den dreieinhalb Wochen Vorbereitungszeit ebenfalls zu kompensieren. Am Tag der Aufführung musste selbst Regisseur und Klassenleiter Wolfgang Boomes in einer ihm auf den Leib geschriebenen Rolle ran: „Ein Klassenspiel ist wie ein kleines Abenteuer. Selten aber war die Reise so abenteuerlich gewesen. Ich bin gespannt auf Sie, auf uns!“, kündigte er das Theaterspiel zuversichtlich an.

Und Boomes sollte Recht behalten. Ständige Bewegungsabläufe, typisierende Handlungsweisen, monologisierende Reden und die schauspielerische Umsetzung abstrakter Begriffe wie Tugend, Glück und Mitleid erwiesen sich als Herausforderung. Allein Camus’ bildhaft-poetischer Sprachduktus, gewürzt mit versteckter Ironie, bedurfte besonderer Metrik und Betonung. Wort- und satzreich war der Stoff, prall gefüllt mit Themen, die sich selbst nach 60 Jahren noch als für die Gegenwart relevant erwiesen. All das zusammen ließ das junge Waldorf-Ensemble schon an seine Grenzen gehen.

Albert Camus’ Stück entstand nach der deutschen Besatzung Frankreichs

„Der Belagerungszustand“ (L’état de siège) entstand als Nachkriegsstück unter dem Einfluss der deutschen Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg. Es spielt in der andalusischen Stadt Cadiz ganz im äußersten Süden Spaniens. Mit einem kosmischen Weltuntergang begann lautmalerisch unterlegt die erste Szene. Aufgeregt erwartet die auf dem Marktplatz versammelte Menschenmenge, verstärkt durch Mitspieler der zehnten Klasse, das Ende. „Geht nach Hause“, fordert selbst der Miesmacher und Säufer Nada die Anwesenden auf. Der Gouverneur lässt sie beruhigen und unter Hundegebell, Glockengeläut und Marktgeschrei nimmt südländisches Treiben bald wieder seinen Lauf, trifft ein verliebt schüchterner Diego seine anmutige Victoria.

Jäh unterbrochen wird das Bild, als einige von der Pest Befallen niedersinken. Ein Priester treibt Entsetzte in die Kirche, um sie ihre Sünden büßen zu lassen. Melisse, Thymian, Safran preist eine Frau als Gesundungsmittel an, in den Häusern beten Familien. Von Himmelszeichen angekündigt erscheint in Uniform ein Mann, die personifizierte Pest, samt Sekretärin. Sie entmachten die Obrigkeit und zwingen dem Volk ein System auf, das ob seiner rigorosen Organisation und sinnlosen Gesetze erstaunt. „Einmal, und Sie sind verdächtig. Zwei, und schon sind sie angesteckt; drei, und die Streichung ist vorgenommen. Nichts könnte einfacher sein.“ Einen Menschen nach dem anderen streicht die Frau so aus ihrem Notizbuch. Einzig Nada, das spanische Wort für „nichts“, und manch Eingeschüchterter wie der Alkalde (Bürgermeister) passen sich wie Wendehälse an und leisten so Tyrannei den Vorschub.

Das Thema der Überwachung und Unterdrückung hat nichts an Aktualität eingebüßt

Parallelen zum Heute tun sich auf, wenn übereilige Maßnahmen, Notstands- und Überwachungsgesetze, überbordende Bürokratie und Repressalien gegen Uneinsichtige Freiheit gänzlich beschneiden. „Wenn das Verbrechen Gesetz wird, ist es kein Verbrechen mehr“, resümieren die neuen Machthaber samt ihrer Diener. Diego, der anfangs mit seiner Geliebten vor diesen Zuständen fliehen wollte, widersetzt sich dem neuen Regime, verzichtet aufs private Glück und opfert sich der Allgemeinheit. Vertrieben ist die Pest, doch „Die Alten kommen, die von vorher, die von immer“, heißt es in der lehrreichen Schlusssequenz.

Großflächig angelegt, über die ganze Länge des Raumes, bot eine bunte Theaterkulisse genügend Raum zum Agieren. Statisch blieb darin indes zum Teil das Spiel der Hauptakteure. Mystisch drohend passten sich Soundeinspielungen und Off-Stimme der Atmosphäre an. Den eingangs geschilderten Umständen gezollt war die Präsenz eines aufmerksamen Souffleurs. Dennoch: Ihre traditionelle Abschlussreise nach Italien am Sonntag haben sich die Schauspieler samt Lehrkraft redlich verdient.

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