„Wir waren wie gelähmt“ RHEINPFALZ Plus Artikel Wie betrügerische Dachdecker ein Pfälzer Ehepaar unter Druck setzen

Auch wenn Dach oder Rinne reparaturbedürftig sind, sollte man auf Haustürgeschäfte besser verzichten. Betrüger bieten ihre Diens
Auch wenn Dach oder Rinne reparaturbedürftig sind, sollte man auf Haustürgeschäfte besser verzichten. Betrüger bieten ihre Dienste zunächst günstig an, die dicke Rechnung gibt es dann am Ende.

Als ein Rentnerehepaar morgens beim Frühstück in der RHEINPFALZ einen Bericht über betrügerische Dachhaie liest, kommt alles wieder hoch. Denn das, was einem Krickenbacher im November passiert ist, hat das Paar in Queidersbach auch erlebt: eine Betrugsmasche, bei der an der Haustür Dacharbeiten angeboten werden.

„Was uns passiert ist, ist nun mal passiert. Im Nachhinein bin ich jetzt schlauer“, sagt der Senior, der – genau wie seine Frau – namentlich nicht genannt werden möchte. „Mir geht es darum, dass andere davor gewarnt werden.“ Im Mai 2021 war er einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Er befand sich gerade vor seinem Haus am Auto, als ein blauer Transporter anhielt. Die Insassen gaben sich als Handwerker aus, die bemerkt hätten, dass die Regenrinne des älteren Hauses an einigen Stellen undicht war und tropfte. Sie boten an, die Regenrinne auszutauschen. Als der Rentner hörte, dass er diese Leistung für 300 Euro erhalten sollte, war er sofort angetan.

„Dann tun uns die Männer vielleicht etwas an“

 

Hellauf begeistert rief er seine Frau an, um es kurz mit ihr abzustimmen. Diese zeigte sich aber sofort skeptisch, angesichts der Tatsache, dass die Regenrinne eine beachtliche Länge von 19 Metern aufweist. Als sie kurz danach zuhause eintraf, waren die sechs Männer schon eifrig damit beschäftigt, die alte Rinne abzumontieren. Die Frau wollte sich zwischendrin bezüglich des abgemachten Preises vergewissern, als man ihr schon mitteilte, dass sich die 300 Euro plus Arbeitsmaterial verstehen. Nach einer guten Stunde waren die vermeintlichen Handwerker mit der Neumontage fertig. Anschließend versuchten sie noch vergeblich, den Hausbesitzern den Austausch der an der Hausrückseite befindlichen Rinne aufzudrängen. Einer der Männer kam dann ins Haus, zückte seinen Notizblock und begann zu rechnen.

Der Seniorin wurde es mulmig, als sie sah, welche Zahlen da aufgelistet wurden. Die Verkündung des Endpreises schlug dann auch ein wie eine Bombe: 7500 Euro – sofort in bar zu bezahlen. „Wir waren wie gelähmt“, sagt die Seniorin. „Wir dachten, wenn wir jetzt sagen, dass wir so viel Geld nicht haben, dann tun uns die Männer vielleicht etwas an. Wir wussten beide vor Schreck nicht, was wir machen sollen.“ Zu diesem Zeitpunkt waren noch weitere drei Männer ins Haus gekommen. Der Anblick der vier schwarzhaarigen und mürrisch schauenden Handwerker, die sich untereinander in einer fremden Sprache unterhielten, verstärkte noch die Angst des Ehepaares.

Beim Geldholen verfolgt

2500 Euro hatte es zuhause. Die restlichen 5000 Euro sollten vom Bankkonto abgehoben werden. Der 77-Jährige fuhr dazu in den nächsten Ort, wobei er von einem der Männer verfolgt wurde. Währenddessen wurde seine Frau zuhause nicht aus den Augen gelassen. Diese war erleichtert, als ihr Mann unversehrt mit dem Geld wieder zurückkam. Die Männer, mutmaßlich Osteuropäer, boten noch ein weiteres Geschäft an. Sie wollten eine Armbanduhr erwerben. „Die hatten die Augen überall“, so der Rentner.

Nachdem die Männer die 7500 Euro kassiert hatten, wollte das Ehepaar einen Beleg über die Reparatur. Doch dafür sollte es noch mal 19 Prozent extra bezahlen – die Mehrwertsteuer. In Ermangelung weiteren Bargeldes verzichteten die Eheleute dann notgedrungen auf die Rechnung. Die Betrüger verschwanden daraufhin so schnell wie sie aufgetaucht waren. Der Senior konnte noch geistesgegenwärtig das polnische Autokennzeichen notieren. Am nächsten Tag erstattete er dann Anzeige bei der Polizei. Ohne einen schriftlichen Auftrag oder einer Rechnung konnte diese dem Geprellten aber keine große Hoffnung machen.

„Ich schäme mich so sehr“

„Ich dachte, ich hätte nach meinem langen Berufsleben eine gute Menschenkenntnis. Wir hätten sie rausschmeißen sollen, aber diese Angst im Nacken …“, berichtet die Seniorin immer noch aufgewühlt. Was außer dem finanziellen Schaden bleibt, ist die Scham. So oft in den Medien verfolgt und über die Betrugsopfer mitleidig den Kopf geschüttelt und nun selbst zum Opfer geworden. „Ich schäme mich so sehr vor unseren Söhnen, dass uns so etwas passiert ist. Bis heute haben wir es ihnen nicht erzählt.“ Da tröstet auch eine „vergoldete“, aber wenigstens funktionierende Regenrinne nicht darüber hinweg, die es übrigens zum halben Preis bei einer regulären Dachdeckerfirma gegeben hätte.

Laut Polizei haben sich im Vergleich zum Vorjahr solche Fälle gehäuft. Genaue Zahlen liegen hierzu jedoch nicht vor, da diese Dachdecker-Masche nicht extra gelistet wird, sondern unter allgemeine Betrugsdelikte fällt. Was den zur Anzeige gebrachten Vorfällen gemein ist, ist die Tatsache, dass die Betrüger – oft Südosteuropäer – in Gruppen auftreten. Überwiegend werden die Taten im ländlichen Raum und von Frühjahr bis Spätherbst begangen. Es werden mündliche Versprechungen gemacht. Nach Beendigung der Arbeit wird aus dem vermeintlichen Schnäppchen ein teures Verlustgeschäft. Oft wird die Arbeit zudem noch unsachgemäß ausgeführt. Die Angebote erstrecken sich nicht nur auf Regenrinnen und sonstige Dacharbeiten, sondern auch auf Pflaster-, Teer- und Gartenarbeiten.

Die Polizei gibt Tipps

Die Polizei warnt grundsätzlich vor solchen Haustürgeschäften. Hier sei immer Skepsis geboten. Vor allem, wenn in „bar und ohne Rechnung“ bezahlt werden soll. Hier die Tipps der Polizei: niemals etwas an der Haustür kaufen oder unterschreiben und keine „Vertreter“ oder „Verkäufer“ in die Wohnung lassen. Wenn man doch ein Angebot wahrnehmen möchte, dann vorher alles abklären, überprüfen und schriftlich fixieren. Sich nicht unter Zeitdruck setzen lassen, denn mit einer Unterschrift schließt man ein verbindliches Rechtsgeschäft ab. Am besten noch Nachbarn als Zeugen hinzuziehen. Erst nach erbrachter Leistung zahlen. Zu achten ist auch auf das korrekte Datum und die Unterschriften, damit man später bei Bedarf von seinem gesetzlichen Widerrufsrecht Gebrauch machen kann. Dieser muss dann innerhalb von 14 Tagen schriftlich per Einschreiben mit Rückschein erfolgen. Sollte man trotzdem auf ein unseriöses Haustürgeschäft hereingefallen sein oder von Tätern konkret unter Druck gesetzt werden, bittet die Polizei um direkte Kontaktaufnahme und Erstattung einer Strafanzeige.

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