Kreis Kaiserslautern „Wir brauchen Erkenntnisse der Jugend“

Kollweiler. Der Lebensraum Dorf verliert bei Jugendlichen heutzutage immer mehr an Attraktivität. Das Projekt „Dorfraum-Pioniere“ soll jungen Menschen ermöglichen, ihr Heimatdorf als Raum der Selbstverwirklichung neu zu entdecken. Über Ziele und neueste Entwicklungen des Projekts haben wir mit Ingo Schenk vom Landesjugendpfarramt der Pfalz und dem Kollweilerer Ortsbürgermeister Hartmut Schmitt gesprochen.
Ehrlich gesagt: Grund war, dass mich das Gerede zum Thema Demografie schon eine ganze Weile geärgert hat. Die Leute machen gerade so, als würde der ländliche Raum aussterben. Dieser negativen Stimmungsmache wollte ich etwas entgegensetzen. Und wie haben Sie das angestellt? An einem Strukturwochenende der evangelischen Jugendzentrale Otterbach/Lauterecken haben Jugendliche 2010 erstmals herausgearbeitet, wie sie ihre Kindheit und Jugend im Dorf erlebt haben. Daraus entstand 2011 das Projekt „Dorf-Leben“: Junge Menschen sollten dabei das eigene Dorf als Raum entdecken, den sie eigenverantwortlich gestalten können. Diese Maßnahme hat sich schließlich zum Dorfraum-Pionier-Projekt weiterentwickelt, welches nun durch das „Leader“-Programm Rheinland-Pfalz mit 75.000 Euro gefördert wird. Die Jugendlichen möchten mit selbstständig erworbenem Wissen ihrer Heimat etwas zurückgeben. Herr Schmitt, Kollweiler ist nun Teil des Dorfraum-Pionier-Projekts. Wie kam es dazu? An einem Grillabend der Ortsgemeinde 2013 kamen Mitarbeiterinnen der Kirchenjugend auf mich zu und berichteten vom „Dorf-Leben“-Projekt. Wir haben viele engagierte und interessierte Jugendliche in Kollweiler und Umgebung, daher haben wir gemeinsam beschlossen, an dem Projekt teilzunehmen. Daraus entwickelte sich schließlich das Pionier-Projekt. Was erwarten Sie sich davon? Jugendliche verlieren heutzutage relativ früh Kontakt zum Heimatort. Unsere Hoffnung ist, dass sie sich mit Hilfe des Projekts, dem Wissen, was sie sich über ihre Heimat angeeignet haben, besser mit ihrem Dorf identifizieren können. Dann ist die Chance groß, dass sie nach Ausbildung, Studium und beruflicher Etablierung wieder zurückkehren. In Kollweiler haben wir schon viele Projekte durchgeführt, aber immer aus Blickwinkeln der mittleren und älteren Generation. Jetzt brauchen wir die Erkenntnisse der Jugend, um uns ein vollständiges Bild machen zu können. Gute Ideen, die vor allem finanziell machbar sind, möchten wir letztendlich auch gerne für unser Dorf umsetzen. Wie haben sich die angehenden Dorfpioniere auf ihre Aufgaben vorbereitet? Bevor sich die Jugendlichen im Dorf selbst umgesehen haben, analysierten sie unter Anleitung von Bernhard Haupert, was sie bereits über Kollweiler wissen und wie sich das Dorf selbst präsentiert, beispielsweise in seinem Internetauftritt. Den Ort selbst erkundeten die Jung-Pioniere an einem Workshop-Wochenende. Abends fand eine Podiumsdiskussion statt, an der verschiedene Dorf-Gruppierungen ihre Sichtweise zu Kollweiler erörterten. Am nächsten Tag befragten die Jugendlichen Bürger auf der Straße nach Ihrem Standpunkt. Die Erkenntnisse daraus wurden bereits verschriftet und werden nun ausgewertet. Welche Erkenntnisse konnten Sie bereits aus dem Projekt gewinnen? Es ist hoch spannend zu sehen, dass es so viele fitte Jugendliche gibt, die in der Lage sind, sich und ihren Sozialraum zu reflektieren und zu erkennen, dass ihr Dorf viel mehr hergibt, als sie erahnten. Mich freut das große Engagement, mit dem die jungen Leute hier zur Sache gehen. Leider ging die Motivation für Jugend-Projekte oftmals von mir aus. Jetzt lernen die Jugendlichen in Eigeninitiative, Ideen für ihre Heimat zu entwickeln. Gibt es schon konkrete Ergebnisse? Wenn, dann würde ich sie noch nicht verraten. Das ist Aufgabe der Jugendlichen, wenn die Zeit reif ist. Viele Ideen stehen nun im Raum und müssen auf ihre Wasserdichte und Umsetzbarkeit überprüft werden. Ergebnisse sollen im Rahmen einer Präsentation vorgestellt werden. Das „Leader“-Programm Rheinland-Pfalz fördert das Pionier-Projekt. Mit welchen Argumenten konnten Sie überzeugen? „Leader“ ist ein von der EU gefördertes Programm, dass ländliche Regionen fit für die Zukunft machen soll. Mit dem „Dorf-Leben-Projekt“ hatten wir ja bereits eine ähnliche Maßnahme initiiert und für „Leader“ weiter ausgearbeitet. Gerade das Thema Jugend im ländlichen Bereich wurde innerhalb des Programms noch nicht besprochen, das haben die Verantwortlichen schließlich erkannt. Wir sind im Bundesgebiet schon ein stückweit modellhaft. Fördern Sie mit dem Projekt auch gleichzeitig den (kommunal-)politischen Nachwuchs? Muss nicht, kann. Ich will in erster Linie nicht Politik betreiben, ich will eine bessere Gemeinschaft erreichen. Die Jugendlichen müssen ins Ortsgeschehen mit eingebunden werden. Werden sie in Entscheidungen mit einbezogen, fühlen sie sich als vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft und identifizieren sich mit dem Dorf. Das ist in meinen Augen Politik: Das Miterleben und Wissen der Bürger, dass man mit Eigenverantwortung- und Initiative in der Gemeinschaft etwas erreichen kann. Wir wollen eine verbesserte Kommunikation zwischen den Generationen erreichen. Wenn daraus ein Interesse für Politik entsteht, ist das toll. Das unterstreiche ich. Wir haben ja auch kein primäres Ziel. Die Frage, die es zu beantworten gilt, heißt: „Was hält alle Generationen trotz all ihrer Differenzen zusammen?“ Es ist das Dorf selbst. Der Ortsname Kollweiler zum Beispiel. Dafür steht etwas und genau das meinen wir mit Identifikation. Wie wichtig ist die Ortsidentität der Jugendlichen mit ihrem Dorf für eine funktionierende Gemeinschaft? Sehr wichtig. Ohne Ortsidentität brechen ganze Generationen weg. Das Problem hatten wir schon einmal und es darf nicht wieder passieren. Die Altersgruppe, die heute 40 bis 45 Jahre alt ist, ist Kollweiler damals komplett weggesplittert. Die Jugend hatte in der Dorfgemeinschaft wenig Mitspracherecht, fühlte sich oft nicht ernst genommen. Die Verbundenheit zwischen den Generationen hat gefehlt. Junge Leute müssen sich ausleben und frei entfalten können und die Dorfgemeinschaft hat die Aufgabe den entsprechenden Freiraum zu schaffen.