Kreis Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Wildschweine im Rausch der Hormone

Wildschweine sind derzeit in Paarungslaune. Spaziergänger sollten sich gerade jetzt vor den mitunter die Scheu vorm Menschen ver
Wildschweine sind derzeit in Paarungslaune. Spaziergänger sollten sich gerade jetzt vor den mitunter die Scheu vorm Menschen verlierenden Tieren fernhalten.

Wenn im November das Laub von den Bäumen gefallen ist und die braun verfärbten Eichen- und Buchenblätter dick den Waldboden bedecken, können aufmerksame Waldbesucher das anwechselnde Schwarzwild schon von Weitem hören. Es ist „Rauschzeit“.

Das unter den Hufen der vielköpfigen Rotten vom Rauschen des Windes in den Baumkronen begleitete Knacken und Rascheln des trockenen Laubes taucht den Wald in eine ganz eigene Akustik, die den ansitzenden Jäger in höchste Spannung versetzt. Vielleicht hatte man einst in Anlehnung an diese Geräuschkulisse die jetzt beginnende und gewöhnlich bis Januar dauernde Brunft des Schwarzwildes als „Rauschzeit“ bezeichnet. Kreisjagdmeister Hubertus Gramowski vermutet hingegen eher die von ihren Trieben „berauschten“ Keiler als Ursprung dieses Begriffs. Ähnlich sieht es auch Heiko Hornung, Chefredakteur der Jagdzeitschrift „Wild und Hund“, der „rauschen“ hier auf das mittelhochdeutsche „riuschen“ zurückführt, womit das ungestüme, stürmische Verhalten der hormongesteuerten Keiler während des Brunftgeschehens gemeint sei.

Kämpfe zwischen Keilern durchaus möglich

Die weiblichen Wildschweine leben in Rotten von sechs bis 20 Tieren, denen außerhalb der Rauschzeit eine ältere Leitbache, mehrere jüngere, rangniedrigere Beibachen und der dies- und letztjährige Nachwuchs angehören. Männliche Jungtiere müssen diesen Familienverband in der Mitte ihres zweiten Lebensjahres verlassen und vagabundieren dann noch ein paar Monate in kleinen Trupps durch die Gegend, bevor sie sich vereinzeln und zumeist abwandern. Die erwachsenen Keiler leben das Jahr über als Einzelgänger.

Durch den Brunftgeruch der weiblichen Tiere angelockt, suchen sie im Spätjahr und Winter die von den Bachen an Bäumen mit Speichel und anderen Sekreten markierten Rauschplätze auf. Treffen hier starke Keiler aufeinander, kann es im Verlauf eines ritualisierten Droh- und Imponiergehabes zwischen den Rivalen zu Kämpfen mit blutigen Verletzungen kommen. Mit etwas Glück kann das Schauspiel in diesen Wochen auch im Kaiserslauterer Wildpark beobachtet werden. Da das Schwarzwild in der aggressiven Atmosphäre während der Paarungszeit mitunter die Scheu vor Menschen verliert, sollten Waldspaziergänger wegen der davon ausgehenden Gefahr Kontakte mit Wildschweinen meiden und die Hunde an die Leine nehmen, rät Gramowski.

Rotten mit komplexen Beziehungen

Nach den Erkenntnissen des pensionierten Forstamtsrats Norbert Happ, Autor des Buches „Hege und Bejagung des Schwarzwildes“, seien Schwarzwildrotten keine zufällig zusammengewürfelten „Saubanden“, sondern Tiergruppen mit sehr komplexen Beziehungen untereinander. Dabei ist die Leitbache der Kopf eines matriarchalisch und hierarchisch gegliederten Verbandes, der aus mehreren miteinander verwandten Bachen unterschiedlichen Alters samt deren diesjährigen Frischlingen und dem letztjährigen Nachwuchs, den „Überläufern“, besteht. Leitbachen bestimmen über alle Verhaltensabläufe innerhalb der Rotte – auch über den Beginn der Brunft, die in der Regel von November bis Januar stattfindet. Nach der Leitbache werden dann im Normalfall innerhalb von zwei Wochen alle geschlechtsreifen Bachen der Rotte „rauschig“ und von Keilern „beschlagen“ (begattet). Diese Rauschsynchronisation verhindert die Zersplitterung der Rotte durch unterschiedliche Setzzeiten der Bachen.

Die günstigen Ernährungs- und Umweltbedingungen infolge flächendeckenden Maisanbaus, häufiger Mastjahre in den Wäldern und milder, schneearmer Winter werden vielfach als eine Ursache dafür genannt, dass ein Teil des weiblichen Nachwuchses bereits im ersten Lebensjahr an der über 200-prozentigen Reproduktion des Schwarzwildes teilnimmt. Die in diesem Herbst weitgehend ausgebliebene Mast bei Eichen und Buchen wirkt sich daher eher begünstigend auf die seit Jahren angestrebte Senkung der überhöhten Schwarzwildbestände aus, wie Kreisjagdmeister Gramowski bestätigt.

Nach 16 bis 17 Wochen kommen die Frischlinge

Wird eine Leitbache infolge ihres hohen Alters nicht mehr rauschig, verlässt sie die Rotte und führt bis zu ihrem Tode ein Einsiedlerleben. An ihre Stelle tritt dann die im Rang nächsthöhere Bache und die soziale Ordnung innerhalb des Verbandes bleibt erhalten. Fällt jedoch die Leitbache dem Straßenverkehr oder versehentlich der Kugel zum Opfer, bricht dieses komplizierte Beziehungsgeflecht zusammen und es kann unter anderem zu unkoordiniertem Rauschen und Frischen kommen. Nach Ansicht von Happ dauert es lange, bis sich wieder eine neue, stabile Familienstruktur gebildet hat.

Gegen Ende der Tragzeit von 16 bis 17 Wochen verlässt die „hochbeschlagene“ Bache wenige Tage vor der Niederkunft vorübergehend die Rotte und errichtet an einem geschützten Platz einen „Wurfkessel“, den sie mit weichem Material auspolstert. Die Anzahl der im Idealfall von März bis Mai gesetzten Frischlinge – üblicherweise zwischen drei und acht Stück – hängt vom Alter der Bache, deren Ernährungszustand und den klimatischen Umständen ab. Verliert eine Bache ihren gesamten Wurf – zum Beispiel infolge nasskalter Witterung im Frühjahr–, kann sie im selben Jahr noch einmal rauschen und frischen. Weiterhin wurde beobachtet, dass nach besonders reichen Waldmasten einzelne Bachen auch ohne Verlust des Erstwurfes im selben Jahr ein zweites Mal gefrischt haben. Allerdings gehen zur Unzeit gefrischte Jungtiere geschwächt in den Winter und haben nur geringe Überlebenschancen.

Im Gegensatz zu dem seit Jahrhunderten in der Jägersprache gebräuchlichen Ausdruck Rauschen wird der Begriff Leitbache erst seit den 1980er Jahre verwendet, nachdem Heinz Meynhardt in der damaligen DDR seine bahnbrechenden Erkenntnisse über das Zusammenleben von Wildschweinen in einem „Schwarzwild-Report“ veröffentlicht hatte.

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